Ausgabe 
(24.7.1897) 42
 
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bloß einer besonderen Erlaubniß, um die Fron in derGarnison bei sich zn haben.

Diesen Verbindungen entsprossen natürlich Kinder,dieLagerkindcr", die hinsichtlich ihrer rechtlichen Be-ziehungen einer eigenen tristns zugewiesen wurden, wennsie der Hnusi-Ehe eines Legionärs und eines einheim-ischen Mädchens entstammten. Den Kindern solcherMädchen, die keinen Vater finden konnten, wurde alsHcimath ebenso wie den Kindern der Pcrcgrinen dasLager zugewiesen, sie hießensx sustris". Da diemeisten Soldatenbnbcn in der Regel wieder Soldatenwurden, so spannen die Fäden der Verwandtschaft von:Lager zu den Lagcrstädtcn, (sansstas) sich immer weiterfort zwischen den Veteranen, die sich zurückgezogen hatten,und ihren Söhnen, die noch dienten, den Großmüttern,Tanten u. s. w., so daß bereits damals das Wort desersten Jägers inWallenstcins Lager" zur Geltungkam:Nun, nun, das muß der Kaiser ernähren, dieArmee sich immer muß neu gebären."

Wo wohnte und lebte nun der römische Soldat?Er hatte eine zweifache Heimath. Im Dienst ist dieselbedas Lager, außer Dienst die Lagerstadt» die sunustus,die wir soeben erwähnt haben. Die streng römische Dis-ciplin gestattete nämlich keinen Civilpcrsonen und amwenigsten den Weibern den Aufenthalt innerhalb derLager und Festungen. All der Troß, der einer jedenTruppe auf dem Fuße folgt und der znr Befriedigungihrer Bedürfnisse so unentbehrlich ist, daß er sogarmutuins mniunäis und soweit er die Verkehrshinder-nisse zu überwinden vermag, unsern modernen Heerensich aiischließt: all der Troß der Marketender, Händlerund Lieferanten, der Gaukler und der Dirnen, der zahl-reichen Bedienten n. s. w. durfte die Festungsthore nichtüberschreiten, war vielmehr auf eine Oertlichkeit außer-halb des Lagers und der Castclle verwiesen, die ausdisciplinaren. Gründen in einiger Entfernung davon lag.Anfänglich mochten diese Leute nur in Hütten und Ba-racken wohnen, später nahmen ihre Niederlassungen mehrund mehr einen stabilen Charnier an und wurdenounustus genannt, ein volksthiimlicher Ausdruck, der seitdem 4. Jahrhundert auch in der populären Literaturgebraucht wird, z. B. beim hl. Angnstin. Im italien-ischensnnova," ist das Wort noch erhalten, und alsuns Deutsche so anheimelndeKneipe", aber nicht alsKneippkur, ist es auch in unseren eigenen Sprachhanshaltübergegangen. Im Lause der Zeiten nahmen diese An-fiedlungen allmälig den Charakter stadtartigcr Flecken an.Die Kaufleute thaten sich zu Gilden zusammen; zn diesenGilden gesellten sich die Veteranen, die in 20- und-jährigcr Dienstzeit bei den Lagern eine neue Heimathgesunden hatten und mit denselben durch die Macht derGewohnheit, der gemeinsamen Erinnerungen und nichtzuletzt auch durch Fmnilienbande verwachsen waren, sodaß sie bei ihrer Bcabschiednng keine Lust mehr hatten,ihren Wohnsitz in eine unbekannte Wcltgegend zn ver-legen, sondern sich dort niederließen, wo sie die bestenTage ihres Lebens verlebt hatten. Rout sornrno ests^nous, möchte ich sagen: wie viele von unsern altenKnasterbärten, die nicht der eine oder ander Grund in'sPensionistcu-Eldvrado der Residenzstadt München verlockt,bleiben in der lievgewordenen Garnisonsstadt sitzen, umbort nco.n der alten vertrauten Truppe die letzten Tageen verölen!

