Ausgabe 
(28.8.1897) 50
 
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Klarheit von den Schwingungen materieller Theile zuEmpfindung, Gedanke, Selbstbewußtsein hinüberführst.

Die Wissenschaft muß diese Grenzen anerkennen.Sie kaun, was die Erscheinungen der lebenden Naturangeht, das Thatsächliche reinlich umschreiben und genaufeststellen; in cxacter Weise erklären aber kann sie nur,was dem Experiment und der mathematischen Berechnungzugänglich ist. Der Mensch aber möchte mehr wissen.Die Constatirungcn des Thatsächlichen und die wissen-schaftlich sichergestellten Ergebnisse ergänzen wir darum.durch mehr oder minder glaubhafte Vorstellungen, durchdie wir uns deutlich zu machen suchen, wie etwa darüberhinaus das Zustandekommen der Dinge und der Verlaufder Begebenheiten sich denken lasse.

Die Geschichte der Wissenschaften kennt Hypothesenals Vorstufen fest begründeter Lehrsätze, und sie kannihrer im Interesse der fortschreitenden Erkenntniß nichtentbehren. Sie weist andere auf, die nie zu beglaubigtenTheorien werden können und doch oft genug damit ver-wechselt oder fälschlich dafür ausgegeben werden. Vondiesen letzter« spreche ich hier. Sie bezeichnen die Stellen,an denen die Individualität des Forschers, feine ange-wöhnte Denkweise, seine Interessen und Neigungen, seinegesummte Weltanschauung, sein religiöser oder irreligiöserStandpunkt sich geltend machen.

Um zn verstehen, was ich meine, braucht man nnran die sogenannte Entwickelungslehre zu erinnern, die,wie bekannt, die biologische Forschung der Gegenwart imweitesten Umfange beherrscht. Mit ihrer Hülfe soll derZweck, der sich der mechanischen Erklärung nicht fügenwill, dadurch aus der lebenden Natur beseitigt werden,daß das, tvas sich uns heute als zweckmäßig aufdrängt,als nothwendiges Ergebniß eines in der Vergangenheitliegenden rein mechanischen Processes begriffen wird.

Daß eine solche Auffassung schlechthin und unterallen Gesichtspunkten verwerflich ist, behaupte ich nicht,nur muß man sie als das geben und nehmen, tvas sieallein ist, eine hypothetische Ausstellung, welche gar nie-mals zu einer wissenschaftlich feststehenden Theorie er-hoben werden kann. Denn auf einen derartigen, in derVergangenheit liegenden Proceß läßt sich nnr mit größereroder geringerer Zuversicht zurücksckstießen; daß er wirklichstattgefunden habe, dafür ist ein zwingender Beweis nichtzu erbringen. Weit entfernt, daß die Entwickelungslehre,wie fälschlich behauptet wird, die endgültige Bestätigungder materialistischen Weltansicht brächte, ist es im Gegen-theil nur materialistisches Vorurtheil, tvas ihre Aufnahmeunter die sichergestellten Lehrsätze der Wissenschaft be-ansprucht. Der katholische Forscher, der sich diesem Vor-urtheile nicht beugt, der insbesondere die Anwendung derEntwickelungslehre auf die vermeintliche thierische Ab-stammung des Menschen verwirft, wahrt nicht nnr dasNeckst feiner entgegengesetzten christlichen Weltansicht, erwahrt zugleich die strenge Ehre der Wissenschaft, welchennr das als vollgültigen Lehrsatz ausspricht, was sie mitihren Mitteln zuverlässig beweisen kann.

Es gibt keine gläubige und keine ungläubige Natur-wissenschaft, so lange dabei nur an jenen Theil theoret-ischer Naturbetrachtung gedacht wird, für welchen aus-schließlich die strengen Normen dr exacten Forschungmaßgebend sind. Rechnet man aber dazu auch diemancherlei unbewiesenen und unbeweisbaren Vorstellungen,durch welche da und dort die Lücken vollwichtiger Er»kcnntniß ausgefüllt zu werden pflegen, so ist die An-maßung zurückzuweisen, welche hier nur materialistischer >

Denkweise Bürgerrecht verstatten will, und wir verlangenfür uns das Recht, die Naiur in dem hellen Lichte zubetrachten, das über sie aus dem christlichen Glaubenströmt.

