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schaft über die Kirchen ihres Landes. Wer soll obersterRichter in Glaubenssachen sein: der Papst oder die welt-lichen Territorialherren? Das war der Kernpunkt derganzen Bewegung. Um die Spaltung zu erhalten, er-klärte man in Schmalkalden den Papst als den leib-haftigen Antichrist. „So wenig wir den Teufel selbsfür einen Herr oder Gott anbeten können, so wenigkönnen wir auch seinen Apostel, den Bapst oder Ende-christ, in seinem Regiment zum Haupt oder Herrn leiden.Denn Lügen und Mord, Leib und Seele zu verderbenewiglich, das ist sein bäpstlich Regiment eigentlich."(Pastor, Die kirchlichen Reunionsbestrebungen, S. 100.)
(Fortsetzung folgt.)
Wie ist das Osterfest zu verlegen?
Von I. B. Ach atz.
(Schluß.)
Ein anderer Vorschlag sieht, wie vom Früh-lingsvollmonde, so auch vom Frühlingsanfänge —gänzlich ab und geht dahin, daß Ostern am 2. Sonn-tag im April zu feiern fei. Darnach fiele Osternstets in die Zeit vom 8. bis 14. April incl. DieserVorschlag ist in einer Hinsicht noch annehmbarer als dervorhergehende, weil er nämlich vom jüdisch-astro-nomischen System ganz absieht. In anderer Hinsichtist aber mich dieser Vorschlag auf einer sehr willkürlichgewählten, völlig bedeutungslosen Grundlage aufgebaut.Durch diesen Modus würde nicht bloß das Osterfest,sondern das ganze Kirchenjahr eine Einbuße an seinemidealen Charakter erleiden. Aber gleichwohl verdienendie beiden vorerwähnten Vorschläge mit Rücksicht auf denangestrebten Zweck dennoch volle Anerkennung.
Um jedoch eine befriedigende Lösung der Osterfrageherbeizuführen, sollte ein allenfallsiger Vorschlag nachMöglichkeit und-dem kirchlichen Charakter des Oster-festes entsprechend mehr im Kirchenjahre selbst alsim bürgerlichen Jahre einen Stutzpunkt finden, damitso die sinnvolle Bedeutung des Kirchenjahres immerklarer zu Tage trete. Ich will es deßhalb versuchen,unter dem erwähnten Gesichtspunkte einen Vorschlag zumachen, der hauptsächlich das Kirchenjahr und diechristliche Zeitrechnung zur Grundlage hat, undder deßhalb die christliche Idee der kirchlichen Festzeitennicht unbedeutend heben dürfte. Sollte mit diesem Vor-schlage auch weiter nichts erreicht sein, als daß er neueGedanken und Gesichtspunkte für eine möglichst be-friedigende Lösung der Osterfrage in Anregung gebrachthabe, so ist er immerhin ein Beitrag zur Klärung derSache.
Zunächst sei also darauf hingewiesen, daß dasOsterfest und der ganze bewegliche Osterfestkreis einwesentlicher Bestandtheil des Kirchenjahres ist. DasKirchenjahr ist aber seiner Bedeutung nach nichts anderesals eine Darstellung, Vergegenwärtignng, Erneuerungdes Erlösnngswsrkcs, der ganzen Erlösnngsgeschichte.Jni Laufe des Kirchenjahres schauen und durchleben wirim Geiste und in der Erinnerung alle die verschiedenenZeiten und denkwürdigen Ereignisse unserer Heilsgcschichte,angefangen von den ersten Menschen im Paradiese, dieVerheißung und Ankunft des Erlösers (Advent), dessenGeburt und verborgenes Leben (Weihnachten), dessenöffentliches Wirken, Leiden und Sterben (Fastenzeit),seine Auferstehung und Himmelfahrt (Osterzeit), dieSendung des hl. Geistes, die Stiftung, Ausbreitung und
Wirksamkeit der Kirche bis zum Ende der Zeiten(Pfingsten und Sonntage nach Pfingsten).
