Ausgabe 
(31.7.1897) 44
 
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wahrte» und die römischen Adler fortwährend zu einemGegenstände der Bewunderung und des Schreckens fürdieBarbaren" machten.

Für die mit dem 3. Jahrhundert in Folge des«vinkens der italischen Volkskräfte Platz greifende undfortschreitende Germanisirnng des Heeres liefern die röm-ischen Fricdhöfe von Negeusburg ein äußerst interessantesBeispiel. Aus denselben wurden eine Anzahl Skeletteansgegraben mit 94 meßbaren Schädeln. Hicbei ergabensich für die aus dem 2. bis Ende des 3. Jahrhundertsstammenden 50 Schädel 20 Dolichokcphale, unter 44Schädeln aus dem 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts18 Dolichokcphale und 16 Brachhkephale. Währendalso aus dem ersteren Zeitraum 17,9 °/g typische Germanen-schädel gefunden wurden, treffen auf den letzteren 29,5 °/<>.Noch bcmerkeuswerther wird dieses Verhältniß dadurch,daß sich unter den 9 typischen Germanen des 2. und3. Jahrhunderts nur 3 Männer gegen 5 Weiber undI Kind befanden, während im 4. Jahrhundert, in welchemin allen römischen Truppentheilen zahlreiche Germanendienten, 10 Männer und nur 3 Weiber getroffen wurden.Da die Soldaten keine gesonderten Fricdhöfe besahen,sondern gemeinsam mit der Civilbcvölkcrung bestattetwurden, so spricht die mit den Jahrhunderten zunehmendeZahl der Germanenschädel aus den Regcnsburger Be-gräbnißplätzen ganz entschiede» dafür, daß auch unter derGarnison von Castra Regina Soldaten germanischer Ab-kunft in sich stets steigernder Menge dicntcir.

Ich habe bereits hervorgehoben, daß unser modernesChaussceunctz zum größten Theile auf der Basis der vonden römischen Soldaten ausgeführten Straßeuzüge be-ruht, und zwar auf weiten Strecken im buchstäblichenSinne des Wortes; außerdem ist uns noch ein anderesdirectcs Erbe aus der Hinterlassenschaft des rätischcnArmeccorps geblieben.

(Schluß folgt.)

Eine Zeit des Uebergangs in Sitten nndGebräuchen.

(Schluß.)

Wie die Volkstrachten verschwinden, so gehen unteroder verändern sich die Volksgebräuchc. Mau liestheute in todten Büchern von angeblich noch bestehendenVolksgebräuchc», die in Wirklichkeit längst verschwundenoder entstellt sind; entstellt durch den realistischen undnüchternen Geist der Zeit, durch den immer mehr ma-teriell werdenden Sinn des Volkes, der in dem fieber-haften Streben nach dem Mammon seinen bezeichnendstenAusdruck findet und welcher selbst die ehrwürdigstenVolksgebräuche zu Einnahmequellen umgestaltet.

Das Volk wußte ehemals den einfachsten Vorgangdes Lebens in seiner Art ideal zu gestalten, ihn miteigenartigen Zeichen zu verbinden, mit religiösen oderprofanen Formen zu umkleiden. Je wichtiger und be-deutungsvoller diese wiederkehrenden Vorgänge, destohöher die sie umgebende Weihe, der sie begleitende ori-ginelle Brauch. Die menschliche .Handlung ward ver-schönt, die Natur geistig belebt, die Erinnerung verklärt,das Geistige in sinnlichen und ansprechenden FormenJung und Alt vorgeführt.

Die meisten dieser Gebräuche waren religiöse Akte,und wir werden sie im dritten Abschnitte dieses Aussatzesetwas naher berühren.

Die Volksgebräuchc waren und find nach Land,Voltsstamm und Volkscharaktcr verschieden, und es würdezu weit führen, hier auf dieselben einzeln einzugehen.Diese Gebräuche im weitesten Sinne äußerten sichbei den verschiedensten Festen, bei Beginn nnd Schlußder Ernte, bei Taufe, .Hochzeit und Todesfall, in Kircheund Wohnung, in der Wcrkstättc und in der Oeffeutlich-keit u. s. w. Einzelne derselben datiren sich bis in dasfrüheste Gcrmauenthum zurück, andere haben ihren Ur-sprung im Mittelalter oder in einer noch späteren Zeit.In deutschen bezw. süddeutschen Gauen, welche durch dieReformation, den dreißigjährigen Krieg und spätere Um-wälzungen weniger berührt wurden, wurden noch in denfünfziger und sechziger Jahren unseres Jahrhunderts Ge-bräuche gehütet und geübt, die man als eine unver-fälschte Ueberlieferung des christlichen Mittclaltcrsbezeichnen konnte. Von da ab und besonders mit Be-ginn der siebziger Jahre begann der Umschwung inSitten und Gebräuchen auch in vorgenannten Gegendenimmer stärker hervorzutreten. Die Asche des Industrie-schlotes und des Dampfrosses, der Nebel der Städte undder Staub der Touristcnwelt legte sich über die Bräucheund Lebensgcwohuhciten des Landvolkes.

Der Väter Brauch und Sitte verschwinden, und anihre Stelle treten städtische Manieren und Soldaten-spielc; ein neuer Geist und neue Lebensgcwohuhcitenringen mit den alten um den Sieg. Manchen harm-losen und finnigen Volksgcbrauch hat, wie u. n. auchHansjakob an mehreren Stellen seiner verdienstvollenVolksstudicn berührt, unsere liebe Bureaukratie alsstörenden Unfug" beseitigt. Manche Beamte bekümmernsich nun einmal um viele Dinge, denen sie besser ihrezarte Sorge nicht zuwenden würden, um dafür aufandere und wichtigere Aufgaben ihrenScharfblick" zuwerfen.

Wie im Bauernstände, hat sich auch im Bürger-bczw. Handwerkcrstande, nach Beseitigung der letztenReste des alten Zunftwesens, vieles verändert; manchermit Stand und Arbeit verknüpfte Brauch ist mit anderenStandcsgcbräuchen der Vergessenheit verfallen. Vergessenund versunken ist Stolz, Ehre und Ansehen des Hand-werksmeisters. Der Meister hatte cS ehemals nichtnöthig, mit Kollegen zu concurriren und um Arbeit zvbetteln und zu bitten, die Kunden kamen freiwillig znihm. Und wenn ein solcher Kunde ein fertiges Stückabholte und in blanker Silbcrmünze bezahlte, dann be-dankte in vielen Landbczirkcn nicht der Meister sich überdie Bezahlung, sondern der Kunde sich über die ge-lieferte Arbeit.

Handwerker, Kaufmann und Bauer rechneten da-mals nicht nur mathematisch, sondern auch menschlich;sie bezweckten mit ihrer Arbeit und ihrer Lieferung nichtnur einen persönlichen Nutzen, sondern auch einen gesell-schaftlichen Dienst. Der Bauer verkaufte in einzelnenGegenden Getreide an einen dasselbe bcnöthigendcn Nach-barn oder an einen Bedürftigen billiger als an denHändler, er forderte für geliehenes Geld vom ersterenkeine Zinsen u. s. w. Es war das alles ein Ausflußdes Lola lprincipcs, der Bevorzugung der Standcs-und Gangcnosscn und der am Orte und in der Ge-meinde Bedürftigen.

Ein Zeichen der Solidität des alten Nrbeits- undErwerbslebens war auch, daß die Lohuauszahlnng fürDienstboten und Gesellen nach sehr langen Terminen er-folgte, auf dem Lande oft erst nach einem Jahre, ohn: