Ausgabe 
(31.7.1897) 44
 
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k!i'. 44.

31. M 1697.

S-

Aus der Hittterlaffenschaft des NxsreitusIläsLiouJ.

Von Hugo Arnold .

(Nach Vortragen in der Anthropologischen Gesellschaftund im Historischen Verein von Oberbayern zu München .)

(Fortsetzung.)

Es erübrigt noch die Frage nach dem Antheile dereinzelnen unter einander so verschiedenen Nationalitätendes weiten Römerrciches an der Bildung des Heeres.

Was die in Castro Regina liegende I-egio IIIItalien betrifft, deren Beiname wohl nicht blos; alsEhrenname, sondern in Bczng auf ihre Rekrntirung ge-wählt worden ist, so wird man nach den Namen auf denin Negcnsbnrg und in Augsburg gefundenen Grabsteinenwohl schließen dürfen, daß wenigstens unter den Offi-zieren und Beamten aller Truppentheile viele italienischeElemente vorhanden waren. Von den Soldaten wirddas allerdings nur im beschränkten Umfange geltenkönnen, obgleich ihre Namen ebenfalls fast durchgehendsrömischen Klang haben. Es sind theils altrömische be-rühmte Namen, vielleicht zur Bezeichnung des Patronats,wie /taiianuL, ^.nralianns, theils zeigen sie nicht mehrden altrömischcn Charakter. Die Inschrift auf dem zuBnrgweinting gefundenen Denkmale zu Ehren des KaisersAlexander Sevcrus (222235) enthält 39 vollständigeund 17 defekte Namen von Soldaten, deren Trägerwahrscheinlich ebenfalls der Iwgio III Italien angehörthaben; leider ist ihre Hcimath nicht angegeben. Für diespäteren Zeiten, etwa von der Mitte des 3. Jahrhundertsan, machen es nicht allein die Grabsteine wahrscheinlich,das; die ImZio III Italien nur zum kleinsten Theileaus Italien , zum größeren aus andern Bezirken desReiches, namentlich aber aus Näticn selbst, ihre Er-gänznngsmannschaftcn erhielt. Es kommen dabei jeden-falls die Nachkommen der Soldaten und der Colonisten,die zahlreichen Lagerkinder n. s. w. in Betracht. UnterKaiser Licinins Valerianus im Jahre 258 heißt z. B.der vnx des Attischen limes (d. i. der commandirendeGeneral) Fnlvius Bojns; unter Kaiser Anrclianns be-kleidete diese Stelle zwischen 270 und 273 ein Bonosiis:beide tragen Namen, die auf. nichtrömische Abstammunghinweisen. Vom 4. Jahrhundert an wurden die Lückenin den Truppenthcilen, insbesondere auch in den Legionen,gar nicht selten mit Germanen ausgefüllt, worauf ichnoch zu sprechen kommen werde.

In der langen Liste der Anxiliartruppen, welcheeinen Hauptbestandthcil der Besatzung Rätiens bildeten,tritt uns das leibhaftige Conterfei des bunten Bölkcr-gemisches im Weltreiche entgegen, ähnlich wie in derArmee des vielsprachigen Oesterreich oder in den Colonial-hecren Großbritanniens . Die bereits erwähnten Militär-diplome und ein Staatshandbnch aus der Wende des4. zum 5. Jahrhundert, die Notitin OiZnitntnm, ver-zeichnen außer der ImZio III Italien folgende Trnppen-theile nach der Nationalität: 1) Spanier: 1 Reiter-regiment und 2 Bataillone Fußvolk; 2) Portugiesen:1 Bataillon; 3) Gallier: 1 Reiterregiment und 2 Ba-taillone; 4) Germanen: 1 Reiterregiment und 1 Bataillon;5) Briten : 1 Bataillon; 6) Jllhrier: 1 Ncitcrcgiment,3 Bataillone und 1 Abtheilung irregulärer Truppen;7) Pannonier: 2 Bataillone; 8) Orientalen : und zwarn) Syrer 1 Bataillon, b) Phrygier 1 Bataillon und

dazu o) gemischte Contingente von Irregulären; endlich9) die Eingebornen der Provinz selbst, die Räter , mit1 Reiterregiment und 3 Bataillonen. Wir erhalten so-mit eine förmliche Musterkarte von Nationen und Stäm-men, und unter ihnen nehmen die Söhne der Provinzselbst einen beträchtlichen Theil ein.

