Ausgabe 
(28.8.1897) 50
 
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uns dem wolkenlosen Himmel seiner Heiterkeit fällt einscharfer vernichtender Hagel. Das ist ein schlechterMensch, welchem Stande er auch angehöre, der freiwilligbetrügt und seinen Herrn lügen lehrt. Solche Leute ver-derben uns auch die wahrhaft Edlen. Allzu viele Herzensind wie Gaukler, die behend trügen und täuschen. Wirklagen immer, daß die Alten sterben und starben; besserwäre es, darüber zn jammern, daß jetzt Treue, Zucht undEhre todt sind. Die Menschen lassen Erben zurück, diesedrei jedoch haben keine Kinder. Uebel ergeht es demManne, der hohe Verwandte, aber keine Freunde besitzt.Fester ist Freundschaft als Sippschaft. Verwandtschaftist eine Ehre, die einem von selbst zuwächst, Freundemuß man sich verdienen: deßhalb kann ein Verwandteruns ganz gut unterstützen, ein Freund aber besser. Ge-winnt man einen sicheren, zuverlässigen Freund, denmuß man werth halten. Man muß sich nicht wohlfeilmachen. Wollt Ihr Euch bereit finden lassen ohne rechtenLohn, dann büßt Jhr's an Eurem Heile. Es erniedrigtEuch selbst, wenn Ihr mit schlechtem Danke bezahltwerdet. Eure Ehre mindert sich, und überdies habt Ihrden Schinerz, daß Ihr eine Zeit lang schmähliche Hoff-nung nährt. Damit prägt Walther den köstlichen Satzein, daß Arbeit ohne Lohn unsittlich ist. Und mit demschönen Spruche sei geschlossen: Wer erschlägt Löwen undNiese» und überwindet alle, die mit ihm kämpfen? Dasist der, welcher cS versteht, sich selbst zn bezwingen, undder seinen wilden Leib in feste Zucht fügt. AbgcborgteSelbstbeherrschung, die nur vor den Leuten gewahrt wird,die rann wohl vor Fremden erschimmern, aber ihr Glanzist nnstät und schwindet bald.

In all diesen Sprüchen steckt Walther sich selbst undseiner Zeit ein Ideal männlicher Festigkeit, welches fürihn den obersten Zielpunkt seines Strebens bildet, das eraber trotz alles Ningens nicht ganz zu erreichen vermag.Glücklich, wem ein wohlwollendes Geschick das ruhigeGleichmaß in die Seele legte, den sicheren Compaß inallen Fährlichkeiten des Daseins! Weniger glücklich, abergewiß nicht weniger riihmenswerth, der nicht nur demSchiasal, sondern auch dem eigenen heißen Blut den Ge-winn seines Lebens, die Arbeit und die Ehre, welcheWalther immer mit Gottes Huld verbindet, abringenmuß. Dieser kämpft den härteren Kampf, und ihm ge-bührt der höhere Loh». Den erntet sicher auch Walthervon der Vogelweide .

Walther blieb thätig bis zu seinem Ende; dieFreude des Schaffens hat ihn nicht verlassen. Sie quollimmer von neuem aus dem Gefühle innerer Befriedigung,mit welcher er auf seine Lebensarbeit zurückblicken durfte.Es gibt kein rühmenswertheres Leben als Ncchtthun biszum Ende. Mit stiller Gefaßtheit sieht er dem Endeseiner Tage entgegen; sein Hanptwnnsch ist der, daß seineSeele Heil erfahren möge.So lange ich in der Weltlebte, habe ich viele Menschen froh gemacht, Männer undFrauen. Hätt' ich nur dabei mich selbst zu retten ge-wußt! Aber, lobe ich des Leibes Minne, so schadet dasder Seele. Sie sagt mir dann, ich lüge oder rede irre.Nur der wahren, der himmlischen Liebe spricht sie Dauerzn und rühmt, wie gut sie sei und unvergänglich. Darum,Leib, laß jene Minne, welche ja auch Dich verlaßt, undhalte Dich an die ewige Liebe!" I» einer Allegorie,welche den Teufel als Inhaber eines Wirthshauses dar-stellt, in welchem die reizende Frau Welt als Schenk-mädchen die Gäste festzuhalten sucht, nimmt der DichterAbschied von den Freuden des Lebens: Frau Welt , Ihr

