Zum hundertjährigen Todestage des Oi'.BenediktStattler.
Ein Gedenkblatt von Pros. Dr. Silbernagl.
Ain 21. Angnst 1797 starb zu München der Ex-jesuit und chnrfürstliche geistliche Rath Dr. BenediktStattler, ein Mann, der sich durch eine ausgezeichnete,auf viele Fächer der Wissenschaften und die Angelegen-heiten seiner Zeit verbreitete Thätigkeit nicht bloß unterden Katholiken, sondern auch unter den ProtestantenDeutschlands einen berühmten Namen gemacht hat.
Geboren am 30. Jänner 1728 zu Kötzting imbayerischen Walde, lernte er die Anfangsgründe der la-teinischen Sprache im Benediktinerkloster Niederaltaich undwurde dann in das Seminar zum hl. Gregor in München zum Dienste der Kirchenmusik aufgenommen, obschon seineganze Musilkimst nur im Paukenschlagen bestand. Nach-dem er am dortigen Gymnasium die niederen Schulendurchgemacht hatte, trat er am 13. September 1745 indas Jesuitencolleg zu Landsberg ein und hörte nach be-standenem zweijährigen Noviziate drei Jahre philosophische,eine Jahr mathematische und vier Jahre theologische Vor-lesungen an der Universität Jngolstadt . Hierauf lehrteer als Magister drei Jahre lang die Grammatik zuStraubing und Lnudshnt und ein Jahr die Poesie zuNeuburg a. D. Im Jahre 1759 erhielt er die Priester-weihe, und im Jahre 1763 legte er die Ordeusprofeßab. Air der Universität zu Innsbruck wurde er im Jahre1764 zum Doktor der Philosophie promovirt und be-kam das Lehramt der Physik; im folgenden Jahre lehrteer Logik und Metaphysik und 1766 abermals Physik,und es erschienen von ihm LlivorsIoAiss ob UetallurZisöxrinoipis xllxmos in zwei Theilen und LlinarsloZissxoeislis, für welche Werke die Kaiserin Maria Theresia ihn mit einer Denkmünze beschenkte.
Im Jahre 1769 erhielt er die theologische Doktor-würde und zugleich das Lehramt der Dogmatik. AlsLehrer der Theologie verfaßte er im Jahre 1770 seine»Doinonstrstio 6vsn§6lias", eine Apologie, in welcherer die Nothwendigkeit, Möglichkeit und Wirklichkeit dergöttlichen Offenbarung zu zeigen suchte, und in demselbenJahre kam er als Professor der Dogmatik an die Uni-versität Jngolstadt , wo er eine große literarische Thätig-keit entfaltete. Er gab in den Jahren 1769 bis 1772zu Augsburg ein die ganze Philosophie umfassendesWerk heraus unter dem Titel „Lllilosopstis uislstoüoscüairtiis propris explsnsts" in acht Theilen, in welchendie Logik, Ontologie (Metaphysik), Kosmologie, Psycho-logie, natürliche Theologie, allgemeine und besonderePhysik behandelt werden. Die Akademie der Wissen-schaften in München hatte für das Jahr 1771 die Preis-frage gestellt: Da das in einem Gefäße stillstehende Wassernicht allzeit wagerecht, sondern nach Verschiedenheit derUmstände zuweilen erhaben, zuweilen aber hohl steht, sofragt es sich, durch was für Kräfte diese Abweichung vonden Gesetzen der Hydrostatik hervorgebracht werde?Stattler löste dieselbe und erhielt einen Preis von25 Dukaten, wurde auch im Jahre 1773 als Mitgliedin die Akademie aufgenommen. Er hatte sich in dieLeibnitz -Wolfische Philosophie hineingearbeitet und dieselbein mehreren Punkten vervollkommt oder vielmehr seineneigenen Ideen angepaßt. Eine gründliche Metaphysikhielt er für eine Hauptstütze aller natürlichen und ge-
offenbarten Religion, und so war er bestrebt nach denRegeln seiner Logik und mathematischen Methodenlchreund nach den in seiner Metaphysik festgesetzten Begriffenund Hauptgrundsätzen die Dogmatik und Moral zu be-arbeiten. Er brach also gründlich mit der bisherigenscholastischen Methode in der Theologie. Im Jahre 1772verfaßte er eine Ltliios offristisns univorsalis, imJahre 1775 die dogmatischen Werke vomoustrslio os-tlwlics und Iwoi tffeoIoAioi, und vom Jahre 1776 biszum Jahre 1779 gab er seine Dflaologis Christians,tffoorotios in sechs Traktaten heraus. Die letzteren dreiWerke erschienen schon 1781 in zweiter Auflage. ImJahre 1780 richtete er eine apistols xsrsenatios anvr. Karl Friedrich Bahrdt in Berlin , als dieser seinGlaubensbekenntniß an den Kaiser geschickt hatte, undbearbeitete die vom Stolpischen Institute zu Leiden ge-gebene Preisfrage „Da vslors Zensus oonrmunis vs-turss tsnHusm nriteris voritstis".
