Ausgabe 
(24.7.1897) 42
 
Einzelbild herunterladen

294

ihn begleitenden Touristen- und Händlerschivärme habensich bis in die abgelegenste Landschaft und die unbe-kannteste Gebirgseinöde Bahn gebrochen, der aller Ori-ginalität abholdeCnltnrtcnfcl" begann seine abschleifendeArbeit; Geist und Lebcnsgewohnhcit, gesetzlich und nichtgesetzliche Einrichtungen haben sich verändert. Nicht mehram häuslichen Herde, sondern im Gasthause und inder Kneipe, welch letztere durch die liberale Gesetz-gebung der siebziger Jahre eine unheilvolle Vermehrungerfahren, werden die freien Abende verbracht; aber nichtin der Pflege von tzeimathssage und Heimathssang, son-dern in Trunk und Spiel und nicht selten in Streit undNaufhändeln. Den mündlichen Bericht ersetzt das imnächsten Städtchen gedruckte Lokalblatt, die Neugierde be-friedigt das in der Kaserne und in der GroßstadtErlebte.

Der Bauer ist unter dem Einflüsse der modernennivcllirenden Mächte und unter dem Drucke der wirth-schaftlichen Noth nüchterner und realistischer ge-worden; Vieh- und Fruchtpreise, Handel und Politikinteressiern ihn heute mehr als alte Erinnerungen undväterliche Ueberlieferungen. Und so erstirbt die lokaleund heimathliche Tradition und mit ihr nur zu oft dieAchtung vor Alter und Erfahrung. Das gesellschaftlicheund gesellige und das Berufsleben wird leer und nüchtern,herz- und gemüthslos.

Mit Sage und Tradition versiegt der Born derPoesie im Volke. Unser Volk als solches bringt keinsinniges, allgemein verbreitetes und allgemein Anklangfindendes Lied mehr zu Stande; kein Lied vor allemmehr, das große und erhebende Zeitereignisse in dichter-ische Formen und Worte zu kleiden weiß, welche in allerHerzen Widerhall finden und die als echtes Volksliedvon Mund zu Mund fortklingen und von den Vätcrnden Söhnen überliefert werden. Das Kriegsjahr 1870/71hat kein einziges hervorragendes LiedDieWacht am Rhein" ist alten Datums hervorgebracht,man müßte gerade das anwidernde und unwahre LiedKreuzlers,Eins 1870", als eine hervorragende dichter-ische Leistung qualifizircn.

Welch herrliche Lieder entstanden dagegen nach denNapoleonischcn und den Befreiungskriegen, mit welcherBegeisterung sang das ganze Volk diese der Volks-empfindung entsprechenden Verse! Eine nicht geringeZahl jener Lieder wird noch ihren Werth behaupten,wenn die preußisch-deutsche Poesie der siebziger Jahrelängst der Vergessenheit verfallen ist.

Das Volk äußert seine Empfindungen nicht in senti-mentalen Wortergüssen, nicht in Romcmphrascn und inergreifendem Micnenspiel; es legt seine Empfindungenhinein und singt sie hinaus in eigenen oder als Eigen-thum adaptirten Liedern. Heute singt das Volk seineeigenen Gesänge und Melodien nicht mehr; es singt Ge-danken und Empfindungen fremder Lieder hinaus, fremdeWorte in fremden Tonen; es beginnt gemüthslos^)wie die Zeit des Dampfes und Verkehres Zn werden.

°) In der Heimath dcZ Verfassers ist es innerhalbder jüngeren Generation gänzlich in Vergessenheit ge-rathen, daß das Land noch vor 90 Jahre fürsterzbischvf-licheS salzbnrgisches Gebiet war.

