Kosmopolitismus, wie man ihn im germanischen Sinnwohl am besten an Oswald von Wolkenstcin studierenkann. Und die gothischen Dome sind, ein bedeutungs-volles Wahrzeichen, am bedeutungsvollsten bei derMünchener Liebfrancnkirche, unausgebaut geblieben: undda aus der Erkenntniß der gefährlichen, verwirrten Zeit-gänge heraus hätte ein neuer, mächtiger Aufschwung kommensollen und können, da tritt mit der beginnenden Re-formation, zunächst nur indirekt und im Tieferenliegend: durch deren Verbindung mit dem einstweilenübermächtigen Humanismus (das Griechische war damalsnoch akademisches Spiel oder zünftige Spezialisation) einabsoluter Rückschlag zum Latinismus ein. Und dieseBewegung dringt denn auch trotz mancher Hemmung, zueinem modernen Romanismus sich ausbauend, heran bisvor die Thore der neuen Zeit, unter deren WölbungMänner wie Lessing , Winkelmann und Herder standen.I. I. Rousseau aber that den großen Ruf in die neueZeit hinein.
In einer Bewegung, wie sie noch nie gesehen wordenwar, die höchstens zünftige Pedanten mit dem engen undgar nicht immer und überall zutreffenden SchlagwortRomantik abgethan glauben können, schlug der Umsturzzur germanischen Bewegung zurück an die fernsten Ge-stade echten, unverfälschten Germanen- und HellenenthumS.Aber die „Romantik" brach mit den nationalen Ent-täuschungen, welche die heilige Alliance sammt dem Be-stcheubleiben des Napoleonischen Mittel- und Westeuropa mit sich brachte, in sich zusammen. Um die Wende der40er Jahre brach auch der politische Germanismusprinzipiell zusammen: und seit der 70er Wende wurdeder Germanismus auch sozial in Trümmer geschlagen.Das ist gleichsam die Wellenbewegung des 19. Jahr-hunderts.
Man konnte in der letzten Zeit Schriftsteller derverschiedensten Art sagen hören, daß alles Gesunden dernächsten Zukunft von dem Gesunden der socialen Zuständeabhänge. Gewiß. Aber es wäre so ziemlich blinderOptimismus, dies Gesunden ohne Katastrophen sehen zuwollen: was hinwiederum jedoch für wirklich Gebildete,vor allem für wirklich gebildete Germanen nichts wenigerals Quietismus in sich schließen darf. Vielleicht kommtdann die Bewegung des 19. Jahrhunderts im nächstenrückläufig vom Sozialen zum Politischen und vom Po-litischen zum Nationalen: und wenn irgend welche guteAussichten möglich sein sollen, müssen unterdessen, jeelementarer die Eruptiousbewegnngen verlaufen sind undverlaufen mußten, um so sicherer, klarer, wirklich idealer diereaktionären Bewegungen gewesen sein: zurück zu den ewiggütigen Typen, Gesetzen und Idealen des Mcnschenthums.Vielleicht wird sich auch an jede jener vordrängendenBewegungen eine immer stärkere germanische Untcrström-ung und zugleich mit dieser eine, über Nomanismus undLatinismus hinweg, zu dem weltgeschichtlichen und tiefinnerlich verwandten Griechenthum zurückschlagend knüpfen.Und vielleicht wird sich so einmal zeigen, daß wir an allden Stationen des ringenden Germanismus mit erweitertem,vertieftem, kampfgeläutcrtcm Anschauen und Sinnen wiedervornberkommen: und daß dann auch einmal die großeZeit da sein wird, welche die große Brücke direkt vondem im Kampf und an den idealen Vorbildern seinerJugendzeit geläuterten und ansgerciftcn Germancuthumzurück bis Zu den tragenden.Säulen des Hellenenthumsschlagen kann: zu einer Verbindung des Hcllencnthums
und Germanenthums, die sich in dem wahr und voll er-kannten Christenthum gefunden hätten.
