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Eine Zeit des Uebergangs in Sitten undGebräuchen
bildet das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts.
Wohl ist jede Zeit eine Nebergangszeit, wohl sinddie menschlichen Einrichtungen einer fortwährenden Ver-änderung unterworfen, wohl ist das Leben der Völkerein steter Szencnwcchsel auf offener Schaubühne; alleinwenn wir einem oder mehreren Jahrzehnten den Titeleiner „Uebcrgangszeit" in hervorstechender Weiseaufdrücken, so verstehen wir darunter eine culturgcschicht-liche Epoche, welche große und außergewöhnliche Ver-änderungen aus ihrem Schoße gebiert, welche neue Ideen,neue Sitten und neue Institutionen hervorruft und hic-dnrch eine neue Ordnung der Dinge erzeugt. Eine solcheZeit des Ucbcrganges war das humanistische und dasNeformationszeitaltcr, eine solche Zeit des Uebergangswar die französische Revolution, in einer solchen Zeit desUebergangs befinden wir uns selbst an der nahen Wendedes Jahrhunderts. Die Ausbeutung der Natnrkrcifte,deren zwei Hauptergebnisse die Maschine und das hoch-entwickelte Verkehrswesen bilden, hat mit. der Unter-stützung des modernen Kapitalismus gewaltige undgewaltsame Veränderungen hervorgerufen und wird fortneue Veränderungen erzeugen.
Die Veränderungen, welche Maschine, Verkehr undKapital auf wirthschaftlichem Gebiete, im Erwerbslebenund in der gewerblichen Technik hervorgerufen, sind be-reits wiederholt Gegenstand geistreicher Erörterungen undUntersuchungen gewesen. Wir wollen hier die Veränder-ungen, welche diese modernen Cnltnrfaktorcn und anderemoderne Mächte in den Sitten und Gebräuchendes Volkes hervorgebracht, einer mehrseitigen Be-trachtung — soweit das in einem kurzen Aufsätze möglichist — unterwerfen.
Wenn wir Hiebei den Bauernstand vorzugs-weise zum Objekte unserer Schilderung machen, so hatdas seinen berechtigten Grund: Die Veränderung derLebensweise, ihrer Innen- und Außenseite, hat sich in denStädten zum Theil schon früher, znm Theil nicht so auf-fallend vollzogen wie auf dem ehemals abgeschiedenenLande. Dazu sind Sitte und Laudesbrauch bei demBauern, gleich dem in rauher Luft befindlichen Felsen,schärfer und markanter ausgeprägt, als beim abgeschliffenen,in der verweichlichenden Luft der geschützten Straße unddes Salons sich bewegenden Städter; daher auch dieVeränderungen im Bauernstande, wenn sie nach langemWiderstände einmal kommen, ticfcrgehcndcr und auf-fallender.
Diese Veränderung, diese Nebergangszeit zeigt sichnicht zuletzt in dem allmählichen Untergänge der münd-lichen Tradition und des überlieferten Volksliedes, in derAbnahme der Volkstrachten und Volksgcbräuche und indem gleichzeitigen Verschwinden vieler religiöser Ge-bräuche und religiöser Lcbcusgewohuheitcu. Das Lebenwird papieren, einförmig, gcmüthslos und äußerlichuukirchlich.
I.
Die Tradition, der Sinn für lokalgcschichtlicheErinnerungen, für die Werke und Thaten der Ahnen,für örtliche Sagen und Berichte geht allmählich im Volkeunter. Mögen auch in den letzten Jahren einzelne Ge-bildete sich in dankenswertster Weise bemühen, die lokal-
2 geschichtlichen Notizen und Legenden zu sammeln und zu! retten, das täuscht nicht über die Thatsache hinweg, das;S der Sinn für heimathliche Ueberlieferung im Landvolke! und im landstädtischen Kleinbürgerthnm mehr undmehr erlischt.
Der Bauer las ehemals nichts oder nicht viel.Gebetbuch, Goffinc, Heiligculegcnde und Kalender bildetennur zu oft seinen ganzen Büchcrvorrath. Der BauerS schöpft Wissen und Erfahrung nicht aus todten Büchern! und rasch hinwelkenden Zeitungen, sondern aus Naturi und Leben. Die Natur ist das große Lehrbuch, in dem» er mit „seinen Augen" liest, der Fleck Erde, auf dem erS geboren, das Gcschichtswerk, dessen Inhalt nicht die Blühe! eines Forschers geschaffen, sondern die mündliche Er-zählung und Erinnerung, pietätvoll erhalten und fort-i vererbt vom Ahn auf den Enkel, von Geschlecht zu! Geschlecht.
8 Mancher alte Bauernhof bildete mit seinen Be-
! wohnern einen stolzen Edelsitz, in dem. Familienchroniki und Urkunden durch den mündlich erhaltenen Stamm-l baunr und die mündlich erhaltene Lokalgeschichte ersetzt! wurden.
? So war der Sinn für Hcimathsgcschichten und
Hcimathssagen ehemals im mittleren und niederen Volkefast überall lebendig, zum mindesten in viel höheremGrade verbreitet, als in der heutigen Gesellschaft. H DieseErfahrung wird jeder bestätigen, der in dieser Hinsichtalte und junge Leute ausforscht. Die Stätte, wo dieselokalgeschichtlichen Erinnerungen gepflegt und erhaltenwurden, war nicht das Gasthaus oder der Markt desLebens, nicht Sammelwerk und Zeitschrift, sondern der»väterliche Herd oder die Ofenccke der Wohnstube.
S So war der Herd meines Elternhauses noch in derersten Hälfte unseres Jahrhunderts der Mittel- undSammelpunkt, an dem die Erinnerungen und Angelegen-heiten einer ganzen Dorfbevölkerung besprochen und be-rathen und traditionell erhalten wurden. Beim Dämmer-! lichte des Kienspancs saßen dort die Insassen des Hauses! und ein Kreis befreundeter Nachbarn: Da wurden cr-! zählt die Wunder alter Tage, die alten und neuen Ge-l-schichten-und die Sagen der Umgegend, da wurden aus-getauscht die Erfahrungen eines langen Lebens, Erfahr-ungen aus friedlichen Tagen und aus Zeiten schwererNoth, aus Krieg und Krankheit; und in diese Berichtehinein erklang manches heimathliche Lied, manche hcimath-i liche, mündlich überlieferte und mündlich verbreitete Me-lodie. In späteren Zeiten, als an die Stelle des Kicn-spanes die Ocllampc trat, war die Wohnstube der Ortabendlicher Zusammenkunft, und ich erinnere mich ausmeinen Kuabenjahren noch lebhaft an manche originelleBauerugestalt, die nach dem Abendessen auf der Bankam mächtigen Kachelofen saß und, während Mutter undMagd an dem heute verschwundenen Spinnrad saßen,mit meinem Vater über Gegenwärtiges und Ver-gangenes sprach.
ll'ainpj pnssnti. Es ist anders geworden, und einneues und nüchternes Geschlecht bewohnt die von denVätern ererbten Räume. Der Schienenverkehr und die
') Die Socialdemokratie, welche jede geschicht-liche Erfahrung ignorirt, der NationalliberallsmuS.dessen geschichtlicher Rückblick mit dem Jahre 1870 begrenztist, beweisen u. a., wie der Sinn für Geschichte im Volksvielfach geschwunden ist.