müßt dem Wirthe sagen, das; ich ihn ganz bezahlt schonhabe die große Schuld ist abgetragen daß er michaus dem Schuldbrief schabe. Wer ihn zum Gläubigerhat, dem macht es Sorgen. Eh' ich ihm lange schuldigwär', wollt' ich bei einem Juden borgen. Er schweigtbis auf den letzten Tag: dann fordert er ein Pfand vondem, der sich zn lösen nicht vermag.

Nach dem Jahre 1228 erfahren wir nichts mehrvon Walther . Wir dürfen demnach nicht zweifeln, daßer das schwere Siechthun!, dessen er in seinem letztenGedicht gedenkt, nicht überstanden hat und noch 1228 ge-storben ist. Er hat somit ein Alter von ungefähr60 Jahren erreicht, was man ein hohes Alter nennendarf, wenn man die durchschnittlich geringere Lebens-dauer in jener Zeit und Walther's aufreibende Thätig-keit in Betracht zieht. Wo unser Sänger starb, wissenwir nicht, ebenso ist uns nichts Bestimmtes über seineGrabstätte mitgetheilt. Nach Angaben, die zwar derZeit seines Todes schon einigermaßen fern stehen, aberdoch ziemlich glaubwürdig sind, ist er Zn Würzbnrg imKrenzgang des Neumünsters unter einer stattlichen Lindebegraben. Der Grabstein trug eine Inschrift, welche,aus dem Latein ins Deutsche übersetzt, folgendermaßenlautet:

Der Du die Vogel so gut, o Walther , zu weiden

verstandest,

Blüthe des Wohllauts einst, der Minerva Mund,

Du entschwandest!

Daß nun der himmlische Kranz Dir Redlichem werde

bcschieden.

Spreche doch, wer dies liest: Gott gönn' ihm den

ewigen Frieden!"

Eine handschriftliche Chronik erzählt eine lieblicheSage, welche sich an das Grab des Dichters knüpft.Nach einer Bestimmung seines Testamentes nämlich solltentäglich auf seinem Grabsteine die Vogel mit Weizen-körnern gefüttert und mit Wasser versorgt werden; daherhabe er in den Stein, unter dem er begraben liege, vierLöcher machen lassen. Noch im 17. Jahrhundert, so er-zählt man, ist eine Störung der Singvögcl auf derLinde an Walthers Grab durch den Tod des Frevlersalsogleich gerächt worden.

Als die Nachtigall in Würzbnrg verstummte, daging ein allgemeines und schmerzliches Klagen durch dieSchaar der deutschen Dichter: das waren Stimmen tiefempfundenen Schmerzes, die sich zum Theil in derrührendsten Weise Luft machten. Vor allem geschahdieses durch Gottfried von Straßbnrg.Wer", so fragter in seinem Tristan, nachdem er den Tod Ncinmars be-klagt hak,soll jetzt die liebe Schaar der Nachtigallenanführen und das Gesinde weisen? Ich denke wohl,daß ich sie finde, die das Banner tragen wird, ihreMeisterin, die von der Vogelweide. Hei, wie hier überdie Heide ihre hellen Töne klingen! Wie viel Wunder-bares bringt sie hervor, wie kunstvoll setzt sie ihre Melo-dien in Musik, wie trefflich weiß sie ihre Tonarten znwechseln in ihren Minneliedern! Die soll Kämmerinsein am Hofe der Minne, soll die andern leiten und wirdes vortrefflich, denn sie versteht, wo sie die Melodienfür den Minnegesang suchen muß. Sie und ihre Ge-nossinnen werden durch ihre herrlichen Lieder die sehn-suchtsvolle Traurigkeit der Minne in Freude nmschaffen."Walther wird also hier als der erste lebende Sängerhingestellt, wiewohl ausschließlich auf seinen MinnegesangRücksicht genommen wird. Ulrich von Singenberg , WalthersSchüler, hat ihm folgenden Nachruf gewidmet:Unser