Ausgabe 
(28.8.1897) 50
 
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So schließt die Gcschichts-Erzählnng von vorn hereinein subjectives Element ein, das sich nur schwer, wennüberhaupt elimlniren läßt. Hierzu bedürfte es in jeden:Falle der Bekanntschaft mit allen äußern Umständen undallen inneren Motiven einer geschichtlichen Begebenheit.Nnr zugleich mit abschließender Gewißheit ließe sich voll-kommene Objectivität der Darstellung gewinnen, aberweitaus in den meisten Fällen müssen wir uns mit größereroder geringerer Wahrscheinlichkeit begnügen und bleibtunser Wissen Stückwerk.

lind auch der denkbar höchste Grad historischer Ge-wißheit in Bezug auf die Erklärung einer Begebenheitwürde noch nicht völlige Objectivität in ihrer Beurtheil-ung mit sich führen. Die Würdigung der Person undEreignisse wird je nach dem Standpunkte des Forscherssehr verschieden ausfallen, so lange dieselben noch irgendeinen Zusammenhang mit dem Leben der Gegenwart be-sitzen und den Interessen, die es beherrschen. Wenn alsoder katholische Historiker bei jener Würdigung den Maß-stab anlegt, den er seinem katholischen Bekenntnisse ent-nimmt, so thut er nicht etwa nnr, was er nicht lassenkann, sondern er macht von seinem guten Rechte Gebrauch,vorausgesetzt, daß er in der Feststellung des Thatsäch-lichen sich rein und ausschließlich von dem Streben nachErkenntniß der Wahrheit leiten laßt.

Gibt es also eine katholische Wissenschaft? Die kurzenErwägungen haben gezeigt, in welchem Sinne die Fragezn bejahen ist. Unter katholischer Wissenschaft verstehenwir die Wissenschaft katholischer Gelehrten, welche in allenrein wissenschaftlichen Fragen keine andern Regeln kennen,als die des allgemeinen wissenschaftlichen Verfahrens,welche aber überall da, wo unbeschadet dieser Regeln derStandpunkt des Forschers seinen Ausdruck finden darfoder finden muß, ungeschent die Fahne ihrer aus über-natürlichem Grunde stammenden Glaubens-Ueberzeugnngaufpflanzen, fest durchdrungen von dem Satze, daß zwischenGlauben und Wissen kein Widerspruch möglich ist, solange der Glaube wirklicher, auf göttlicher Offenbarungruhender Glaube, und das Wissen wirkliches, vor keinerkritischen Prüfung zurückschreckendes, aber auch keinergrundlosen Behauptung Raum verstattendes Wissen ist.

Cardinal Otto Truchseß von Waldburg , Bischofvon Augsburg (15431573).

Von vr. Thomas Specht.*)

Wie bekannt, soll in Dillingen ein Bischofsdenkmalerrichtet werden. Unter den Repräsentanten der Bischöfevon Augsburg wird dabei auch der Cardinalbischof OttoTruchseß von Waldburg, der Gründer derUniversität Dillingen, sich befinden. Schon dieserUmstand läßt es wünschcnswerth erscheinen, das Lebenoes genannten Bischofs den Freunden der Denkmalssachezu schildern. Dazu kommt, daß Otto eine der kraft-vollsten Gestalten auf dem bischöflichen Stuhle des hl.Ulrich tvar und nicht bloß innerhalb seines Bisthums,sondern weit darüber hinaus eine nicht unbedeutendeThätigkeit entfaltete. Demgemäß schrieben dieHistorisch-politischen Blätter" (B. 110 S. 781 f.):Zn den aus-gezeichneten Geistern, welche sich sowohl um ihr Vater-land, als besonders um die allgemeine Kirche, vor allemaber um die eigene Diöcese die größten und bleibendstenVerdienste erworben haben, gehört vorzugsweise der

') Nach einem im Histor. Vereine zu Dillingen ge-haltenen Vortrage.

