Ausgabe 
(28.8.1897) 50
 
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ö!r. 50.

28. Aug. 1897.

Gibt es eine katholische Wissenschaft?

Rede des Freiherr» v. Hertling auf dem FreibnrgerWissenschaft!. Katholiken-Congreß am 17. August 1897.*)

In der zweiten allgemeinen Sitzung des vor dreiJahren in Brüssel abgehaltenen Kongresses kam ein Vor-trag von Msgr. d'Hnlst znr Verlesung, dessen Jdeen-reichthum und überzeugende 5klarheit allgemeine Ver-wunderung hervorriefen. Der Verfasser war selbst nichtanwesend; durch eine äußere Abhaltung am Erscheinenverhindert, mußte er sich einer befreundeten Stimme be-dienen. Heute ist auch das nicht mehr möglich. Volltiefen Schmerzes erinnern wir uns, daß der Mann, derrecht eigentlich als der Vater der internationalen wissen-schaftlichen Katholiken-Congrcsse bezeichnet werden muß,nicht mehr unter den Lebenden weilt und es uns nichtmehr vergönnt ist, uns an der Würde seiner Erscheinung,der vornehmen Eleganz seiner Rede und der Tiefe seinerGedanken zu erheben. Wenn ich es unternehme, inwenigen kurzen Worten die Erwägungen zusammenzufassen,aus denen unsere Eongressc hervorgegangen sind unddenen sie ihre Berechtigung entnehmen, so durfte diesnicht geschehen, ohne daß ich dabei ausdrücklich an jenenBrüsseler Vortrug von Msgr. d'Hnlst erinnerte, welcherfür alle Zeiten die Bedeutung eines Programmes be-sitzen wird.

Unsere Kongresse sind Katholiken-Kongresse. IhreTheilnehmer bekennen sich als Glieder der römisch-ka-tholischen Kirche . In allem, was den Glauben angeht,unterwerfen sie sich dein unfehlbaren kirchlichen Lehramte.Der enge Anschluß an die Autorität der Kirche fandseinen Ausdruck in dem Schreiben, welches die Organi-sations-Commission sogleich beim Beginne ihrer Thätig-keit an Se. H. Papst Leo XIII. gerichtet hat. Er trittnicht minder deutlich in dem Umstände hervor, daß einMitglied des Episkopats, der Hochw. Herr Bischof vonLausanne und Genf, die Güte gehabt hat, den Ehren-vorsitz zn übernehmen. Er fand seinen Wiederhall inden Kundgebungen der Aufmunterung und Sympathieseitens hervorragender Kirchenfürsten der verschiedenstenLänder, von denen wir gestern Kenntniß genommen habenund denen ich heute noch die des Hochw. Bischofs vonPadcrborn hinzufügen kann.

Unsere Kongress« sind weiterhin wissenschaftliche Kon-gresse. Philosophie und Geschichte, orientalische und klas-sische Philologie, Rechtswissenschaft und National-Oekono-mie, Mathematik und die Natnrwisscnschaft in ihremweitesten Umfange werden die Gegenstände zu den vier-tägigen Vortrügen und Discnssionen bieten. Ausschließlichdie Regeln der strengen, reinen Wissenschaft sollen fürdiese Verhandlungen Zielpunkt und Methode liefern.Denn der Grund, auf dem wir stehen, und das Princip,dem wir folgen, ist die Ueberzeugung, daß es keinenWiderspruch gebe zwischen Glauben und Wissen, zwischendem Inhalte der Offenbarung, den die Kirche uns vor-stellt, und den gesicherten Ergebnissen, welche menschlicheForschung zu gewinnen im Stande ist. Es gibt keinezweifache Wahrheit. Was der Glaube uns lehrt, wasdie Vernunft erkennt, es stammt zuletzt aus der-gleichen Quelle, aus der einen, allumfassenden göttlichenWahrheit.

"I Nach der Köln . Volksztg.

