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,Ihr zweifelt wohl? Nun denn, das ist ein Weib,ein junges, schönes, hochgebornes Weib:das mit dein Kranz im aufgcbnnd'ucn Haar,geschmückt mit festlich wallendem Gewand,voll Zucht einhergcht in der Frauen Schaar.
Ein holdes Lächeln sitzt auf ihrem Munde,verstohlen blickt sie manchmal in die Rundeund wirft in manches Herz der Liebe Brand.
Wie uicter Sternen steht sie, eine Sonne —o armer Mai! wo bleibt da deine Wonne?
All deine Blumen las; ich gerne steh'nund will nur sie in ihrer Schönheit seh'n.
Ihr neigt das Haupt und lächelt? Nun wohlan!Mit Blüthen ist bestreut die grüne Bahn,und unter Nachtigallentönenzieht siegreich ein der königliche Mai.
O blickt auf ihn, doch schaut auch auf die schönenund keuschen Frauen mit holden Wangen!
Wem glüht da nicht die Seele vor Verlangen,und wer aus euch fühlt sich von Fesseln frei?
Ihr heißt mich wählen: Frühling oder Frauen!Bei Gott, da gibt's kein überlanges Schauen:März müßt ihr sein, Herr Mai, der wolkenbleiche,bevor ich je von meiner Herrin weiche!
Walther kann hier mit den besten Dichtern derGegenwart um die Paline ringen. Er zeigt da dieVerwegenheit des Dichters, der seiner Mittel und ihrerWirkung vollkommen sicher ist; er fühlt sich seinemPublikum überlegen, er leitet zu dem Genusse, welchener selbst vorbereitet hat. Das Kunstmittel, die Hörerpersönlich in das Interesse zu ziehen, hat Walther alleinausgebildet. Es wäre uns ein Leichtes, noch eine großeAnzahl Dichtungen unseres Meisters anzuführen, nm dasvollauf zn bestätigen, was Willmanns in seine»; be-deutenden Werke über „Walther von der Nogelweide"(2. Auflage 1883) über den Stil des Dichters sagt:„Nicht weniger als durch die Mannigfaltigkeit des Stoffeszeichnet Walthers Kunst sich durch einen erfrischenden Wechselder Stimmung aus. Freude und Schmerz, ruhiger Ernst,treffender Spott, sittliche Entrüstung, streitbare Kampf-lust, kecker liebcrmuth, heiterer Scherz, frohes Behagen,Sehnsucht, Unwillen, Wehmnth und Humor: alle Stimmendes menschlichen Herzens klingen uns aus seinen; Liedeentgegen, nud so rein und lieblich, so kräftig und er-greifend, daß man ihnen gerne lauscht. Der Reichthumdes Stoffes und die Mannigfaltigkeit der Auffassungverbinden sich bei unserm Dichter mit einer Kunst derDarstellung, welche ihm, obschou er nicht überall auf der-selben Höhe steht, unter allen Dichtern des Mittclaltersden ersten Platz sichert. Die Aufgabe des vortragendenKünstlers, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zn fesselnund zu befriedigen, ist für den Säuger schwerer zu lösenals für den Erzähler. Und doch verfehlt Walthers Kunstnicht die Wirkung; sie ist lebendig für die Empfindung,klar für den Verstand, anschaulich für die Phantasie; sieerfreut in; einzelnen und im ganzen." Unter dem Zauberseines Wortes beleben sich die Abstraktionen, gewinntdas heimlichste Gefühl lebendigen und packendenAusdruck.