Cardinal Otto Truchseß von Waldburg. Er glänzte audem dunkeln Himmel des 16. Jahrhunderts als Sternerster Größe." Es ist freilich fraglich, ob der letztereSatz allgemeine Anerkennung finden wird. Man kannin der That darüber streiten, ob Otto wirklich als Sternerster Größe zu bezeichnen ist. Allein soviel ist gewiß,und darin stimmen sicherlich alle nbere'in, daß er zu jenennicht allzu zahlreichen Männern des 16. Jahrhundertsgehört, welchen Geburt, Stellung, Eharakter, Tugend undWirksamkeit einen bevorzugten Platz in der Geschichteeinräumen. Es ist nur zu bedauern, daß Otto nochkeinen Biographen gefunden hat. Bausteine zu einembiographischen Denkmal sind im Laufe der Zeit aller-dings gesammelt werden. Gerade hierüber möchte ich,bevor ich auf das Leben und Wirken unseres Kardinalseingehe, einiges im voraus bemerken.

An erster Stelle nenne ich die Pappenheim 'scheChronik der Truchsessen von Waldburg, deren ersterTheil zu Memmingen 1773 und deren zweiter Theil zuKemptcn 1785 gedruckt wurde. Matthäus von Pappcn-heim war Domherr in Augsburg und verfaßte seinManuskript in der ersten Hellste des 16. Jahrhunderts.Mit Zusätzen und Ergänzungen wurde es in den ge-nannten Jahren herausgegeben.

Neuesten? ist derselbe Gegenstand behandelt wordenvon Dr. Vochezer: Geschichte des fürstlichen HausesWaldburg in Schwaben. Bis jetzt ist aber nur der ersteBand erschienen (1888), der noch nicht bis zur ZeitOtto's reicht.

Sehr eingehend wird Cardinal Otto behandelt vonBraun in seiner Geschichte der Bischöfe von Augsburg (B. 3 S. 358 520). Braun schöpfte mehrfach ausder Pappenheim 'schcn Chronik, aber auch noch aus vielenandern gedruckten und angedruckten Quellen, besondersaus dem bischöflichen Archiv.

Aus neuerer und neuester Zeit sind zn erwähnendie unsern Cardinal behandelnden kleineren Artikel imKirchenlexikon (1. Anst.), in derAllgemeinen deutschenBiographie" (B. 24), in denHistorisch-politischenBlättern" (B. 110 S. 781 ff.). Im Histor. Jahrbuchveröffentlichte Duhr 8. ll. zwei Artikel: Zur Biographiedes Kardinals Otto Truchseß (B. 7 S. 177 ff.) und:Reformbestrebungen des Cardinals Otto Truchseß vonWaldburg (S. 369 ff.).

Sehr wichtig für die Geschichte Otto's sind seineBriefe. Er schrieb der damaligen Sitte und seinereigenen persönlichen Neigung folgend Tausende vonBriefen entweder selbst oder durch seine Secretäre.Allein seine Korrespondenz ist bisher nur zum Theil auf-gefunden und veröffentlicht worden. In denBeiträgenzur Geschichte des Bisthums Augsburg" gab vr.Wimmer, Scriptor der kgl. Universitäts -Bibliothek zuMünchen , vor 40 Jahren einen Theil heraus unter demTitel: Vertraulicher Briefwechsel des Cardinals OttoTruchseß von Waldburg, Bischofs von Augsburg , mitAlbrecht V., .Herzog von Bayern , 1568 1573. (Istauch separat erschienen.) Den Briefwechsel Otto's mitAlbrecht V. aus den Jahren 1560 1569 veröffentlichteBander, Vorstand des kgl. Archiv-ConservatoriumS inNürnberg , imArchiv für die Geschichte des BisthumsAugsburg" (B. 2 S. 123 ff.). Alle diese Briefe sinddeutsch abgefaßt. Strichele schickt den: von Baadermitgetheilten Briefwechsel folgende Bemerkung voraus:Die Briefe Otto's aus jenen Jahren sind von höchstemInteresse und für die Zeitgeschichte von größter Wichtig-