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Kriegcrfestc» im buutcstcu Aufputze und nicht selten inbetrunkenem Zustande mitzumarschircn und den sancrenVerdienst einer Woche der Familie zu entziehen, ist na-türlich etwas ganz anderes.
So ist unser geselliges und öffentliches Leben eindurch und durch unkirchliches geworden; an Stelle deschristlichen Ideales ist ein neues und anderes, das na-tionale Ideal getreten. Dieses neue resp. modern-heidnische „Ideal" erfährt bereits in der Volksschuleeifrigste Pflege, an Stelle des beseitigten alt- und neu-tcstamcntlichcn Lesebuches sind vielfach „ncudeutsche", d. i.vorn preußisch-deutschen Geiste durchtränkte Erzählungenund Geschichtsbilder getreten. Und außer der Schuleund draußen im Volke sorgen die Herren Reserveoffiziereund die Militär- und Kriegcrvercine zur Genüge für dieVerbreitung des neuen „Ideals". — —
Schule und Kaserne, Industrie und Verkehr, Ge-setze und Einrichtungen, sie alle arbeiten, freiwillig odermit Naturnothwcndigkeit, an der Umänderung und Be-seitigung von christlichen Lebensformen und christlichemVäterbrauche. Und es ist für den katholischen Südenein . schlechter Trost, daß sich dort, während die altenBranche fallen, allmählich einige dem überwiegend pro-testantischen Norden entsprungene Familicngcbräuchc ein-zubürgern beginnen; wir erinnern an die Feier desGeburtstages bezw. dessen Bevorzugung gegenüberdem Mmensfcste; wir erinnern an die Verbreitung, welcheder Christbaum') auch in den ihm früher verschlossenenkatholischen Provinzen gewinnt.
Daß das christliche Leben der modernen Zeit gegen-über dem der alten Tage auch manche erfreuliche Licht-seite zeigt, daß ehemals manches mechanisch geübt wurde,was heute aus innerer Ueberzeugung gethan wird, dasund anderes hervorzuheben ist hier nicht unsere Aufgabe.
Wir wollten hier zeigen den begonnenen Umschwungim Lolksgeiste, in Kleidung und Sitte, in profanen undreligiösen Gebräuchen; wir wollten in einem frag-mentarischen Bilde andeuten, daß unsere Zeit zu dengcmüthvollcn und ruhig dahinfließenden alten Tagen inHellem Coutraste steht, daß unser Leben immer mehr ins'Materielle und Militärische, ins Aeußcrlichc und Nüchternegeht, und daß die Menschheit es nicht mehr liebt, sichin die gchcimnißvollen Tiefen der eigenen und deräußeren Natur und in die Räthsel der Geschichte znversenken.
Eine Zeit des Ucbergauges für das Volk, eine Zeitdes Unterganges für Lcmdcssitte und Landssbrauch! Diealten Formen versinken in den verflachenden Wogen desrasch hereinbrechenden Modernismus, in dem fieberhaftenRingen und Hasten des Tages. Das christliche Volks-leben nach seiner kirchlichen und anheimelnden Seite hin,das Leben in Familie nnd Gesellschaft, welches bis überdie Mitte unseres Jahrhunderts, besonders in katholischenBezirken, manches heilige Erbe aus vergangenen Zeitenherübergerettet hat, dieses von dem Duft religiöser Weiheübcrgosscne Leben, es geht unter in den großen Kämpfennnd Fragen, in der nnrnhevollen Bewegung und demhochentwickelten Verkehre der neuen Zeit. Die mitDampseseile vorwärts drängende moderneZeit hat nicht Muße, bei den Festen desHerdes und Altares, bei den religiösen
') Ueber „Christbaum oder Krippe?" siehe Dr.S- Brunncr, Moher? Wohin?" I. Bd., S. 51, nnd HanI-jakob, „Aus meiner Jugendzeit", S. INI.
