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der Ernte möglichst zusammenfiel. Zu diesem Zweckebesah man gegen Ende des 12. Mondmonats die Felder^um zn erkennen, ob bis znr Mitte des nächsten Monatsdie Gerste reif werde» möge, so daß man am Osterfeste,welches am 14. Tage des neuen Monats zn feiern war,mit Opferung der ersten Garbe die Ernte eröffnen konnte.War die Reife weit genug vorgeschritten, so wurde mitdem nächsten Neumonde der Frühlingsmonat Nisanbegonnen; war dagegen die Reife noch zurückgeblieben,dann wurde das alte Jahr noch um einen (13.)Monat verlängert und erst mit dem darauffolgendenNeumonde der Frühlingsmonat und das neue Jahr be-gonnen. Der Frühlingsanfang der Juden war also einganz unsicherer, schwankender Zeitpunkt und für die Be-stimmung des Osterfestes nur insofern maßgebend, als ergleichbedeutend war mit dem gleichzeitigen Beginn derErnte, von dem eigentlich die Osterfeier abhängig war.
Diese jüdische Praxis der Osterfeier gibt unszweierlei zn bedenken: einmal, das; jene alttesta-mentlichen Verhältnisse und damit auch die Zeitberech-nungcn nach Mondlanf und Frühlingsanfangunseren christlichen und modernen, kirchlichenund bürgerlichen Verhältnissen in keiner Weise mehrentsprechen, daß also auch der aus dem Jndenthum,herübergenommene Theil unserer Festrcchnnug einer Re-form bedürftig äst. Ferner zeigt uns die. jüdischeOsterfeier, daß auch bei Festsetzung des christlichenOsterfestes eine Berücksichtigung der bürgerlichenVerhältnisse nach Möglichkeit geboten erscheint, die aberhauptsächlich durch eine zweckmäßige Einschränkung^>er Beweglichkeit des Osterfestes bethätigt würde.
Aus der Betrachtung des gegenwärtigen Standesder Zeitbestimmung des Osterfestes und seiner histor-ischen Grundlage und Entwicklung müssen wir znr Er-kenntniß gelangt sein, daß ein Abweichen von derbisherigen Praxis der christlichen Festrechumig imSinne einer Beschränkung der allzngroßcn Be-weglichkeit des Osterfcstkreiscs nicht mir zulässig, son-dern auch zeitgemäß und somit wohl gerathen sei.Die weitere Frage ist nun die: Nach welchen Principienhat die neue Ostcrzeitbestimmung zu geschehen S Bei Lösungdieser Frage ist zunächst darauf zu achten, daß dem Oster-feste ein solcher Platz angewiesen werde, der es möglichmacht, daß eine Concurrenz kirchlicher Festtage mög-lichst vermieden werde. Es wird also Ostern nicht znfrüh und nicht zu spät, sondern am besten etwa in derMitte des gegenwärtigen zeitlichen Spielraums anzusetzensein, d. i. in der ersten Hälfte des Monats April.Dadurch wird verhindert, abgesehen voll etwaigen reinbürgerlichen Vortheilen, daß einerseits die Feste des hl.I oscph und Mariä Verkündigung mit dcrOster-feicr (Charwoche) und anderseits die Feste des heil.Johannes des Täufers und der hl. Apostel Petrus und Paulus mit der Fronleichnamsfeicr inConcurrenz treten, und daß auch die Marknspxo-cession mit der Feier der Ostcrwoche in Kollisionkommt.
