Zum hundertjährigen Todestage des Or.BenediktStattler .
Ein Gcdenkblatt von Pros. vr. Silbernaal.
. (Schluß.)
Während des Druckes der erwähnten Schrift kamihm der siebente Band der Reisebeschreibung des Buch-händlers Nikolai von Berlin in die Hand, worin dieProtestanten gewarnt werden, sich von der jetzigenToleranz der Jesuiten, wie eines Sailer oder Stattler ,nicht täuschen zu lassen. Sogleich schrieb Stattler andenselben einen Nachtrag zu seinem wahren Jerusalem ,in welchem er sagte, daß er den ganzen Inbegriff seinerhier weitläufig geäußerten Toleranz schon in seiner De-monstrativ oarliolioa ausgekramt habe. und im Z 78seiner Dom tkooloZioi den Satz drucken ließ, daß auchgelehrte Protestanten unschuldig irren und folglich auchnoch mit ihm in den Himmel kommen könnten. Schließ-lich bemerkt Stattler: Die Zerstreuung hat den Jesuiten sonder allem Zweifel mehr von Wcltkcnntniß beigebracht,hat sie mehr zum Selbstdcnken angeregt,' hat sie innäheren Umgang und Bekanntschaft mit manchen recht-schaffenen und liebenswürdigen protestantischen Gelehrtengebracht, und ganz gewiß würden die künftigen Jesuiten in vielen Stücken mäßiger denken und handeln, wenn siewieder vereinigt würden, als es die vorigen gethan haben,während Nikolai meinte, daß sie im Sinne hätten, nachnnd nach Weltbeherrscher zu werden.
Da die Kant'sche Philosophie bei vielen katholischen Gelehrten und Geistlichen Anklang fand, so verfaßteStattler im Jahre 1788 einen Anti-Kant in drei Bänden,in welchen er alle Theile der Kant 'schen Kritik der Vcr-nnnft der Ordnung nach widerlegt und zugleich einenkurzen Entwurf einer wirklich allgemeinen Metaphysikund eine Skizze seiner Logik gibt, nnd in einem Anhangezu diesem Werke, der auch als eigener Band erschien,beschäftigte sich Stattler mit einer Widerlegung der Kant'-schen Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, weil die-selbe ebeiiso eine Umwnhlnng aller Gründe einer statt-haften und kraftvollen Moral sei, wie dessen Kritik derVernunft eine Zerstörung aller Logik, Metaphysik undReligion.
Stattler legte hierauf seine Pfarrer nieder undbegab sich nach München , wo er Mitglied des geistlichenRaths- und des Censnr-Colleginms mit einem Salär von300 fl. wurde. Durch seinen Anti-Kant aber ward erin eine heftige literarische Fehde verwickelt. D. MaternReuß, Professor der Logik, Metaphysik und praktischenPhilosophie zu Würzbnrg, der die Hanpttheile des Systemsvon Kant's Kritik der Vernunft lateinisch unter demTitel nDoZioa, umvorsalis et Lnal^kioa, kaoultsckiscoZnosoonäi xurns" herausgab, warf dem Anti-Kantvor, daß er den großen Kant nicht verstehen könne.Stattler schrieb im Jahre 1791 gegen ihn einen kurzenEntwurf der unausstehlichen Ungereimtheiten der Kant'-schen Philosophie sammt dem Seichtdenkcn so manchergutmüthigen Hochschätzer derselben. In einer kleinenSchrift unter dem Titel „Der Anti-Kant im Kurzen"widerlegte Stattler die vom kgl. Hofprediger und Pro-fessor der Mathematik zu Königsberg, Johann Schulz,im ersten Theile seiner Prüfung vertheidigten entscheiden-den Hauptsätze der Kant'schen Kritik der reinen Vernunft.Gegen zwei Schriften: 1) Abhandlung über die Unmög-
