baß dieselben diesen Modus der Bezahlung unbilligfanden?) (Außer diesem Geldlohnc wurden von Knechtenund Mägden noch eine Anzahl Kleidungsstücke und Schuh-werk ausbeduugen.) Heute haben auch die BauernknechteWocheulohn, der nicht selten am Sonntag in der nächstenDorfschcuke verjubelt wird.
III.
Wie die Volksgcbräuche, sind viele religiöse Ge-bräuche und religiöse Lebensgewohnheiten inden Wogen unserer rasch dahineilenden Zeit verschwunden.Verschwunden vor allein ist jener warme religiöse Geist,der alle Verhältnisse und Einrichtungen des Lebens ver-klärte und durchgeistigte.
Die Religion soll sich nicht bloß hinter den ernstenMauern des Gotteshauses und den verschwiegenen Wän-den des „stillen Kämmerleins" äußern, sie soll alleLebensverhültnisse dnrchdringen; ihre Grund-sätze und Lehren sollen das Fundament aller mensch-lichen Thätigkeit, vom Throne bis znr Arbeiterhütte, sein.So war es im christlichen Mittelalter, und so wird esin allen wahrhaft christlichen Zeiten sein.
Die Religion war die Trägerin und die Fahrerindes Staatslebens und der Politik, des gesellschaftlichenund des wirthschaftlichen Lebens. Infolge dessen gab esehemals keine strenge Grenze zwischen kirchlicher undpolitischer Gemeinde, zwischen (religiöser) Bruderschaftund genossenschaftlicher Vereinigung: politische Gemeindeund Kirchengemeinde deckten sich territorial, die Handwerks-zünfte waren Brnderschaften wie die rein kirchlichen. DieSchule war nicht mit der politischen, sondern mit derKirchengemeinde verbunden, sie war nicht Staats- oderGemcindeanstalt, sondern Pfarr schule. U. s. w.
Ueber alle diese christlich fnudamentirtcn Einricht-ungen, über alle menschlichen Beziehungen ergoß sich derSonnenglanz religiöser Weihe und religiöser Gebräuche.Das ganze Denken des Volkes war von religiösen An-schauungen, von echt kirchlichem Geiste durchdrungen.Und so schlugen selbst die übersprudelnden Wellen desVolkshumors in die ernstesten kirchlichen Feste undCeremonien hinein, aber nicht um zu stören und zu ver-letzen, sondern um sich kirchlich und in kirchlicher Formzu zeigen und um zu beweisen, daß der Katholizismusnicht bloß eine ernste, sondern auch eine sehr heitereSeite hat; ja daß gerade die katholische Kirche es war,welche das ganze Volksleben mit seinem farbenreichen Ge-folge, mit seinen Lustbarkeiten und Spielen großzog?)
Ein großer Theil der religiösen Gebräuche und derFormen des religiösen Lebens ist auf dem Lande nochpietätvoll erhalten; dagegen hat sich in den Städtenund in einzelnen Jndnstriebczirken ein desto größerer undrapider Umschwung vollzogen. Die alte und eng ge-schlossene Kirchengemeinde besteht dort nicht mehr unddarum auch nicht die äußere Form des religiösen Lebensund der in dieser Gemeinde einst geübte religiöse Brauch.Die Gläubigen betreten dort das Gotteshaus nicht mehrals eng zusammengehörende Pfarrkinder, sondern als einreligiös gesinntes Publikum, das jede Fühlungunter sich verloren hat. Man besucht den Prediger, welcherder subjectivcm. Anschauung und Neigung am besten ent-spricht, gleichwie man den genialsten und beliebtestenSchauspieler oder Sänger aufsucht. Ein großer Proccnt-
H In Südbauern und einigen Theilen Oesterreichs war das Fest Maria Lichtmeß der übliche jährlicheZahlungstermin.