Allein auch der Dichter hatte von dieser Periodeseines Schaffens einen großen Gewinn. Seine Erfahr-ungen wurden ein bleibender Gewinn für sein Leben;sie machten ihn ernster und tiefer, aber sie rüsteten ihn auchzu den Aufgaben, die seiner harrten und zu deren Lösungdas deutsche Reich und Volk sein Leben und seine Kunstfür sich forderten. Bis zum Ende seines Wiener Auf-enthalts blieb Walther unberührt von den politischen Er-eignissen/ wenn wir uns darüber auch klar sind, daß diegroße und herrliche Zeit Barbarossas und seines Nach-
folgers einen tiefen Eindruck auf sein warmes Dichterherz hervorrief. Das änderte sich jäh, als KaisciHeinrich VI., Barbarossa's harter Sohn, der „Haimncder Erde", wie die Zeitgenosse!; ihn nannten, am 28September 1197 zn Messina schnell dahinstarb. Mitten au?den kühnsten Plänen und weitgrcifcndstcn Entwürfen rißihn der Tod. Mit eherner Faust hatte er Italien zuBoden gerungen, in Deutschland die Furcht als Hüterinvon Gesetz und Recht aufgestellt, überall die Scheu vordem kaiserlichen Namen erweckt und wach erhalten. Nunbemächtigte sich eine ungeheure Verwirrung aller Ge-müther; der Machtbau Heinrichs brach sofort in sich zu-sammen; denn während das ungeheuere Reich mit seinenvielen widerstrebenden Elementen eines kräftigen Manncs-ariues bedurft hätte, hinterließ er als Thronerben eindreijähriges Kind. Von einem Ncichsverweser wolltendie Fürsten nichts wissen, und ein neuer König solltegewählt werden. Die Fürsten vermochten sich nicht zneinigen. Gcgenkönige wurden gekürt, und wie eine schwereGewitterwolke hingen die Greuel des Bürgerkrieges andem finstern Horizont und über der schwülen Luft. HieWels! Hie Waiblingcn! hieß es. Die hohenstansischePartei wählte den Bruder Heinrichs VI. , den Schwaben-herzog Philipp, während die Gegenpartei Otto vonBraunschwcig zum König wählte.
(Fortsetzung folgt.)
Recensionen nud Notizen.
Sepp I., Ansiedelung kricgsgefangcncr Slaven oderSklaven in Altbayern und ihre letzten Spuren.München, M. Poeßl. 1896. Gr. 8". 78 Seitenmit Bildniß. Preis 2 Mark.
Wenn der Verfasser in seiner Vorrede den Nebcr-griffcn des lilerarischei; Panslavismns entgegentretenwill, so scheint er beinahe im weiteren Verlauf seinerDarstellung selbst diesen Ansprüchen zn weit entgegenzu kommen bei der Aufspürung von Zwangsansiedlungder slavischen Nachbarn im Gebiete des bajuwarischenVolksstammes. Es darf bei einer Reihe von Ortsnamendie versuchte Herleitung aus den; Slavischen füglich be-zweifelt werden. So insbesondere bei Scharnitz, das zwar;n der Endung an slavischen Ursprung erinnern konnte,jedenfalls aber nicht mit dem slavischen tseborn^ — schwarzzusammenhängt, da wohl ein Umlaut in o, nicht aber ins. denkbar ist und ebensowenig ein Abschleifen descharakteristischen slavischen tseb in «ob. Ebenso dürftees sich mit einer Reihe von Ortsnamen, insbesonderedes Winingen an der Mosel, und der Ableitung derFlußbezeichnung Loisach verhalten. Damit soll indeßnicht gesagt sein, daß für die meisten der von; Verfassermit wahrem Bienenfleiß« zusammengesuchten Ortsbezeich-nungen nicht ein slavischer Zusammenhang bestehe und aufBeimengung anderer Volkseleuiente hinwerfe. Letzteretritt auch in einer Reihe von Familiennamen zn Tageund widerlegt damit, daß die fremde Beimischung aus-sterbe, ein Umstand, der nur vorgetäuscht wird durchNamensänderung, wie wir den gleichen Umstand zu Un-gunsten des Deutsche!; bei unseren slavischen Nachbarn ii;Polen und Böhmen sowie in Ungarn beobachten können,wo deutsche Namen durch slavische Endungen oder direkteUcbersetzung ins Frcmdnationale ihren Träger stempeln.Dagegen berührt es angenehm, mit dein Verfasser denSpuren zu folgen, die die gewaltige Eypausivkraft desbäuerischen Volksstammes donauabwärts bekunden, woin heißem Kampfe Schritt vor Schritt im Laufe derJahrhunderte deutsche Kultur und Sprache verbreitetwurde, welch letztere jedoch leider an einzelnen Streckendaselbst zurückzuweichen beginnt. Allerdings ist auch derBeweis nicht erbracht von; Verfasser, daß um Verona u. s. w. deutsche Sprache allerorten im Volksmunde war,und dürfte es sich mehr um isolirte Sprachinseln und ,imübrigen um ein Verhältniß wie in den baltischen Ostsee- landen gehandelt haben, wo die herrschenden Klassen dieDeutschen bildeten. Anders wäre ein so radikales Ver-