lichkeit eines Beweises vom Dasein Gottes aus bloßerVernunft (Nürnberg 1791) und 2) Versuch, die hartenUrtheile über die Kant 'sche Philosophie zu mildern durchDarstellung des Grundrisses derselben mit Kant 'scherTerminologie, ihrer Geschichte, der verfänglichen Ein-wendungen, dagegen sammt ihren Auflösungen und vor-nehmsten Lehrsätze derselben ohne Kant's Schnlsprachevon Joseph Weber, Professor der Philosophie an derUniversität zu Dillingen, schrieb Stattler zur Wider-legung: Meine noch immer feste Ueberzeugung von demvollen Ungrunde der Kant'schen Philosophie nnd von demaus ihrer Aufnahme in christliche Schulen unfehlbar ent-stehenden äußersten Schaden für Moral nnd Religiongegen zwei neue Vertheidiger ihrer Gründlichkeit undUnschuld. Stattler war ein unversöhnlicher Gegner derKant'schen Philosophie. Er bewirkte als Ccnsurrath eingeheimes Verbot an die Buchhändler in München dieKant 'schen Schriften zu verlegen und zu verkaufen undhielt sogar die Approbation der zweiten Auslage vonSailer's Vernunft-lehre für Menschen, wie sie sind, einganzes Jahr zurück, weil er darin Kant 'sche Ideenwitterte.
Auch andere Themata, welche in der Literatur da-mals behandelt wurden, ließ Stattler nicht aus denAugen. So verfaßte er im Jahre 1791 einen Plan znder allein möglichen Vereinigung im Glauben der Pro-testanten mit der katholischen Kirche und den Grenzendieser Möglichkeit, worin er unverhohlen die in der ka-tholischen Kirche bestehenden Mängel aufdeckt nnd sichinsbesondere mit dem Benediktiner-Pater Beda Mayr zu hl. Kreuz in Donanwörth beschäftigt, welcher inseinem dritten Theile der Vertheidigung der natürlichen,christlichen nnd katholischen Religion einen neuen Vor-schlag zur Vereinigung der Protestanten mit der kathol-ischen Kirche gemacht hatte. Hier spricht sich Stattlerbezüglich des Cölibates gegen ?. Beda dahin aus, daßes in der katholischen Kirche nie zur Aufhebung desCölibates, sondern viel eher dazu kommen werde, denganzen Seelsorgsklerns in einen regulären Körper wiederzu versammeln und zur ganzen evangelischen Vollkommen-heit zn verbinden, weil nur auf diese Weise für dasSeelenheil genügend gesorgt werden könne. Denn nurzwei Orden billigt Stattler , einen der regulären mit derSeelsorge und Schule bcladencn Priester und einen fürdie religiösen Laien, welche die Handarbeit nach Gebrauchder ersten Mönche, zum Theil aber auch die deutschenSchulen sammt dein Kirchendicnste wieder ergreifen. Un-auflösliche Gelübde sollen nirgends vor einem schon ziem-lich reifen Alter abgelegt werden. Stattler wollte alsodie katholische Kirche ähnlich wie die Gesellschaft Jesu organisiren?)
Im August 1792 übergab Stattler zwei vom bischöftlichen Ordinariate Eichstätt approbirte Vcrtheidignngs-schriften Wider die Angriffe, die seine Demonstrativ ca-tftolioa. erfahren hatte, dem Nuntius in München mitder Bitte, sie nach Rom zu schicken, wo im Jahre 1791auch sein Gegner, der Benediktiner -Pater Wolfgang
Ausführlich hierüber handelte er in einer von ihmanonym zu Ulm im Jahre 1791 herausgegebenen Schrift„Wahre und allein hinreichende Reformationsart des ka-tholischen gesummten Priesterstandes nach der ursprüng-lichen Idee seines göttlichen Stifters von einem thätigenFreunde der reinen Wahrheit und des allgemeinen Besten."