Ausgabe 
(24.7.1897) 42
 
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llchsies, um städtische Formen und städtische Kleidung auchauf dem Lande zu verbreiten, lind als nach dem Jahre1870 der Militarismus im ganzen Reiche üppig insKraut schoß, als die Bauernsöhne stärker als vorherGroßstadt und Kaserne bevölkerten, da machte sich dasStreben nachUniformirnng", d. i. gleichheitlicher städtisch-moderner Kleidung, im Volke immer mehr.geltend. Einaltcrcrbtes Kleidungsstück, ein Stück Tracht schwand nachdem anderen, und in vielen Gegenden Deutschlands unterscheidet sich heute der Bauer äußerlichnicht mehr von dem Skädter. Der Unterschied vonStadt- und Landbevölkerung ist verwischt,, ja Bauern-gestalten in Frack und Cylinder sind heute bei fest-lichen Anlässen keine außergewöhnliche Erscheinung mehr.Gleichförmig und einförmig wie das Leben ist auch dieKleidung geworden.

Man hat in letzten Jahren, so im Schwarzwald und im bayerischen Hochgebirge,Vereine znr Erhaltungder Volkstrachten" ins Leben gerufen. So lobenswert!)dieses Vorgehen auch ist, so wird es doch den gänzlichenUntergang der Banerutrachten nicht aufhalten, sondernnur verzögern. Das Verschwinden der Trachten ist ein-mal ein nothwendiges Ergebniß der modernenCultur, und ihrem alles nivellirendcn Strome könneneinige wenige Bezirke und Vereine auf die Dauer nichtwiderstehen. Dazu kommt noch, daß die Stoffe dieser-künstlich erhaltenenechten" Trachten meist moderneFabrikwaare sind und auf sie der alte Spruch keineAnwendung findet:

Selbst gesponnen, selbst gemacht

Ist die schönste Bauerntracht.

Unsere Enkel werden die letzten Trachten nicht mehrim Volke, sondern in Werken über Costüme und Trachtenund in Landesmnscen zu suchen haben.

(Schluß folgt.)

Aus der Hinterlassenschaft des Lxsi'oikusRLstieus.

Von Hugo Arnold.

(Nach Vortrügen in der Anthropologischen Gesellschaftund im Historischen Verein von Oberbayern zu München.) (Fortsetzung.)

Indessen arbeiteten die Truppen nicht allein fürmilitärische Zwecke, sondern sie wurden auch von denKaisern wie von den Statthaltern zu den verschiedenstenDienstleistungen verwendet, unter andern betrieben sieauch den Bergbau, obwohl diese Thätigkeit juristisch alsStrafe galt. Eine Spur der Verwendung von Mann-schaften des rätischen Armeecorps zum berg- und hütten-männischen Betriebe haben wir übrigens auch im Castellzu Pfünz (d. i. Vatonianis) gefunden. Dort wurde einTempel des Jupiter Dolicheuus aufgedeckt. Dieser Gott(ursprünglich der syrische Gott Bal) war der Patron derSoldaten nicht minder, wie der Bergleute, was 2 In-schriften bezeugen, beide mit dem Texte: stovl OxkiuroNaxiuro .,uk >1 kerruru iwsoitur" (d. h. Jupiter, demBesten und Größten,von dem das Eisen erzeugt wird").Da nun auf der Hochfläche des fränkischen Jura und imAltmühlthale der Betrieb von Eisenwerken, Hochöfen undErzgruben in die älteste Vergangenheit hinauf- und bisin die Gegenwart herabreicht, so liegt der Schluß sehrnahe, daß der Cult des Jupiter Dolicheuus zu Pfünzmit der hüttenmännischen Beschäftigung der Garnisonim Zusammenhang stehe.