Noch einige farbige Stcinchen mehr in dieses bunteMosaikbild bringen die Soldatennamcn der Militär-diplome. Das Weißenburger lautet auf den BojerMogetissa und seine Tochter Matrnlla. Herr Mogetissahatte als flotter Neitcrsmann im 1. spanischen Ncitcr-regimenteAuriana" gedient, seine Wiege aber warnicht im Bojerlande an der Donau gestanden, sondernin dem Striche Galliens, wo Cäsar nach der Besicgungder Helvctier die Bojer im Gebiete der Acdncr ange-siedelt hatte, und die theure Gattin wahrscheinlich einealte Jugendflamme hatte er bei den Nachbarn, denSegnancrn, geholt. Das Regcnsbnrgcr Diplom istwiederum ausgestellt für einen Ncitersmann, dießmakvom 2. aquitanischen Bataillon; er war also einer derReiter, die für Erknndignngs- und Botendienste einerAbtheilung der Fußtrnppen einverleibt waren,ein Melde-reiter", wie wir jetzt sagen würden, und er trägt denRainen Sikko, bezüglich dessen man die Wahl hat, obman ihn für keltisch oder germanisch erklären will, deraber gewiß nicht-römisch ist. Das Münchener Anti-guarium enthält noch ein Bruchstück eines bei Pappen-heim gefundenen Militärdiploms für einen Reiter deseben vorher genannten 1. spanischen Reiter-RegimentsAuriana". Sein Name ist auf der Tafel zerstört;dagegen ist die Bezeichnung seiner Nationalität erhalten:1'st-isio", und der Name seiner Tochter lautet:Batllina";er war also ein Deutscher, ein Friese, und der deutscheKlang des Namens seines Töchterleins stimmt damitübcrein. In einem Reiter-Regiment, dessen Rekrntirnngs-bezirk im schönen Lande der Kastanien lag, diente sonachein Kclte aus dem mittäglichen Frankreich und ein deutscherNiederländer vom Strande der Nordsee : gewiß ein beredtsprechendes Zeugniß dafür, wie mannigfach die Nationali-täten in dem nämlichen Truppentheile durchcinande-wirbeltcn.

Schon die Benennung der Truppen nach Stammes-namcn zeigt die Regel der Territorialität bei der Rekru-tirnng, allein die Praxis verhinderte die strenge Durch-führung der Regel, gestaltete sie vielmehr im Laufe derZeiten selbst znr Ausnahme, nachdem schon aus politischenund disciplinären Gründen eine Mischung der Nationali-täten für die Vertheilung beliebt wurde, um durch dieZuweisung der Mannschaften in die verschiedensten Trnppeu-körpcr allenfallsigen partiknlaristischen oder gar revolutio-nären Bestrebungen von vorneherein vorzubeugen, umdurch die tägliche kameradschaftliche Berührung innerhalbdes Abtheilnngsrahmcns die fremden Elemente mit ein-ander zu verschmelzen und sie völlig mit den römischenzu assimilircn. Das gelang auch in glänzender Weise imHcerverbande, wo durch die gleichmäßigen Formen einerstrengen Manneszucht, durch das einheitliche Commandound durch ein überwiegend römisches oder italischesOffizicrscorps ein so übereinstimmender Charakter her-gestellt wurde, daß die sämmtlichen Abtheilungen nochbis in die spätesten Zeiten hinein, selbst dann, als bereitszahlreiche auswärtige Söldner, namentlich Germanen, ihreReihen füllten, das eigenthümlich römische Gepräge be-