Kann man darum von einer katholischen Wissen»schaff reden? Die Frage läßt sich nicht mit einem kurzenJa oder Nein beantworten. Gewiß, die Wissenschaftstrebt nach Erkenntniß der Wahrheit, und da die Wahr-heit nur eine ist und mir eine sein kaun, so gibt es auch,von den höchsten Gesichtspunkten aus betrachtet, nur eineund dieselbe Wissenschaft für Katholiken und Anders-gläubige, für Juden und Heiden. Aber nicht in alleneinzelnen wissenschaftlichen Disciplinen ist dieses Idealwirklich erreicht, schon darum nicht, weil der Charakterderselben ein verschiedener ist, weil nicht alle das gleicheMaß wissenschaftlicher Gewißheit besitzen und über dengleichen Umfang völlig gesicherter Ergebnisse verfügen.

Vollkommen verwirklicht ist es von der Mathematik.Von jeher war sie Muster und Vorbild stringenter Be-weisführung und unerschütterlicher, dem Wechsel derMeinungen entrückter Gewißheit. Es gibt darum auchkeine katholische Mathematik im Unterschiede von der pro-testantischen, sondern nur eine für alle gültige und allegleichmäßig zwingende mathematische Wissenschaft.

Ganz ebenso sollte es in der Natnrforschnng sein,oder vielmehr es ist in eben dein Maße wirklich so, inwelchem diese sich der Mathematik annähert und in ihreErklärungen den mathematischen Calcnl einführt. In diePhysik, in die Chemie spielt die Verschiedenheit des reli-giösen Standpunktes nicht hinein. Für sie handelt essich einzig darum, die Erscheinungen der unbelebten Naturaus den Gesetzen der Bewegung und der Wirksamkeit stoff-licher Elemente herzuleiten, auf Grund der gegebenen undals constant vorausgesetzten Natur-Ordnung. Die Fragenach dem Ursprünge und der Bedeutung dieser Natnr-Ordnnng überlassen beide Wissenschaften der Philosophie.Mit den Hülfsmitteln der sogen, cxactcn Forschung, sovirtuos sie dieselben zn handhaben wissen, läßt sich dar-über nichts ausmachen; für die erfolgreiche Bethätigunginnerhalb ihres eigenste» Gebietes kommt daraufnichts an.

Nicht ebenso steht es mit der Wissenschaft von derlebenden Natur. Daß die Erscheinungen dieser letztemauf eine Mechanik kleinster Thcilchen zurückzuführen seien,ist eine Forderung, von deren Erfüllung wir noch weitentfernt sind. Vieles ist hier noch unserer Erkenntnißverborgen, und vor allem: in den Thatsachen tritt unshier ein Problem entgegen, welches einer exacten Er-klärung aus mechanischen Principien nicht fähig ist.Wohl schließen Aufbau und Lebensgang der Organismenphysikalische und chemische Processe ein, aber die ein-zelnen neben und nach einander verlaufenden dienen derVerwirklichung eines ursprünglichen und vorgreifendenZweckes. Sie sind einem höher» Gesetze unterworfen,welches die sämmtlichen in der Richtung der räumlichenAusgestaltung wie des zeitlichen Ablaufes nach einemfeststehenden Plane ordnet. Das Zustandekommen desIndividuums in seiner charaktcrisirten Beschaffenheit unddie Erhaltung der Art bezeugen die Herrschaft dieses Ge-setzes; die Mittel, durch die es sich zur Geltung bringt,sind uns unbekannt. Noch ist es keinem gelungen, durcheine nach eigenem Ermessen unternommene Combinationphysikalischer und chemischer Factoren einen Keim ärm-lichsten Lebens hervorzubringen. Und eine zweite undfür alle Zeiten nnübersteigliche Schranke stellt sich dermechanischen Natnrerklärnng in den psychischen Thatsachenentgegen. Es gibt keinen Weg, der mit verständlicher