Festigten somit die Truppen durch ihre friedlicheThätigkeit die Herrschaft des Nömerreichcs in den Pro-vinzen, so machten sie sich mit ihr des Weiteren an jedem,selbst dem kleinsten Stationsorte nach römischer Sitteheimisch und brachten auf diese Weise die römische Lebens-art der eingeboruen Bevölkerung vor Augen, welche danndem von ihren Herren gebotenen Vorbilde bald folgteund die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten ihres Com-forts sich zu eigen machte, soweit es ihre Mittel er-laubten und sie das Bedürfniß dafür empfanden.

Ganz bedeutende Hebel zur Nomanisirung der Grenz»Provinzen bildeten ferner die persönlichen, ich möchte fastsagen, die intim-häuslichen Verhältnisse des einzelnenMannes,Verhältnisse" im Sinne der populären Redens-art. Bekanntlich bezeichnet diese damit den kleinen Kriegund Frieden zarter Beziehungen zwischen den beidenGeschlechtern, welche der Gründung eines eigenen Herdesund einer Familie vorauszugehen Pflegen. Letztere aberwar dem Soldaten, welcher römischer Bürger war, ingesetzlicher Weise nicht möglich, so lange er unter derFahne stand. Da die Legionen nun bis in die erstenJahrhunderte der Kaiserzeit hinein sich ausschließlich ausrömischen Bürgern rekrutirten, so konnte der Legionärerst nach der Entlassung aus dem Dienste eine rechtlichgütige Ehe, ein.srwtunr naakiiiuouiuM, schließen. In-dessen wenn den Legionären auch das Hcirathen verbotenwar, so konnte sich doch nicht ein jeder solcher Enthalt-samkeit rühmen, wie weiland Feldmarschall Graf Tilly,der von sich bekanntlich zu sagen vermochte, daß er wederein Weib noch ein Glas Wein berührt habe. . Dennwie uns bereits die Ueberlieferungen der antiken Mytho-logie zeigen, hegen Mars und Venus seit unfürdenklichenZeiten unwiderstehliche Leidenschaft für einander, einVerhältniß, das bekanntermaßen (manch zärtlicher Vatersetzt dazuleider!") aus den Greueln der Heidenzeit sichnoch auf die Töchter unserer Gegenwart mit zeitgemäßerModification in der Vorliebe für das zwiefärbige Tuchvererbt hat. Der Hang zummenschlichen Rühren" isteben in den Herzen der rauhen Krieger nicht so leichtZu ertödten, und in Ermanglungfeinerer Gegenstände"erkoren sich die Soldaten daher als Object ihrer galantenHuldigungen die Hetären (msretrioos), welche sich andie Fersen der Truppen hefteten und deren Entfernungweder unter der Republik noch unter den Kaiserngelang.

Besser als die Legionäre waren die Soldaten derAuxiliartruppcn, der von den Unterthanen gestellten Kon-tingente, daran. Diese Hilfsvölker rangirten neben denLegionen in der Werthschätzung als Truppen zweiterGüte, hauptsächlich deßwegen, weil sie das römischeBürgerrecht nicht besaßen. Doch dieser juristische Mangelgewährte ihren Mannschaften den Vortheil, daß sie inihren Garnisonen Frauen pcregrinen Standes (d. h. ohnedie rechtliche Eigenschaft römischer Bürgerinnen) fanden,und eine Zeit lang scheint ihnen die Ehe mit solchenWeibern gestattet gewesen zu sein. Dafür liefern diedrei Militärdiplome aus Nätien, von Weißenburg, Einstigund Rcgensburg, den Beweis. Von Septimius Sevcrusan durften auch die Leute der Anxiliartrnppen nicht mehrhcirathen, wohl aber wurde ihnen gleich den Legionärengestattet, eine concustiim, oder wie der technische Aus-druck lautet, eine locmrla, zu haben und mit ihr außer-halb der Kaserne zu wohnen; nur zum Dienste hattensie sich in der Kaserne eiuzufinden. Im 4. Jahrhundertesind diese Verhältnisse wieder geändert, und es bedurfte