") O>'. F-r. Kirchner schreibt in seiner SchriftUeberGcmüthsbilduug":Beherrscht durch fast fieberhasteSStreben nach Erwerb und nach einen', zur Geminnnügdesselben bald verwerthbaren Wissen, sind unsere Zeit-genossen einem einseitigen Intellektualismus verfallen,d. h. Kenntnisse werden höher geschätzt als Charartcr-

Mit Volkslied und Volkssage ging auch mancher imVolke verbreitete Aberglaube verloren. Das wäre jaan und für sich ein erfreuliches Ergebniß des modernenCultnrfortschrittes, wenn nicht mit dein Aberglauben auchmanches Stück Glauben, der Glaube au Geistiges undUebersinnliches, untergegangen, wenn an Stelle des alten,oft durch einen Hauch der Poesie verklärten Aberglaubensnicht häufig ein moderner Wunder- und Schwindelglaubegetreten wäre.

Dercultivirte" und liberalaufgeklärte" Bauerspottet über den Aber- und Ammenglanben seiner Väter,um sich vielleicht in der nächsten Stadt ein Traumbuchzu kaufen und die hohlsten Phrasen und die lügen-haftesten Behauptungen feines liberalen Leibblättchens an-dächtig, als Zcitevangclinm, cinznsangeu.

Wenn ich zu wählen hätte", schreibt H. Hansjakob ,zwischen dem Aberglauben, wie er noch im Volke lebt,und zwischen dein Unglauben, den unsere Materialistenpredigen, ich würde den ersteren vorziehen. Der Abcr-gläubige glaubt doch noch an Geheimnisse, an Ueber-uatürliches, und steht dem echten Glauben weit näher;der Aberglaube ist nur eine Vcrirrnng des Glaubens,der Unglaube aber ist die kalte, hoffnungslose Lengmingalles Ucbcrsinnlichcn."')

II.

Wie die Sagen und Lieder des Volkes, geht auchKleidung und Brauch desselben unter. Die Trachtenverschwinden, die lokalen Gebräuche werden aufgegebenoder verändert und nüchtern und seelenlos gemacht.

Der Unterschied der Stände, der Unterschied vor-nehmlich von Stadt- und Landbewohner äußerte sich ehe-mals und äußert sich in einzelnen, vom Verkehre mehrabgeschlossenen Gegenden heute noch in der Kleidung,in der dem einzelnen Stande oder dem einzelnen Be-zirke eigenthümlichen Tracht. Die bunten und origi-nellen Volkstrachten waren ein Ergebniß der territorialenVerschiedenheit, der Mannigfaltigkeit und des Reichthumsdes alten Volkslebens, ein Ergebniß der Anhänglichkeitan Heimath und Vätcrbrnuch und ein Zeichen des Stolzesauf den Stand, dem man angehörte; die aus selbst-gefertigtem Stoffe hergestellte Tracht bildete gleichsamdie farbenbnute und gediegene Außenseite eines bilder-und farbenreichen, auf solidem Grunde sich bewegendenLebens.

Das schönste und reichste Volksleben entfaltete dasMittclalter, und darum sind auch die mittelalterlichenTrachten so farbcnbnnt, so originell und so reich.

Doch das Leben ist allmählich einförmiger gewordenund damit auch die Tracht oder die Kleidung. Die fran-zösische Revolution und ihrGleichheitsprincip" wirktenauch auf die Trachten ein. Während bereits vor derfranzösischen Revolution der deutsche Adel eifrigst fran-, zösische Kleidung Und Sitte copirt, begann nach der Re-volution auch das Biirgerthum die französische Modenachzuäffen. Der Bauernstand hielt sich bis überdie Mitte unseres Jahrhunderts wie in Sitte so auch inKleidung ziemlich conservativ, bis der Einfluß der Modeauch das abgeschlossene Land ergriff. Das sich rasch ent-wickelnde Verkehrswesen, die moderne Freizügigkeit undder Zug des Landvolkes in die Stadt thaten ihr mög-

. eigenschaften, logische Schlüsse für sicherer gehalten alsdie Erfahrungen des Herzens. Mit einem Wort: Esfehlt unserer Zeit am Gemüth, wenigstens tritt es nichtmehr auf die Art und Weise in Erscheinung wie früher."

H. HauZjarobWilde Kirschen" S. 298.