Die Festsetzung des Osterfestes wird aber gleichwohlnicht in der Weise geschehen können, daß es auf einbestimmtes Datum fixirt wird, wie das beim Weih-nnchtsfestc der Fall ist. Im Gegensatze zn dem jüd-ischen Osterfeste, das immer am 14. Nisan gefeiertwurde, ohne Rücksicht auf den einfallenden Wochentag,hat nämlich das nicänische Concil entschieden, daßdas christliche Osterfest jedesmal an einem Sonntag
zu feiern sei. Von dieser Entscheidung kann wohl nichtabgegangen werden, da sie eine specifisch christlicheEinrichtung betrifft, ähnlich wie bezüglich der Feier desSonntags statt des Sabbaths. Wird aber das Osterfeststets am Sonntag gefeiert, so ist eine Fixirung auf einenbestimmten Monatstag nicht möglich, weil die Wochen-tage nicht immer auf dasselbe Mouatsdatum fallen. Esist aber auch eine solche Fixirung auf ein bestimmtesDatum gar nicht nothwendig, ja sie wäre nicht einmalgut. Denn sie würde dem Osterfeste und den davon ab-hängigen Festen jede Beweglichkeit und damit dem Kirchen-jahre jede Abwechslung benehmen, was weder schön nochgut wäre.
Die angestrebte Festlegung des Osterfestes bedeutetalso nicht eine direkte Fixirung desselben auf ein be-stimmtes Datum, sondern nur eine Beschränkung derBeweglichkeit auf 7 Monatstage, mit denen derReihe nach cyklnswcise der Ostcrsonntag zusammen-fallen kann.
Die Ursache, welche die übermäßige Beweg-lichkeit der kirchlichen Feste bewirkt, ist, daß- derenZeitbestimmung von dem Monde abhängig gemacht ist.Der erste Frühlings Vollmond, nach welchem dasOsterfest zn feiern ist, kann vom 21. März bis 18. Aprilauf 28 verschiedene Tage fallen. Und da vom Tagedes Vollmondes bis znm nächstfolgenden Sonntag allen-falls auch noch ein Zeitraum bis zn 7 Tagen ver-streichen kann, so ergibt sich ein zeitlicher Spielraum derbeweglichen Feste von 3 5 Tagen oder 5 Wochen.Um diese öwvchcniliche Mobilität auf 1 Woche zn be-schränken, muß das Abhängigkeitsverhältnis; der Festevorn Blonde aufgehoben und die kanarische Fest-rechnung fallen gelassen werden. Statt dessen muß einanderer zeitlicher Anhaltspunkt gewählt werden, vondem aus eine günstige, zweckentsprechende Zeitbestimmungdes'Osterfestes ermöglicht wird. Es sind nun allerdingsschon Vorschläge in dieser Richtung gemacht worden.Dieselben suchen aber meist auf willkürlich gewähltemWege in mehr mechanischer Weise ohne tiefere, innereBegründung ihren Zweck zu erreichen.
Von den mir bekannt gewordenen Vorschlägen gehtder eine dahin, das Osterfest aus den 3. Sonntagnach dem Frühlingsanfang zn verlegen. DerZweck würde dadurch allerdings erreicht; denn Osternfiele dann stets in die Zeit vom 4. bis 10. April incl.Allein diesem Vorschlage möchte ich entgegenhalten, daßeinmal die Annahme des 3. Sonntags nach den: Früh-lingsanfang ziemlich willkürlich gewählt ist ohne Rücksichtauf andere bedeutsame Momente. ' Außerdem ist noch dieFrage offen, ob unter Frühlingsanfang der nicänische(21. März) oder der astronomische zn verstehen ist.Das astronomische Frühlingsäqninoktium würde sich schondeßhalb nicht eignen als zeitlicher Änhaltspnnkt, weildasselbe veränderlich und die Bestimmung desselbenwieder von einer complicirten, astronomischen Berechnungabhängig ist. Aber auch der nicänische Frühlingsanfangist kein passender Zeitpunkt für die Bestimmung deschristlichen Osterfestes. Nachdem wir einmal'die jüd-ische Nechnungswcise bezüglich des Frühlings Voll-mond es haben fallen lassen, hat auch der Frühlings-anfang keine weitere wesentliche Bedeutung mehr, undwird derselbe gleich dem Blonde am besten gänzlich ausder christlichen Fcstrcchnnng gestrichen. Dadurch, wirddann auch jener naturalistischen Richtung, welche dasOsterfest gerne als ein Frühlings- oder Anferstehnngsfcst