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in dem Benediktincrstifte Tcgernsee in Oberbahcrn. Errächt sich mit einem Spruche, in welchem er ärgerlich denAbt als „Mönch" bezeichnet: „Man sagt' mir stets vonTcgernsee, wie dort ein gastlich Hans in Ehren steh',drnm wandt' ich mich dahin mehr als 'ne Meile von derStraße. Ich bin ein sonderbarer Alaun, daß ich mirselbst so wenig kann vertrau'» und mich so sehr aufand'rer Wort verlasse. Ich schelte niemand, doch willich, bei Gott, sie meiden. Dort trank ich Wasser undso nasser mußt' ich von des Mönches Tische scheiden."Sogar bis nach Kärntcn hinunter kam der Sänger. ImJahre 1219 befand sich Walther wieder bei HerzogLeopold dem Glorreichen von Oesterreich. Es war indemselben Jahre, in welchem der Herzog von dem Kreuz-zuge (1217 —1219) heimkehrte, welcher mit der Er-oberung Damiettcs glücklich beendigt war. Vorher hatteder Herzog für die Fahrt das Geld zusammengespart,jetzt wurde er freigebig, auch gegen unsern Dichter. Alleindas Ende seines Aufenthaltes ist, daß der Herzog ihn inden Wald schickt — etwa wie heute „dahin, wo derPfeffer wächst".
Es war eben schwer, mit diesem Säuger zu ver-kehren, der ein hochbcschwingtcs, aber auch sehr empfind-liches und erregbares Gemüth hatte. Besser kam er mitdem Grafen Dicther II. von Katzeuelubogen aus. Diesenpreist er zuerst mit stolzen Warten als freigebigen Herrn,»vorauf ihm der Graf einen Ring mit einem kostbarenDiamant schenkt; nun folgt eine Strophe des Säugers,in welcher er den Spender einen der schönsten Ritternennt.
Inzwischen waren die großen politischen PläneFriedrichs gereift, der jetzt nicht mehr durch die Rücksichtauf seinen ehemaligen Vormund und Beschützer, PapstJuuocenz, gebunden war, und dessen diplomatische Kunst,seinen Scharfblick und seine Herrscher-stellung er nichtmehr zu scheuen brauchte. Zur Durchführung seiner Ab-sichten zog er die bewährte Hilfe des volksthümlichenSäugers heran. Walther wird nun von den Plänendes Kaisers unterrichtet und bemüht sich, dieselben durchden Einfluß seiner Poesie zu fördern. Früher war esein freiwilliges Anerbieten von Fall zu Fall, er stellteseinen Saug in den Dienst des Reiches; nunmehr ist erals politischer Agent zu betrachten, der tu ein festesDieustverhältuiß tritt. Dein entspricht der Lohn desSäugers: ein eigenes Heim. Nachdem er in einemSpruch die öffentliche Meinung dafür zu gewinnen sucht,den Sohn des Kaisers, den jungen Heinrich, zum deutschenKönige zu wählen, was ja auf dem Frankfurter Hoftage,17. April 1220, gelang, bittet er den König in rührendenWorten um eine Heimstätte: „Ihr, Vogt von Rom,Apulieus Fürst, laßt Euch erbarmen, und laßt mich nicht,trotz reicher Kunst, also verarmen! Gern möcht' ich,könnt es sein, am eigenen Herd erwärmen." Als Heinrichzum Könige gewählt und am 22. November von PapstHvuorius III. zum Kaiser gekrönt war, da vergißt erauch nicht des Sängers. Walther erhielt ein Lehen inder Gegend von Würzburg , wahrscheinlich mit Rücksichtauf seine Verwendbarkeit im Reichsdienste. Da nun seinlangjähriger Wunsch erfüllt ist, bricht er in stürmischenJubel und begeisterten Dank an seinen königlichen Herrnaus: „Ich hab' »nein Lehn, hör's alle Welt, ich hab'mein Lehn. Nun fürcht' ich nicht den harten Frost anmeinen Zehen und brauch' bei kargen Herrn nicht mehr
zu flehen. Der edle, milde König hat mich so berathest,daß ich im Sommer kühl und warm im Winter wohne."Daß Walther hier übertreibt, ist ganz begreiflich und liegtim Zwecke des Spruches; man darf den Sänger sich nichtals einen Landstreicher neuesten Datums vorstellen.
