Ausgabe 
(14.8.1897) 47
 
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welcher sich mit festem Schritt in die Welt hinauswagt,um sein Leben zu erstreiten und den Platz sich zu er-werben, den das Können, das er in sich fühlt, ihm inder Ferne zeigt.

Um welche Zeit Walthcr als fahrender Sänger vomWiener Hof ausgezogen ist, wissen wir nicht. Auch dieUmstände können wir bloß ahnen. Denkbar wäre es,daß Neinmar dazu beigetragen hat, zu welchem Walthcrin ein feindseliges Verhältniß getreten war. Man schließtdieses eins den Klagestrophcn, welche er dem in Palästinaverstorbenen Herzog Leopold V. widmete. Als der ersteunter den ritterlichen Dichtern treibt er jetzt das Gewerbeeines fahrenden Spielmanns durch die deutschen Landeund darüber hinaus mehr denn zwanzig Jahre. DieFlüsse Seine und Mnr (in Steiermark), Po und Trabebezeichnet er als Grenzen, innerhalb deren er das Lebender Menschen beobachtet habe. Wir sind jedoch außerStande, die ganzen Wanderungen des Dichters im ein-zelnen zu verfolgen; dazu reichen die mannigfachen An-haltspnnkte doch nicht aus, die uns durch seine Gedichtegeboten werden. Die darin enthaltenen Andeutungensind vielfach zn unbestimmt und für uns nicht mehr ver-ständlich. Doch wie haben wir uns Walthcr als fahrendenMann zn denken? Zn Pferd zog er als Ritter voneinem Ort zum andern. Die Höfe adeliger Herren, derGrafen, Bischöfe und Fürsten waren die großen Sta-tionen seines Zuges. Während er in den kleinen Her-bergen, in Dörfern und Weilern, ein Gast war, der fürUnterkunft und Zehrung bezahlte wie jeder andere, warfür ihn an den Höfen nicht nur beides frei, sondern demSänger wurde nach kürzerem Aufenthalte ein Geschenkzn Theil, etwa Geld, Stoffe, Schmuck, ein Pferd. Ge-fiel seine Knust und auch seine Persönlichkeit dem Herrn,so behielt er ihn länger, nahm ihn vielleicht sogar unterseinen Hofstaat, in seinGesinde" auf. Wenn man demSänger und Edelmann auch im ganzen gewiß mit Achtungbegegnete, so gab es doch ebenso gewiß auch Wider-wärtigkeiten, welche ihm durch Concnrrenten und Streberbereitet wurden. Musik und Gesang, Vortrüge vonLiedern, erwartete man von ihm. Sein Instrumentführte der Sänger mit sich, entweder die Fiedel nebstBogen, die, mit einem Tuch umhüllt, beim Reiten anden Sattel geschnallt oder wie der Sack eines heutigenTouristen über den Rücken gehängt wurde; vielleicht hatteer auch eine kleine Harfe, welche der Sänger auf dasKnie stellte und gegen die Brust stemmte. Ort und Zeitdes Vortrags war wohl Winters und Sommers ver-schieden: in einem der großen Bnrgzimmer nach demMahle oder des Abends, wenn das Feuer in dein mächt-igen Kamin loderte. Während des Sommers aber botder Banmgarten oder der Hof in der Burg, vielleichtauch eine der steinernen Lauben, wie sie sich am Ober-stock alter Schlösser manchmal hinziehen, den passendenfreien Raum. Waren die Hörer im Halbkreis ver-sammelt, die vornehmsten auf erhöhten Sitzen in derMitte, dann hub der Sänger an. Es läßt sich ver-muthen, das; er zuerst ein Vorspiel auf seinem Instru-ment zum Besten gegeben haben wird. In welcher Artjedoch der eigentliche Vortrug der Lieder stattfand, dar-über besitzen wir keine genaueren Mittheilungen, auch dieüberlieferten Bildwerke nützen uns nichts. Doch sovielist wahrscheinlich: entweder begleitete der Sänger seinLied selbst auf einer kleinen Knieharfe (liet blasennennt das Ncidhart) oder er wurde von einem Genossenauf der Fiedel begleitet. Walthcr nennt einmal seinen

Knappen Dietrich, der ihm wohl die nöthige Hilfe ge-leistet hat. Ulrich von Lichtcnstein und später der GrafHugo von Montfort sangen auf dieselbe Weife mit Unter-stützung eines Begleiters. Walther hat die Weifen znseinen Liedern und Sprüchen selbst componirt, wie dennauch alle angesehenen ritterlichen Minnesänger vor undnach ihm gethan haben. Ja, Walther ist gerade seinerMelodien wegen berühmt gewesen. Gottfried von Straß-burg widmet ihm gerade deßwegen hohes Lob; er preistdie kunstvolle Harmonie und die anmnthigen Tongängeseines musikalischen Vortrages und erhebt ihn darumüber alle Zeitgenossen. Reininar und Walther hattennach Gottfrieds Zeugniß vor allein das Verdienst, denweltlichen Gesang künstlerisch ausgebildet zn haben.Manches Lied Walthers singt sich fast von selbst, manfühlt nicht bloß den Rhythmus, sondern auch die Inter-valle der Melodie. Zn nicht weniger als 101 solcherKompositionen sind uns die Texte erhalten, darunterumfangreiche und schwierige Nummern. Nur ein großesdurchcomponirtes Stück ist dabei, der Leich, die übrigenhaben bloß je eine Weise für mehrere Strophen. Außerseiner eigenen Poesie hat Walther sicherlich noch dieMinnelieder anderer Herren, aber auch sonstige beliebteStücke, z. B. die volkstümlichen Dichtungen aus derHeldensage, seinen Zuhörern vorgetragen.

Auf seinen Sängerfahrten hat Walther von derVogelweide die rechte Meisterschaft in dem höfischenSauge gewonnen, wodurch er selbst znr Höhe empor-gehoben wurde. Er zieht alle Register der Kunst, umdie Liebe zu einer schönen vornehmen Frau zubesingen.

Ich darf dir nur in's Antlitz schauen,so ist mir schon, als fälst fürwahrden Himmel selbst, den dunkelblauen,in Sommernächten rein und klar.

Zwei Sterne, mir ein Gottessegen,sie lächeln mich so freundlich an

O Herrin, komme mir entgegen,daß ich mich darin spiegeln kann;und bin ich noch so alt und krank,ich werde jung durch deinen Dank!

Und deine Wangen erst, o sprich,

Gott selbst hat sie gemalt, mein Kind.so weiß und roth und miuniglich,wie Lilien und Rosen sind!

Es ist doch, Herrin, keine Sünde,daß ich dich schöner als das Blaudes Himmels und die Sterne finde?

Doch stille, Mund! Die beste Frau,sie sieht dich bald von oben an,denn zu viel Lob entehrt den Mann.

Ein andermal singt er in tiefer Empfindung:

O wie gut bist du und rein,meine Seele ist dir offen;o laß ab und schone mein,die du mich in s Herz getroffen!

Lieb und lieber? Nein, du bistnur das Liebste, das ich kenne;wenn ich deinen Namen nenne,alles Leid verschwunden ist.

Noch gehobener ist die Stimmung des Sängers inden vollklingenden Versen des Gedichtes:

Wenn die Blumen aus dem Gras sich drängen,als ob sie lachten ge'n den Glanz der Sonne,im holden Mai und in der Morgenfrühe,da gleicht auf Erden nichts mehr dieser Wonne.Man glaubt sich schon im halben Himmelreich.Und dennoch sah ich einst, ich sage euch,was meinen Augen wohler noch gethanund noch thun würde, fälst iclsts wieder an.