Welches Ansehen Stattler genoß, sehen wir daraus,daß ihn der Bischof von Speyer im Jahre 1776 wieder-holt einlud, das Amt eines bischöflichen Seminarregcnsund Pfarrers zu Bruchsal und eines kirchlichen Re-ferendars zu übernehmen. Stattler lehnte jedoch ab,weil er kurz vorher vom Fürstbischof von Eichstätt zumProkanzler der Universität ernannt worden war und vomChurfürsten Max Joseph die Pfarrei St. Moritz inJngolstadt erhalten hatte. Diese Bevorzugung erweckteihm viele Neider und Gegner, und zugleich begannen jetztdie Angriffe auf seine Theologie.
Der Baccalaureus der Theologie Max JgnazHerzog polemisirte in seiner Doktordissertatiou, die1780 zu Mainz erschien, gegen die Lehre Stattlersbezüglich des Subjectes der kirchlichen Unfehlbarkeit,worauf ihm Stattler eine freundliche Antwort gab.Aber ein viel stärkerer Gegner erwuchs ihm in demBenediktiner Wolfgang Frölich, Lehrer des Kirchen-rechtes im Kloster St. Emmeram zu Regensburg . Dieserkritisirte in seiner Rsüoxio zu der Osuronslrsliv es-tstolios und den Dooi tstsoloZiei Stattlers strengedessen Lehrmethode und zeigte ihm die Irrthümer, welchersich Stattler in Bezug auf das Geheimniß der Erlösung,die Wirkung der Sakramente, die kirchliche Unfehlbarkeit,den Papst und die Kirche schuldig gemacht hatte. StattlersVertheidigung und die Entgegnungen seiner Schüler Sailerund Neuhauscr waren sehr schwach. Frölich zog hierauf54 Sätze aus den dogmatischen Schriften Stattlers ausund schickte sie zur Prüfung nach Rom . Die Jndex-congregation unterwarf nun die vonaoustratio oststvliosund die I-oei tstaologiai Stattlers der Censur, und durchDekret vom 10. Juli 1780 wurde die Demonstrstiocsklivlios auf den Index gesetzt. Da aber diese Schriftvom Ordinariat Eichstätt approbirt worden war, so sus-pcndirte man einstweilen dessen Publication, um zu sehen,wie sich der Bischof zu demselben stellen werde.' DerSekretär der Jndexcongregation, der Dominikaner Mainacht,theilte durch Schreiben vom 9. September 1780 dem Fürst-bischöfe Naymund von Eichstätt das Urtheil der Jndex-congregation mit und bemerkte, daß mau es nicht fürnöthig befunden habe, den Verfasser zu hören. Am6. Oktober 1780 schrieb der Bischof an die Jndex-congregation und drückte seinen Schmerz darüber aus,daß durch die Verdammung eines von seinem Ordinariateapprobirteu Werkes ihm eine große Schande vor den