Alle diese Zeiten und Ereignisse werden in der ge-schichtlichen Darstellung nach der allgemein üb-lichen christlichen Zeitrechnung bestimmt mit Rück-sicht auf das Geburtsjahr des Welterlösers,indem angeben wird, im wievielten Jahre vor odernach Christi Gebnrt sie stattgefunden. Die GeburtChristi bildet also gleichsam den Mittelpunkt, vondem aus alle geschichtlichen Ereignisse zeitlich fixirt undberechnet werden. Und dazu ist das Geburtsfest desHerrn durchaus geeignet. Denn einmal ist es ein fest-stehender, unveränderlicher, allgemein aner-kannter Zeitpunkt, der 25. Dezember, der nicht vonweitläufigen wissenschaftlichen, astronomischen Berechnungenabhängig ist. Ferner bildet das Geburtsfest Christi die Grundlage, gleichsam das Fundament, auf dasalle übrigen Feste des ganzen Kirchenjahres gegründetsind. Die Advent sonnt age werden ohnehin schonmit Rücksicht auf das Weihnachtsfest gerechnet. DieBeweglichkeit des ersten Adventsonntages zeigtuns schon die Art und Weise der Beweglichkeitdes Osterfestes und der übrigen beweglichen Feste.Eine weitere bedeutsame Folge wird die sein, daß derWeihn achtsfestkr eis und Osterfestkreis , die bis-her in einem losen Verhältnisse zu einander standen, aucheinen äußeren, harmonischen Zusammenhang er-halten. Gerade dieser Umstand zeigt uns auch denWeg, auf dein unser Vorschlag seinen eigentlichen Zweckerreicht.
Indem wir nämlich das Osterfest nach dem Weih-nachtsfeste bestimmen, müssen wir nicht bloß dieseFesttage im Einzelnen ins Auge fassen, sondern vielmehrdie ganze Festzeit, d. h. den Weihnachts- undOsterfestkreis je als ein einheitliches Ganzes,berücksichtigen. Die Nachfeier des Geburtsfestes Christidauert 40 Tage; es schließt somit die Weihnachtszeitoder der Weihnachtsfestkreis ab mit dem 40. Tagenach Weihnachten, d. i. am 2. Februar, dem FesteMariä Lichtmeß (kurifioat. L. dl. V. sau kraesantat.vooailli). Dies ist wieder ein ganz fixer, vom Ge-bnrtsseste des Herrn zeitlich abhängiger Tag,der überdies sowohl in kirchlicher als bürgerlicherBeziehung eine nicht unbedeutende Rolle spielt. DerLichtmeßtag bildet also den ganz bestimmten Abschlußdes Weihnachtsfestkreises und mit Rücksicht aufsein Festgeheimniß (Aufopferung des Herrn im Tempel)zugleich den Uebergangspnnkt zum Osterfest-kreis. Der Osterfest kreis, d. i. die Vorfeier zumOsterfeste, beginnt stets mit dem Sonntage Loxtua-Zasimas oder dem 9. Sonntage vor Ostern. Der Sonn-tag 8op>tua§68ima.6 ist nach den heutigen Verhältnissendenselben Schwankungen unterworfen, wie das Oster-fest selbst. Derselbe kann vom 18. Januar bis 21. Fe-bruar einschl. auf 35 verschiedene Tage fallen, so daßder Anfang des Osterfestkreises einmal noch mit demWeihnachtsfestkreise zusammenfallen, ein anderes Mal da-gegen weit von demselben sich entfernen kann. Dieseslofe, nnzusammcnhängende Verhältniß der beiden großenFestkreise bildet gewissermaßen einen Mangel, eine Lückeim einheitlichen Charakter des Kirchenjahres,abgesehen von der unnatürlichen Occnrrenz des Weih-nachtsfcstkreises und der Septnagesimalzeit. Dieser Defektwird aber auf sehr einfache Weise dadurch beseitigt, daßman an den Weihnachtsfestkreis stets den