Ausgabe 
(16.7.1897) 41
 
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und vielleicht der Reorganisation fähigen Volkskraft be-reits die Augen zu offnen begonnen hat» zeigt vor Allemdie Ausbreitung des Volkshochschulwcsens und der Volks-tracht erhaltenden und Volksthümer sammelnden Vereine.Mag man über Wesen und Werth dieser Erscheinungenstreiten: die Anerkennung des Postulates von der Be-deutung der organisirten Masse und der clementarischenVolkspotcnz bleibt. Anderseits weisen in den Kreisenwahrer Jndividualitätsknltnr manche Radien von denverschiedensten Richtungen nach den Kreiscentren: undsogar manche wieder von diesen Centren nach dem Cen-trum der Centren. Denn wie unsere kosmologischen An-schauungen die erste Stufe der Vollendung erreicht haben,seit man angefangen hat die Ccntralsonne zu suchen, somuff etwas Aehnlichcs schon nach allen Naturgesetzen auchfür unsere historischen Anschauungen im großen Stileintreten.

Bereits beginnt sich die Erkenntniß auszubauen, daßdas lebensvolle 18. Jahrhundert, ebenso wie es in seinercentrifngalcn Kraft nach dem 19. Jahrhundert rmd viel-leicht noch darüber hinaus weist, in feiner centripetalenKernkraft sich eng an die Renaissance anschließt. Nichtmit Unrecht hat eine Abhandlung in der Beilage derAllg. Ztg.« (April 1897) in dem Ende des 18. Jahr-hunderts das letzte Ausströmen der großen Renaissance-bewegung gesehen. Diese Erkenntniß wird nach meinenBegriffen vollendet sein, wie man erkannt haben wird,daß in Goethe diese centripetale Kraft über die centrifugaleseiner Jugendzeit seit Weimar und vor allem seit Italien dauernd gesiegt hat, um den Altmeister zum letzten har-monischen Gebilde der Barock-Renaissance zu machen:und zwar mit allen Stärken und Schwächen dieser Knl-tnr-Bewegnng: und zugleich im Zeichen des Niederganges,mit manchen Ahnungen der eigenen Ungelöstheit.

Auf der Wende von Renaissance und christlichemMittelalter steht Shakespeare . Daß dieses christlicheMittelalter trotz Allein und trotz Manchem einen ge-waltigen mitteleuropäischen Sieg des Nomanismns be-deutet: diese Erkenntniß bricht sich in der ernsteren Forsch-ung immer mehr Bahn. Die höchste ideale Macht desRomauismus ist erreicht mit Dante : und von da laufendie Hauptfäden trotz Vergil und Aristoteles hinüber zuPlaton . Platon aber ist der kongeniale, spätgeboreneWidersacher des Homer. Dieser Homer aber ist aller-dings nicht der gefeierte aber ebenso unmögliche Dichtervon Jlias und Odyssee, sondern nur der Urheber derAchill - Patroklos - Hektor - Dichtung in der Jlias: einerDichtung von nur ungefähr 5000 Versen, die aberan Grandiosität, Tiefe und Einfachheit alle Literaturder Zeiten lveit hinter sich läßt und ihren Polarpnnktnur aus einer erschreckenden Complicirthcit der Beding-ungen und aus ebenso erschreckenden Nothwendigkeitenund Weltgeschickslagen heraus finden kann.

Die Beweise für diese vielleicht kühnen Behaupt-ungen muß ich für zwei größere, fertigliegende, vielleichtdemnächst herauszugebende Arbeiten ersparen.

