Ausgabe 
(28.8.1897) 50
 
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Scmgcsmeister, den man einst von der Vogclweide nannte,ist jetzt znr letzten Fahrt ausgezogen, die keinem von unserspart bleibt. Was hilft's ihm nun, daß er alles inder Welt erfahren hatte? Trotzdem ist sein hoher Sinnschwach geworden. Wir wünschen ihm nm seines süßenSanges willen, da jetzt doch seine Weltfrcude entschwundenist, daß jenseits der liebe Vater ihn gnädig unter seinenSchutz nehme." Mit andern verstorbenen Dichtern zu-sammen wird er gepriesen von dem Marner und vonNcinmar von Brcnnenberg, die ihn ausdrücklich als ihrenMeister bezeichnen, von Rubin, Hermann dem Damen,Hugo von Trimberg (vergl. das Motto!). Franenlobnennt ihn mit Neimnar und Wolfram. Er gehört nachder Sage auch zu den Sängern, die am Wartburgkriegtheilnahme». Sein Name lebt in der Tradition derMeistersänger fort. Wenn auch nach Jahrhunderten derName dieses größten lyrischen Dichters des Mittclaltcrs,des Vermittlers zwischen Rittcrdichtnng und Spielmanns-dichtung, dieses wahrhaft deutschen, patriotischen und echtkatholischen Dichters vergessen wurde und sein Bild imDunkel der Aufklärung verschwand, so hat die Gegenwartihn, gleich andern ruhmbedeckten Sängern, dem Banneder Vergessenheit entrissen.

Es sei nus noch gestattet, zum Schlüsse das schöneGedicht, in welchem F. A. Muth Walthers von derVogclweide Bcgräbniß so rührend schildert, anzuführen:

Nun ist er stumm, der süße MundDeß von der Vogeliveide,

Der uns gesungen vorn Waldesgrund,

Von Blumen auf der Heide.

Der süß wie Nachtigallen schlug.

Wie Lerchen in der Frühe,

Der sich geschwungen wie AdlerflugIn sonnige Himmclsglühe.

Die Frauen, die er rein besang,

Als gab' es einzig rechte,

Sie gehen mit den letzten Gang,

Und Ritter von edlem Geschlechte.

Da kamen die Böget herangeschwirrt.

Die Lerchen und Nachtigallen;

Ei, wic's von süßen Sängern wirrtIn des Münsters Bogenhallen!

Sie singen und klingen und wcrdcn's nicht müd',Die Sänger aus Wald und Heide;

Es ist der ewigen Minne LiedDeß von der Vogclweide.

Und als sie ihn gelegt ins Grab,

Die Vögcl die Gruft umfangen,

Darein vom Müusterthurm herabGar hell die Glocken klangen.

Nicht ist er stumm, der süße MundDeß von der Vogclweide,

Der uns gesungen von: Waldesgrund,

Vom Lindeugrün der Heide.

Möge bald in Erfüllung gehen, daß, wie Schönbachwünscht, die Verse der schönsten Lieder und Sprüchedieses wahren Repräsentanten jener goldenen Zeit in derGeschichte der Poesie, wo die innige und kindliche Be-geisterung für die hohen Ideale des Christenthums nochnicht dem Dienste des Pluto und der Venus weichenmußte, uns von den Lippen fließen wie den Italienerndie Terzinen Dante's und die Stanzen der GcrnsalcmmeLiberata!

Recensionen und Notizen.

F. P.Funk, Kirchengeschichtliche Abhandlungenund Untersuchungen. Erster Band. Pader-born, Schöniugh, 1897. VI-st 510 S. 8 Mk.