Man sieht, es hat noch weite Wege: und die Be-wegungen in Natur und Geschichte werden sich auchtemperamentvollen Schriftstellern und Dichtcrsehern zu-liebe nicht überstürzen. Dafür aber darf jeder wahrhaftGebildete, darf vor allem jeder auch nur in etwas wahr-haft germanisch Gebildete heutzutage diese Leuchten anden beiden Polarpunkten der inneren Weltgeschichte nichtaus den Augen verlieren; muß jeder Sinn und Handzum Wiedererkennen des alten Hellenenthums, zur Sicher-ung und Wiederbelebung des germanischen Volksthumsleihen. Und um so eindringlicher, um so mehr in selbst-verloren idealer Arbeit muß das geschehen, je mch:gegenwärtig und für die nächste Zukunft Gefahr besteht,daß es dem griechischen wie dem deutschen Volksthumimmer mehr so gehen könnte wie den Jnsignien deshohen Kirchenfürsten, wenn sie der blöd oder grobernstdreinschauende Ministrant vom Altar wegträgt. Daßschwere Arbeit zu verrichten sein wird, ist für jedenKenner unserer Zeit selbstverständlich: das hat auch,wenigstens für das Germanische, der unlängst in der„Allgem. Ztg." (Beilage 100, 1897) von F. v. d. Lehenerschienene Artikel dargethan. Mit Recht ist in demselbenin den Vordergrund gestellt worden, wie auch wieder indem Handbuch der germanischen Mythologie des nochsehr jungen, verdienstvollen W. Golther die Gefahr dermodernen, temperament- und feuerlosen, nüchternen undskeptischen Gelehrsamkeit sich deutlich und gerade an einemder Besten gezeigt hat.
Also auf! Oder soll man die Hände in den Schoßlegen oder als unsteter, ironisch lächelnder Pilatus ewigfragen: Was ist Wahrheit? Oder soll man gar mitRichard Wagner , dem unglücklichen, aber ja nicht zuverkennenden, wirklich heroischen Vorkämpfer für dasGermanenthum, sagen: es gibt kein deutsches Volk mehr;wer noch daran glaubt, ist ein Narr? Dann könnenwir auch getrost allen weltinncrlichen Humanismus —und vor allem auch unsere humanistischen Schulen, diees allerdings erst richtig und ganz werdenmüßten, begraben.
Andrerseits wäre es auch gewiß der Mühe werthund nicht weniger nothwendig, wieder einmal mit demErnst und der Unbeirrtheit, deren das Suchen nach derWahrheit bedarf, die Sonde anzulegen und zu fragen:was ist denn eigentlich echtes Griechenthum? Ist esvielleicht gar der Alexandrinismus oder gar der latinisirteHellenismus oder dessen Verbindung mit der direktöstlichen Spekulation? Was ist das, was man jetzt sovielfach, auch in so ernsten Schriften und Artikeln, wiedie Schcll'sche Programmschrift und der Artikel desKunstwart (1. Heft, Mai 1897: „Zur deutschen Volks-kunst") sind, als Alles stützendes Schlagwort gebraucht, aberauch vollständig unerörtert gelassen findet: das deutscheVolk? Sollte die Blüthe desselben gar am Ende inunserem Uuivcrsitäts-Akadcmismus zu suchen sein? Solltesein Kern und seine Kraft, wie es manchmal fast scheinenmöchte, in dem Berliner Ostelbierthum und in den nichtunorientalischen „Vereinen zur Erhaltung des Deutschthumsim Ausland" gesehen werden müssen? Leider wäreheute das ^ouvoanb eoiisnles" keineswegs mehr amPlatz. Um so mehr wird jeder, dem es mit germanisch-christlichem und wcltgeschichtsknndigem Humanismus Ernstist, verpflichtet sein, sich auf den verlassenen Posten zustellen. Daraus könnte dann einmal der große Rcalis-