Ursprünglich wurden diesen Lagcransiedelungen aufGrund der militärischen Disciplin keine municipale Auto-

nomie gewährt, sie unterstanden vielmehr der Jnris-diction des Lagercommandanten. Mein die Macht derVerhältnisse wuchs über die Theorie hinaus und dieRegierung sah sich schon im 2. Jahrhundert veranlaßt,ihnen Rechnung zn tragen. Kaiser Hadrian verlieh zuerstan die ounustus der 3 großen Lager an der mittlerenDonau Curnuutnrn (d. i. Petroncll bei Dentsch-Altcn-bnrg), ^«pniusuin (Alt-Ofen), Viruinnsiurn (bei Kvstolacin Serbien ) das Stadtrecht. Unter den folgenden Kaisernbis auf Diokletian wurde die gleiche Begünstigung allenübrigen großen Lagerstädten zn Theil, und aus ihnenerwuchsen am Rheine wie an der Donau, in Spanien wie in Britannien und Siebenbürgen die großen Städte,die heute noch den Ruhm und Stolz des betreffendenLandes bilden: ^rgsntorutuui (Straßbnrg), NoZun-iiucnun (Mainz), Colcmia. ^Zrixxiua, (Köln ), rlc^uin-onrn (Ofen), Vinäostonu (Wien ), Imuriueuin (Lorch),Castro. Regina (Regcnsbnrg).

Castro Regina ist zwar hinsichtlich der städtischenEntwicklung hinter den meisten andern Lcgionslagcrnzurückgeblieben, und bei den dort bisher vorgenommenenAusgrabungen sind gar keine Jnschriftdenkmale zum Vor-schein gekommen, welche ein Zeugniß für seinen städtischenCharakter ablegen könnten. Gleichwohl ist die Civilstadtim Westen der Festung in einer sehr beträchtlichen Aus-dehnung nachgewiesen worden. Canastas sind übrigensbei jedem römischen Castclle Nütiens bloßgelegt, wo mauüberhaupt Untersuchungen anstellte: bei Fastningen (Ro-mans), Vstvnianis (Pfünz), Ririoianis (Weißenburg),^stusina (Einstig); ich weiß dieselben ferner noch beiCsrrnaniso (Kösching ), Colsuso (Pföring), Colio Llouto(Kcllmünz), Onntia (Giinzbnrg), ferner an dem großenCastclle bei Aislingen , dessen römischer Name sich füruns noch vorläufig in Dunkel hüllt, auch bei Drnishcim(wahrscheinlich Ornsoinagus).

DieseCanastas" warm die Pflanzstätten, dieSoldaten die Träger der römischen Cultur und der mitder Zeit vollständig durchgeführten Nomanisirung unsererLande. Der Dienst im Heere eines mächtigen Staateswirkt zu allen Zeiten schon durch die Macht der Ideenund den Druck der Massen assimilircnd auf fremde, unterden Truppen befindliche Elemente ein; letztere verlierenvon selbst nach und nach ihre Stammeseigenthümlichkeitenund bequemen sich mehr und mehr der Nationalität des herr-schenden Volkes an. Diesen Prozeß sehen wir in derVergangenheit und in der Gegenwart sich überall voll-ziehen. Der einstmalige Fortschritt des Franzosenthumsin den Deutschland geraubten Provinzen Elsaß undLothringen beruhte zu einem großen Theile auf der Um-prägnug der zahlreich unter der Fahne gestandenen Sol-daten, Preußen verdankt die Verschmelzung seiner pol-nischen, der am Nhcine gelegenen und der im Jahre 1866erworbenen Landcstheile nicht zum letzten der allgemeinenWehrpflicht, und in Oesterreich hat der Gebrauch desdeutschen Idioms als Armcesprache in dem auf deutscherGrundlage organisirtcn Heere eine Germanisirnng, wenig-stens in gewissem Maße, nach sich gezogen, weßhalb daseifrigste Bestreben der verschiedenen dortigen interessantenVolksstämmc, die sich dadurch genirt fühlen, gegenwärtigdahin zielt, dieselbe zn brechen.

Spielen sich solche Vorgänge noch in der Gegenwartab, in welcher doch bei weitem kein so großer Unterschiedhinsichtlich der Cnliurstnfe der breiten Voltsmassen zwischenden einzelnen Nationalitäten obwaltet, so ist die Vor-stellung davon nicht gar so schwierig, wie einst im Römer -