Friedrich fand die wesentlichen Grundlagen seinerMacht in seinen italienischen Besitzungen, vornehmlich inSicilien. Dort fühlte er sich auch zu Hause; denn erwar überhaupt kein Deutscher, sondern ein Italiener nachGeburt, Sprache, Erziehung und allen Anlagen seinesreichen Geistes. Seine gesammte Persönlichkeit ist un-dcutsch, nur die Tradition, welche auf seine Politik ein-wirkt, ist staufisch. Aber die Politik seiner Vorfahren,der früheren Hohenstanfen, war bei allen Fehlern eineoffene und ehrliche, freilich oft sehr gewaltthätige gewesen,„allein Friedrich wußte seine Weltherrschaftspläne, seinentiefen Haß gegen den päpstlichen Stuhl mit raffinirterSchlauheit unter der Maske der Heuchelei zu verbergen.Er schwur Jnnocenz die feierlichsten Eide , machte seinemNachfolger die weitgehendsten Versprechungen, ohne auchnur im entferntesten an deren Erfüllung zu denken. An«meisten lag dein frommen Papste Honorius der allgemeineKreuzzug am Herzen, den Friedrich bekanntlich wiederholtaufs feierlichste versprochen hatten Allein mit allerleiVorwänden wußte er sich stets seiner Verpflichtung zuentziehen. Ein Zng nach Italien zum Ausbau seinerMacht daselbst war ihm wichtiger. Während seiner Ab-wesenheit in Italien übergab er die Reichsregentschaft einerCommission aus großen staufischen Reichsministerialen,an deren Spitze der heiligmäßige Erzbischof Engelbrechtvon Köln sich befand. Das war ein kluger, energischer,zuweilen sogar rücksichtsloser Mann, der die Ordnungvortrefflich zu erhalten, den habgierigen und gewaltthätige»«Adel zn bändigen wußte. Man nannte ihn wohl darumden „Fürstenmeister". Freilich machte er sich unter derRitterschaft dadurch tvenig Freunde. Mit diesem mächt-igen und bedeutenden Manne war Walther von derVogelweide nahe verbunden und mahnt ihn in sekneu,dieser sichern Stütze des staufischen Regiments gewidmetenSprüchen, sich nicht um die Drohungen der Feiglinge zukümmern, welche ihn befeinden; er habe das nicht nöthig:er, der treue Königspfleger, des Kaisers Ehreuhort, derbeste Kanzler, der Kämmerer der hl. drei Könige undder elftausend Jungfrauen, d. h. der kostbaren Reliquienim Dorne zu Köln . Daß Walther der Erzieher desjungen, sittlich verwahrlosten Königs Heinrich war,liegt von der Wahrheit wohl sehr weit ab. In kurzerZeit darnach wurde Erzbischof Engelbrecht am 8. Nov.1225 von seinem Verwandten, dein Grafen Friedrich vonAltena-Jsenburg, ermordet. Allgemein war die Be-stürzung und Entrüstung des Volkes über die Frevel-that. Walther widmet dem Lobe des Verstorbenen einenbesonderen Spruch, der sich hauptsächlich wider den Ver-brecher kehrt: er kann keine Marter finden, welche dieUnthat sühnen würde, und hofft, der Mörder werdelebend von der Hölle verschlungen werden. Bei demschrecklichen Ende, welches der Graf von Jsenburg amnächsten Jahrestag von Engclbrechts Tod zu Köln fand,ist ein Theil der von Walther genannten Strafe an ihmvollzogen worden.
(Schluß folgt.)