? Man mag über Funk denken wie man will, man

mag vielleicht seinen Ansichten nicht bloß über rciukritische,sondern auch , über culturhistorischc und kirchenpolilischeFragen aus diesem oder jenem Grunde wenig Sympathieentgegenbringen, das Prädikat, auf das es schließlicheinem Kritiker und Historiker in erster Linie aukoinmt,werden ihm ohne Zweifel auch seine objectiv urtheilendenGegner nicht verweigern wollen: strenge Liebe zur Wahr-heit. Durch sie und durch seine auf wissenschaftlicherHöhe stehende Methode bat der Tübinger Kircheuhistorikersich selbst und der katholischen Wissenschaft alle Ehre ge-macht. Das muß auch gesagt werden von seiner neuestenPublikation, die wir hier zur Anzeige bringen wollen.Wie schon der Titel besagt, enthält dieser Band kein ein-heitliches Thema, sondern eine Reihe von Abhandlungen,die größtentbcils schon in mannigfachen Zeitschriften, wieHistor.-pol. Äl., Histor. Jahrbuch, Tüb. Theol. Quartal-schrift, erschienen sind, und die der Herr Verfasser nun inverbesserter und vermehrter Gestalt gesammelt ausgibt.Er thut das, wie er in der Vorrede sagt, cincstheils, weilbei der Bedeutung, welche die Abhandlungen für dieWissenschaft haben, indem sie altherkömmliche Irrthümerberichtigen oder neue Irrthümer in wichtigen Fragen ab-wehren", eine solche Neubearbeitung angezeigt schien, an-derntheils, .um seinen Schülern eine Ergänzung seinesLehrbuchs der Kirchengcschichte" an die Hand zu gebenund zugleich sie zu ähnlichen Versuchen anzuleiten. Zuletzterem Zwecke sind Funks Abhandlungen trefflich ge-eignet, denn sowohl für Privatstudium als für Arbeitenin historischen Seminarien sind sie mit ihrer klaren, ein-fachen, scharfsinnigen und nüchternen Beweisführung undExegese vielfach vorbildliche Muster-leistungen. Wasnüherhin den Inhalt des Bandes betrifft, so ist sein Ge-biet vorzüglich die sog. innere Kirchengcschichte besondersdie des Alterthums, die kirchliche Verfassung, der Cultus,die Disciplin und Literatur. Die Literatur wird nochmehr zu ihrem Recht kommen im zweiten Bande, der überPatristik handeln soll. Von einzelnen Thematen erwähnenwir: der Primat der römischen Kirche nach Jgnatiusund Jrenäus (bekanntlich die ersten patristischen Zeugenfür den Primat); die Bischofswahl im christlichen Alter-thum und im Ansang des Mittelalters (Betheiligung desVolkes, der niederen und höheren Geistlichkeit): die Be-rufung der ökumenischen Synoden des Alterthums «eineviel discutirte, durch dogmatische Voreingenommenheit oftverwirrte Frage, die Funk auf Grund eingehender Unter-suchungen sS. 3989 und 498508) dahin beantwortet:Die Synoden wurden vom Kaiser berufen, die Verhand-lungen von: Kaiser geordnet, und der Kaiser gab den Be-schlüssen seine Bestätigung. Die Giltigkcit der Beschlüssedachte man nicht abhängig von einer Bestätigung desPapstes). Dann kommen mehrere Artikel über Kirchen-disciplin: Cölibat und Priesterebe im christlichen Alter-thum: zur altchristlichen Bnßdisciplin; die Bußstaticmcnim christlichen Alterthum (Ursprung, Verbreitung undEnde der Einrichtung): die Katcchumcnatsklassen deschristlichen Alterthums (es gab gar keine derartige Klaffen);die Entwicklung des Osterfastcns: die Abendmahlsele-mcntc bei Justin (gegen Harnack, der Brod und Wasserals cucharistischc Elemente bei Justin nachweisen zu könnenglaubte); der Connnunionritns (culturbistorisch sehr inter-essant); der Canon 36 von Elvira (Illaenit xioturii« ineeelsÄs. non esse ckebsrs, ns gnocl solitur st aüoralnrin paristibns üepinKictnr"); die Entstehung der heutigenTansform n. a. Von hohem Interesse sind auch die Aus-führungen FunksZur Geschichte der altbrilischenKirche";sie zeigen an der Hand einer Polemik gegen Ebrard nichtbloß, welche Zerrbilder protestantische Voreingenommen-heit zu Stande bringt, sondern geben uns ein anziehendesBild aus der kirchlichen Vergangenheit Englands. Dassind nur einige Andeutungen über den reichen Inhalt desBuches, dessen Werth sorgfältige Ausstattung und eintreffliches Register erhöhen. Möge es fleißig studiertwerden, und möge der Verfasser muthig weiterarbeiten!

Die Jugend des Papstes Leo XIII. gemäß dessenbis jetzt unveröffentlichten Briefen von Boycrd'Agen. Aus dem Französischen übersetzt und be-arbeitet von Dr. Ceslans M. Schneider, gr. 8°.S. XVI, 444. Mit 55 Text-Illustrationen und6 Heliogravüren. Preis: Eleganter Originalbnnd12 Mark.

Der von der Tagespreise und Zeitschriften bereits