Auch eine konfessionelle Philosophie sollte es nichtgeben, sondern nnr eine einzige philosophische Wissen-schaft, welche mit der einen wahren Religion in vollemEinklänge stände. Und doch sprechen wir von einerkatholischen Philosophie und werden in absehbarer Zeitvon einer solchen sprechen müssen. Und dabei denke ichin diesem Zusammenhange nicht einmal an die in enge-rem Sinne mit diesem Namen bezeichnete, an die tradi-tionelle Philosophie unserer Schulen von Boethins undAlcnin her, durch Albert und Thomas und die Scho-lastiker der spätern Jahrhunderte hindurch bis auf dieGegenwart. Die Eigenart der Philosophie bringt esmit sich, daß mit der Individualität des Forschers auchsei» religiöser Standpunkt wenn er einen solchen be-sitzt weit stärker zur Geltung kommen wird, als diesin der Naturwisseuschaft der Fall ist, und das Ereclo utiutelliAain auch den natürlichen Wahrheiten gegenüberseine Wirkung übt. Nicht daß es gestattet wäre, Glau-benssätze mit philosophischen Argumenten zu vermischenund die Konsequenzen eines Dogmas zur Stütze einerphilosophischen Lehrmcinuug zu verwerthen. Auch fürdie Philosophie, so lange sie Wissenschaft bleiben will,darf kein anderer Maßstab Gültigkeit beanspruchen, alsder von dem strengsten wissenschaftlichen Verfahren dic-tirtc. Und doch ist es selbstverständlich, daß wir katho-lische Philosophen festhält«»» an dem Dasein des persön-lichen Gottes, an der Gcistigkcit und Unsterblichkeit derSeele, an der Freiheit des Willens und dem Beständeeines allvcrbindlichen Sittcngcsetzes. Des wissenschaft-lichen Charakters aber würden wir nur dann verlustiggehen, wenn wir diese großen Wahrheiten, die uns frei-lich vor allem am Herzen liegen, mit andern Gründenbeweisen wollten, als mit denen, die wir aus Vernunftund Erfahrung schöpfen und die sich vor dem Richter-stuhle der Logik auszuweisen im Stande sind.

Wenn wir uns somit zur Metaphysik bekennen,welche seit hundert Jahren als falsche Scheinwisscnschastgcbrandmarkt oder als Bcgriffsdichtung verspottet znwerden pflegt, so tröstet uns der Umstand, daß allenskeptischen Einwendungen zum Trotz der menschliche Geistes nicht lassen kann, nach einer Antwort auf die Fragenach den letzten Gründen der Dinge zu suchen.

Noch ein kurzes Wort über die Geschichte. Siezeigt uns gleichsam ein doppeltes Antlitz. Nach der einenSeite die Sammlung des Materials, die Erforschung derQuellen, die kritische Würdigung der Berichterstatter zurFeststellung der Thatsachen . Hier muß der Forscher sichaufs ängstlichste hüten, seinem Fühlen und Meinen, seinerSympathie und Antipathie den kleinsten Raum zn ver-statten. Die Erkenntniß dessen, was wirklich geschehenist, muß das einzige Ziel seines Strebens bilden, undzur Erreichung desselben können ihm allein die strengenRegeln wissenschaftlichen Verfahrens behülflich sein. Hierist vollkommenste Objektivität nach innen sittliche Pflicht,nach außen das Unterpfand der Glaubwürdigkeit. Aberin der Geschi chts-Erzählu ng, in der Zusammen-fassung der einzelnen und für sich auch vereinzelten That-sachen, in dem Anfsnchcii der Gründe, in der Würdigungder Personen und Ereignisse, da liegt es anders. Nurim Geiste des Forschers gewinnen die Thatsachen einertodten Vergangenheit Licht und Zusammenhang.