°) W. de Porta ..Geistlicher Humor" S. 133.
satz der Großstädter weiß überhaupt nicht, welcher Pfarreider Stadt er angehört, und hat Mühe, bei Taufen, Trau-ungen oder Todesfällen die richtige Adresse zu finden.
Mit dem Untergänge der geschlossenen Kirchen-gemeinde, mit dem Verschwinden der örtlichen religiösenGebräuche sind auch viele religiöse Lebensgcwohu-heiten und fromme Uebungen des Volkes zuGrabe getragen worden. Und gerade in den letztenJahren machen wir die betrübende Erfahrung, wie dasmoderne Leben und die modernen Mächte die selbstver-ständlichste und ehrwürdigste religiöse Lebensgewohnheitnicht mehr schonen und selbst die heiligsten kirchlichenVerpflichtungen antasten. Wie wenig wird außerhalb derKirche die Heiligung der Feste und Festzeiten geübt,wie wenig die kirchlichen Fasten geböte respektirt kVeranstaltet man doch bereits Festessen zu Ehren kathol-ischer Landesfürsien an — Freitagen. In wie wenigHerzen wohnt ein richtiges und lebendig sich äußerndesVerständniß für das Kirchenjahr! Die Heiligungdes Sa mstagabendcs und die Bedeutung dieser derMutter des Herrn geweihten Stunden scheint bei derStadtbevölkerung kaum mehr zu existircn; ja geradedieser Abend wird vielfach am meisten durch Kneipen,Spiel und Tanz entweiht, denn man kann sich ja amSonntag gründlich von den durchgemachten Strapazenerholen.. Wir haben es schon erlebt, daß ein katholischsich nennender Verein eine Tanznnterhaltung auf einen— Samstagabend verlegte.
Wie der Samstagabend werden die sogenanntenersten Feiertage, d. i. der erste Tag des hl. Weih-nachts-. Öfter- und Psingstfestcs, allmählich völlig pro-fanirt. Während es früher Sitte war, an diesen Tagendas Gasthaus zu meiden, keine geräuschvollen weltlichenVergnügungen zu veranstalten und im gegebenen Falledenselben nicht beizuwohnen, ist heute an diesen hohen-Fcsttagen das Gasthaus wie sonst gefüllt, und mangenirt sich nicht mehr im geringsten, fidele Concerte, jasogar Bälle abzuhalten. Besonders gern wird an diesenhochfestlichen Tagen der modernen Ncisewnth, meist unterVernachlässigung des Gottesdienstes, gefröhnt. — Inähnlicher Weise verlieren auch die kirchlichen Fest- undBußzeiten in der Oeffentlichkeit ihren Einfluß. Wir habenz. B. noch niemals in den uns znr Verfügung stehendenLokal- und Tagcsblättern so viele Concertanzeigen ge-lesen wie in der vorjährigen und gegenwärtigen heiligenFastenzeit. Der letzte Hauch religiöser Empfindung undder Respektirung altehrwürdiger kirchlicher Einrichtungenentschwindet so aus dem öffentlichen Leben.
Wie das öffentliche Leben, hat auch das städtischeFamilienleben eine wachsende Einbuße religiöserFormen zu verzeichnen. Besonders die schönen undsinnigen Hausandachten verschwinden mehr und mehr,gleich dem religiösen Hausrathe, der in ein wahrhaftchristliches HauS gehört.
Am grellsten tritt der Umschwung religiöser An-schauungen hervor, wenn man die persönliche Meinungund die Bethätigung unserer Gesellschaft in Bezug auföffentliches Bekenntniß des Glaubens und aufreligiöse Dienstleistungen betrachtet. Was früher alsEhre galt, das gilt heute als Schande! ES giltals Schande oder Erniedrigung, bei Prozessionen Kerze,Kreuz oder Fahne zu tragen, und es gilt znm mindestenals mittelalterliche Zurückgcbliebcnheit, sich am Fron-leichnamstage am Triumphzuge des .Herrn oder gar beiWallfahrten zu betheiligen. Bei Turner-, Sänger- und