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3. Kept. 1897.
Durch ein weites Thal wälzt die Donau ihre Wellenvon Westen nach Osten; die Kunst der Wasserüanmeisterhat den wilden Strom bezwungen und seinen Fluthenzwischen festen Dämmen eine gemessene Bahn gewiesen.Aber die vielgewundencn Altwasser auf beiden Seitendes Strombettes und das ausgedehnte Nied am Gestadebis zu dem Höhenzuge des rechten Ufers bezeugen, daßeinstmals die Gewässer in ungehemmtem Laufe sich jenach Laune und Lust den Weg wählten und das Thalerfüllten. Das mag freilich in eine sehr weit entfernteZeit zurückreichen; denn die Grabhügel, die drüben imRied, südwestlich vom Kathariuenhof, geöffnet wurden,gehören der sogenannten La Töne-Pcriode an, d. h. siesind, wenn man die archäologische Bezeichnung in dielandläufige Ziffernsprache übersetzt, beiläufig über zweiJahrtausende alt. Zur Zeit ihrer Wölbung muß jedochder Boden bereits nicht mehr den: Spiele der Fluthenpreisgegeben gewesen sein. Den unmittelbaren Saumbeider Ufer bilden buschige Anen mit üppigem Baum-wuchs, und nordwärts streicht das leichtg'ewellte Hochuferheran, hinter dem, stufenweise anschwellend, die wald-bedeckten Ausläufer der schwäbischen Alb, des Jura-gebirges, sich erheben, indessen das südliche Gestadedrüben aus dein Ried mit steilem Abhänge, wie in einemRucke, sich erhebt und tafelartig sich gegen Süden dehnt.
Es sind keine imponirenden oder sofort in Entzückenversetzenden lieblichen Reize, welche die Landschaft desoberen Donauthales schmücken; aber sie tragen einenernsten Charakter, ich möchte sagen, einen großenZug, der in den Linien und in dem Aufbau der Höhenliegt und durch die Schatten der Wälder auf den Knppendes Hintergrundes sein Gepräge erhält. Freundlichen,heiteren Anstrich dagegen verleihen dem Bilde die zahl-reichen Ortschaften, deren Kirchthürme und blinkende Ge-höfte aus dem Grün ihrer Gärten hervorlugcn und demWanderer vermelden, daß hier ein kräftiges, betriebsamesund fleißiges Geschlecht haust, die Nachkommen der altenAlamannen, welche die schönen Gaue einst den Römernabnahmen. Zwar „reine Schwaben " (wie der hochgc-feierte Geschichtsforscher Erzbischof von Steichele sagt)sind es nicht, die hier sitzen; denn die gedrungene Staturder Bauern, denen du begegnest, das schwarze Haar unddas dunkle Auge, das zahlreichen drallen schelmischenSchönen gar reizend steht, — diese Formen und Farbensagen dir, daß hier ein starker Niederschlag der altenkeltischen, stark mit manchen andern fremden Volks-Ele-rncnten des weiten Römcrreiches gemengten Ureinwohnersitzen geblieben ist, mit dem sich die zugewanderten Schwaben -Alamanncn vermischten.
Die keltische Zunge klingt dir auch aus denFlnßnamen der Gegend entgegen: Donau, Glött ,Egau und Brenz , und sie bestätigen, was allerOrten zutrifft, daß die Namen der Gewässer fortund fort die Erinnerung an Völker tragen, welche längstverschwunden sind. Denn die breiten Laute der Sprache,die an unser Ohr schlügt, sind ächt schwäbisch, und ächtschwäbisch wiederum sind die Namen der Orte, die inganz besonders abzeichnender Gestalt auf — ingen,auf diese spezielle schwäbische Form, endigen: Gnndel-fingesi, Launigen, Bechingep, Faimiugeu, Wittislingen ,
Mödingen, Finningen , Schabringen, Offingcn, Gund«remmingen, Dürrlauingen , Aisllngen, Weisingen u. s. w.schließen im engen Umkreise weniger Stunden Dillingen ein. Die Wurzel aller dieser Namen ist ein Personen-name und die Endung —ingen ist patrouymisch, wiedie Gelehrten es bezeichnen, d. h. sie deutet auf einenAhnherrn zurück, auf einen Stammvater, der sich einstbei der Besitznahme des Landes an den betreffendenStätten niederließ, nach dem sich die Sippe nannte. Indie moderne Sprache übersetzt würde „—ingen" daherlauten „zu oder bei den Nachkommen des N. N."