Feiern in Haus und Natur, bei Hcimath,Wiege und Grab sinnend stehen zn bleiben.
Neue Gedanken beherrschen das Volk, neue Lebcns-gewohnhcitcn beginnen sich zu bilden, neue Formen undGestalten steigen empor. Eine neue und flüchtige Zeit,die Zeit des Dampfes nnd der Elektrizität, ist an-gebrochen.
Culturgeschichtliche Bilder aus Bayern .
L. Die Gerichtsverhandlungen beim kurfürst-lichen Pfleggericht Rcichenhall vom Jahre1685-1799.
(Fortsetzung.)
Die Gewerbeordnung wurde auf's Strengstegchandhabt. — Ordnung, ein gewisses allgemeines Gefühlfür Recht und Gerechtigkeit ist jener Zeit durchaus nichtabzusprechen; die bestehenden Existenzen sollten erhaltenbleiben — onrmr euiguo —; Sentimentalität, Humanitätim modernen Sinn, sowie das Princip der freien Con-currcnz kannte man nicht — vielleicht znm Vortheil einergewissen Wohlhabenheit jener Zeitperiode.
Der Meister konnte nur diejenigen Arbeiten ver-fertigen und feilbieten, wozu speciell die „Gerechtsame "auf seinem Hause lag, damit die Einzelnen genügendesAus- und Fortkommen fänden: ein Schneider von Karl-stein wird von seinen 2 Mitcollegen verklagt, „die Kauf-arbeit: als fuhrkitl, Hosen, Strimpf, lcibln und haud-schnch, so anders dem Schnciderhandwerk ungehöriges zumachen und damit zu handeln und ihnen dadurch Eintragzu thun", worauf der Betreffende das gerichtliche Attestzugestellt erhielt, daß sonst kein „ Eichmeister" als diebeiden Kläger derlei machen dürfe; das Aufnahme-Attesteines andern Schneiders von Karlstein anno 1699 ver-langt, daß er „in allhicsiger Stadt (Rcichenhall) außerder chnrf. Offizier (Saliucnbcamtc) und was man ihmsonst in seine Wohnung hinaus und wieder hineintragt,weiter nichts arbeite, noch den Stallmeistern beschwerlichfallen solle." Der „Bürger und Pcck" Werspachcr be-schwert sich über den Ober- und Scebachmüllcr, weilsie sich „unfncgsam anmaßen", dem' alten Herkommenzuwider „Kreizcrröckl zn pachcn" (Röckl, sogen. Laib!aus Naggenmchl), da sie doch bei ihren „Pachstciten"nur „Groschen- nnd Sechscrlaib" backen dürften. Derrichterliche Entscheid spricht nun, da auch Zeugen be-stätigen, daß diese „Krcizerröctl" nur „bei Haus" ver-kauft wurden und das „sogen. Protwübcrl nie keinanderes als Hallerbroth zum Verkauf herumgetragen",den „Gayiuüllcrn" nach churf. Polizeiorduung 4. Buch8. tät. 9. uri. das Recht zu, „Rockcuprod zn pachcn"und „bei Haus" zu verkaufen, aber nicht in die Stadtzu bringen. Ja geradezu gezwungen wurde das Publi-kum nur bei Meistern des Pflcggcrichtsbezirkcs seine Be-stellungen und Arbeiten machen zu lassen: der Glaser-meister von Rcichenhall. verklagt 1788 einen Bauer vonWeißbach, das; er „nicht allein seine neuen Fenster beiausländischen Glasern machen lasse", sondern nochdazu „andere Nachbarn aufhetze", ihre Glaser -arbeitenbeim Glaser von Anger verfertigen zu lassen, wofürder. Angeklagte „wegen dieses brotschmcllcrutcn Unter-nehmens" gerichtlichen Verweis erhält und Strafevon 3 ßl dl.
'-) Hallerbrod ist Brod aus Neichenhall. Rcichenhallheißt bei der Landbevölkerung noch heute „Halt".