Homer ist nicht objektiver Volksdichter, sondern fürseine Zeit denkbar größter Kunstdichter, der in seinen5000 Versen den Griechen vor allem die Keime derReligion und der Philosophie, sodann aller Dichtungsartenthatsächlich gegeben: der, man kann fast sagen, dashellenische Volksthum erst geschaffen hat. Aus dem vonihm Gegebenen mußte sich das griechische Volksthum infortwährendem Entwicklungskampf Herausringen: zugleich«ber mußte es die gegebene hohe Volkskultnrmöglichkeit

mit seiner eigenen erdgcborenen Kraft vereinen und aus-gleichen. Die erste Heransholung dieser erdgcborenenVolkskraft, aber durch das Sonnlicht des längst ver-storbenen blinden Schersängers aus dem Boden heraus-gelockt, bedeutet, während die nachhomerische Jlias einLabyrinth von kämpfcnden Tendenzen: vor allem genialische,talentvolle wie talentlose Erhebungen gegen das ort- undzeitlose Genie Homers enthält, erst der Kern der Odyssee.Manche andere rütteln daran, aber erst Platon zerschlägtden schönen Kreis: und das Helleuenthnm zerplatzt zu demkraft- und anschauungsreichen, aber auch mehr und mehrin sich zerrissenen und zum Orientalismns zurückkehrendenHellenismus . Das erste Hauptmoment in dieser wichtigenBewegung bedeutet das Heroon von Gjölbasch-Thrysa(Kunsthist. Mus. in Wien ) mit seinen über 100 Meterlangen Fries- resp. Doppelfries - Darstellungen. DasZweite Hauptmoment bedeuten die Schollen, die in ihrenAnschauungs-Irrgänger: in ihren zwischen plattestemRationalismus, ödester Blasirtheit und sensibelstem Mysti-cismus schwankenden Grundströmungen vielfach so frap-pante Parallelen zu der jetzigen Zeitsignatnr liefern. Ver-gebens stellte sich dieser Flutströmung die neuländische,natur- und Volksfremde Wissenschaft von Alexandrtenentgegen. Die Bewegung geht weiter, um in ihremdritten Hauptmoment, dem Nenplaronismus, für immerunterzusinken oder in's Christliche zu verschwimmen oderauch bewußt sich zu retten.

Da, wo das Lateilierthnm in die Bewegung ein-tritt, ist es auch bereits natur- und volksfremd, sogar-feindlich. Das römische Schwert und die römische Logikaber hatten dieselbe hineinzutragen in die Länder desKeltenthums, später auch in die Tiefen des germanischenWaldes und des ungebrochenen germanischen Volkstums.

Die erste Krystallisierung in diesem Proceß ist zusehen in dem karolingischen Knltnrkreis, die zweite indem Ausbau des Nomanismns ins Mittelalter auchin das altfränkische Mittelalter hinein: sich stützend aufden romanisch-keltischen Sagenkreis, auf die romanischeUniversitäts - und Gelehrsamkeitsbewegnng und auf denidealen Einfluß der vorherrschend romanischen Kreuzzugs-bewegungen.

Die Wende des 12. Jahrhunderts, natürlich imweiter» und weitesten Sinn, ist eine hochbedeutsame,fast erhabene. Die Scholastik ist im Ausbau begriffen,Dante tritt auf auch die deutsche Bildung und deutsche Literatur ist trotz manchem Anschein eine stark überwiegendlateinisch-romanische. Aber schon hat die Lohe germanisch-heidnischen Denkens und Fnhlcns, die zum letztenmale,wenn auch aus dem Christenthum heraus und mit etwasChristenthum, in den altfränkisch-baivarischen Nibelungenund in dem sächsisch-romanischen, aber auch in Bajuvarienentstandenen Gndrnnlied aufschlug, gleichsam ein Früh-morgenroth für neue Entwicklungen bedeutet. Die po-litischen Staufer kommen, die deutsche Mystik setzt mächtigein: und während Wolfram von Eschenbach noch versöhnendund ausgleichend auf der Wende steht, ruft Walter vonder Vogelweide als lyrischer Pionier mächtig in die neuenZeiten hinein. In schauernden Wehen beginnt eine rück-läufige Bewegung: der beginnende Befreiungskampf desGermaneuthnms.

Seine gothischen Dome stellt das sich elementar! heransringende Germanenthum als mächtige Symbole anI den neuen Weg; bis zu den Anfängen einer deutschenI Malerei vermag es vorzudringen. Aber es ist ihm einneuer, innerer Feind erwachsen: der mittelalterliche