Dillingen heißt daher: „bei den Nachkommen deSThilo oder Dilli", in niederdeutscher Form Tilly, — einName, der für Bayern durch den Feldherrn des Kur-fürsten Max I. und der Liga unvergeßlich geivorden ist.Urkundlich wird VUIinZs. zum ersten Male im Jahre 973unserer Zeitrechnung genannt. Doch reichen die mensch-lichen Niederlassungen an dieser Stätte in weit ältereZeiten zurück. Unwillkürlich gedenkt man zuerst derRömer. Aber römische Spuren hat man in Dillingen selbst noch nicht gefunden (auch die Burg ist kein röm-isches Bauwerk, worauf wir noch zurückkommen werden),obwohl die linksusrige Donaustraße der Römer vonFaimiugen her durch die Vorstadt von Laniugen, nördlichvon Hausen vorüber, am Südrande von Donaualtheim hin und nördlich an Schretzheim vorüber läuft und ichjenen Wegezug für römisch halten möchte, der aus demThale der Glött vom rechten Donauuser kommt, dasRied schneidet und auf dem linken Donauufer vonDonanaltheim au der Kapelle (Punkt 436 auf dem Blattedes topographischen Atlas) vorbei nach Obcrfinningenund weiter nach Norden verläuft; er bildet auf demganzen genannten Zuge eine schnurgerade Linie, was einHauptkennzeichen für Römer-straßen ist, solange sie nichtGelände und Gefälle zu Abweichungen zwingen. ImWeichbild von Dillingen ist er allerdings an der Ober-fläche nicht mehr zu erkennen. Auch vor der Kapuziner-kirche wurde erst in jüngster Zeit bei Gelegenheit vonKanalisirungsarbeiten ein Stück Straße bloßgelcgt, demwahrscheinlich römischer Ursprung zuzuerkennen ist.
Die ältesten Funde, die ältesten Spuren menschlichenAufenthaltes bei Dillingen liefert aber das manche Räthselbietende ausgedehnte Gräberfeld am Ziegclstadcl auf derFlur unmittelbar vor der westlichen Front der StadtDillingen. Hier hatte zuerst das kaiserliche und daraufdas französisch-bayerische Heer im unheilvollen Jahre 1704ein verschanztes Lager angelegt, und die Gräben desselbendurchschneiden das alte Grabfeld. Es enthält in Reihenangelegte trichterförmige, in den Lehm eingebettete Gruben,und die aus denselben erhobenen Thongefäße werden indie sogenannte ältere „Bronzezeit" versetzt, sind also vorbeiläufig drei Jahrtausenden verfertigt worden. Hierscheint die Besiedelung viele Jahrhunderte durch fortge-dauert zu haben, bis sich um die Grafeuburg nach undnach eine neue Niederlassung bildete und Alt-Dilliugenimmer mehr an Bedeutung verlor.
Zwei Jahrtausende liegen demnach dazwischen, bisauf Dillingen das Licht beglaubigter urkundlicher Geschichtefällt. Damals besteht hier eine Burg auf der Stättedes jetzigen Schlosses, sie ist im Besitze eines mächtigenGrafengeschlechtes, welches wohl von alter Zeit her dieGrafschaft im Brenzgan, sowie im angrenzenden Albgaui verwaltete und in den jetzigen bayerischen Bezirksämtern