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weiß den Herrn vom Knecht zu unterscheiden, Hut er sielebend noch so gut gekonnt, wenn er nichts als dienackten Knochen fand, das Fleisch von Würmern völligwar verzehrt? Nur Einem dienen alle: Christen, Jnden,Heiden, ihm, der die Welt erschuf und sie ernährt." —Seine beiden Lieder für die Kreuzfahrer sind aus tiefgcwurzelter, frommer Empfindung hervorgegangen, die ernicht ergreifender hätte anssprcchen können, wenn er selbstmitgezogen wäre ins hl. Land. Wir könnten noch manchePerle von Walthcrs religiösen Gesängen anführen. Dochdie angeführten mögen genügen, um daraus zu ersehen,daß unser Sänger ein Christ im ganzen und vollenSinne seiner Zeit war.
Walther hatte für feine Dienste um die SacheKaiser Otto's geringen Lohn geerntet. Er mahnt denKaiser, daß er in seiner Bcdrängniß doch des armenGastes nicht vergesse. Doch es war vergebens; auchWalther wandte sich mit vielen anderen beim Erbleichenvon Otto's Stern dem jungen Sprossen des Hanfes derStaufer zu, in dessen Hut er das Reich sicherer geborgenwußte, als bei dem rauhen und kargen, unfreundlichenund freundloscn Welsen. — Mögen die Gründe, dieWalther bewogen haben, zu dem sogen. PfaffenkönigFriedrich überzugehen, noch so triftige gewesen sein, sodürfte es auch dem begeistertsten Verehrer des Sängersdenn doch schwer werden, ihn von einer Verleugnung derPrincipien und von Jnteressenpolitik freizusprechen. Esist zu bedauern, daß das politische Verhalten des Dichterseinen Schatten auf das leuchtende Bild wirft, welcheswir von ihm als Sänger, Menschen und Christenbesitzen.
Der junge Staufer nahm den großen Sänger mitköniglicher Huld auf; er erkannte eben die Macht, welcheer durch den leidenschaftlichen Dichter im Kampfegegen Rom erhalten hatte. Walther bekennt selbst, daßer noch durch nichts eine Belohnung von dem „besten"Herrn, wie er Friedrich nennt, verdient habe. Er erhieltnämlich von: Könige dreißig Mark Einkünfte, aberwahrscheinlich von einem entlegenen Gut im BesitzeOtto's oder eines seiner Anhänger; jedenfalls war derZins nicht einzutreiben, und so bleibt dem Dichter vondein großen Erträgniß nichts als der Name, worüber ernur spottet.
Soviel wir wissen, ist Walther jetzt nicht am HofeFriedrichs geblieben, sondern sein unruhiger Geist hatihn abermals und zwar durch längere Zeit in einem nn-stäten Leben nmhergeführt. Während der vorhergehendenbösen Zeit war dein Sänger das schönste Licbesglückaufgeblüht. Walther lernt nämlich, durch eigene Ent-wicklung, vielleicht auch durch den Verkehr mit Wolframdahin gebracht und der schlichten, natürlichen Neigung sichzuwendend, ein hübsches Mädchen in einem von Wien unfcrncn Dorfe kennen. Diesem widmet er nun seinebesten Minneliedcr; der Königin Minne will er seinLeben weihen. Dazu bedarf er auch des Glückes, unddarüber spricht er in einem hübschen Spruch: „Fortunatheilet ringsum ihre Spenden; mir aber kehrt sie ihrenRücken zu, sie läßt mich ohne Gnade fort mit leerenHände». Noch weiß ich nicht, was ich ihr deßhalb thu'.Sie wendet sich ungern zu mir: lauf' ich um sie herum,stets bleib' ich hinter ihr. Sie nimmt sich gar nichtZeit, mich anznsch'n. Ach, möchten doch die Angen ihrim Nacken steh'», dann mußt' es wider ihren 'Wunschgcschch'n."
Die Krone aller Dichtungen WaltherS ist jenes Lied,in welchem er schildert, wie das zur Wahrheit geworden,was er so oftmals geträumt:
Unter der Lindenan der Heide,
wo ich mit meiner Liebsten saß,da mögt ihr findenwie wir beide
die Blnmen brachen und das Gras;vor dem Wald in einen: Thal —
Tandaradci!
herrlich sang die Nachtigall!
Ich kam gegangenzu der Aue.
und mein Liebster war schon dort;da ward ich empfangen,heilige Frane,
daß ich bin selig immerfort.
Ob er mich wohl oft geküßt?
Tandaradei!
Seht, wie roth der Mund mir ist!
Mit dem Gedichte „Unter der Linde" hat dasLiebesverhältniß äußerlich und innerlich seinen Höhepunkterreicht. Darnach kann nichts mehr kommen, und deß-halb dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir ausWalthers Liedern darüber auch nichts mehr erfahren.Daß ihm, als er schon die Vierzig überschritten hatte,das süßeste Licbesglück erblühte, wird niemand unwahr-scheinlich finden, ebenso wenig, daß es nicht allzu langewährte. Allein die Entsagung fällt ihm nicht sehr schwer,wie wir aus dem Lied, in welchem er Frau Minne denDienst kündigt, vernehmen: „Liebe, die hat eine Art,wollte sie doch die vermeiden, besser schien sie mir.Mancher bliebe dann bewahrt vor der Liebe Schmerzund Leiden; übel schickt sich's ihr. Es sind ihr viernnd-zwanzig Jahre viel lieber, als ihr vierzig sind, und siestellt sich böse an, sieht sie irgend graue Haare." „Liebs,hatte mir's zu gnt, während sie sich Kämpfer wählt,setz' ich mich hierher. Weitaus hab' ich frischem Muth/,als noch mancher Springinsfeld. Was will sie von mirmehr? Ich dien' ihr sonst, wie ich's vermag. Sie laufeihren sechscn nach, von mir gewinnt sie in der Wochenur den sieb'nten Tag."
Walthern lag jetzt anderes am Herzen. Am heim-ischen Hofe war während seiner Gastfahrten eine neueKnust aufgekommen. Es war die höfische Dorfpoesie,als deren Führer und hauptsächlichster Träger der bayerische -Ritter Neid hart von Reuenthal am Wiener Hofauftrat. Neidhart war jünger als Walther, vielleichtebenso um zehn Jahre, wie Walter Ncinmarn nachstand.Er stand am Wiener Hofe in hoher Gunst und warnamentlich bei Herzog Friedrich II., dem Streitbaren,dem letzten Babenberger, sehr beliebt. Neidhart hatzuerst die höfische Kunst des Minncgcsangs erlernt, wcß-wcgen er Ncinmar und Walther kennt; letztere!» ahmt ernach, thut es jedoch in einer Weise, daß er dabei sclbst-srändig bleibt. Als vorwärtsstrcbender Künstler in derRealistik gerätst er bald in scharfen Gegensatz zu Walthern,dem Vertreter der klassischen Richtung. Walther erhobscharfen und entschiedenen Protest gegen diese Bancrn-pocsie, Neidhart nahm den Handschuh auf, varodirteWalthers Prcislicd und andere seiner besten Stücke, nnkso sind die beiden Männer anseinandcrgekommen.
Auf seinen Wanderfahrten hat Walther als Gastan manchem Hofe geweilt, nicht immer als beliebter,denn seine Haltung gegen Papst und Geistlichkeit magihm manchen üblen Willkomm zugezogen haben, so z. B.,