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zurückziehen kann, während er dem Feinde die Außcn-wcrke nach und nach überläßt.
Das sehen wir vor allem in den Vorburgen undZwingern beabsichtigt. Cohausen") hält zwar denZwinger für ein vorbereitetes Kampffeld, welches denVortheil gewährte, „dem dort schon eingedrungenen An-greifer mit bewaffneter Hand in die Flanken zu fallen".
Dieser doch etwas zn idealen Ansicht gegenüber be-merkt Piper mit Recht: „In der Regel werden doch dieVertheidiger vorgezogen haben, von gesichertem höherenStandorte aus die Eingedrungenen mit Schuß und Wurfzu bekämpfen, anstatt selbst in den engen Zwinger zueinem Kampfe mit bewaffneter Hand hinabzusteigen."
In einem etwas ähnlichen Sinn spricht sich auch Essen-wein aus, wenn er als „Hauptzweck dieser Anlage (denUmstand) erachtet, daß der Belagerer nicht so leicht mitSturmb'öcken oder Nollthürmen an die eigentliche Mauergelangen konnte, sondern schon an der niedrigeren äußerenMauer Halt machen mußte". Der Umstand, daß die„Hintere" oder „Hauptmauer höher" war, hatte noch denweiteren Vortheil, „daß den herannahenden Feind zweiReihen Bogenschützen hinter- und übereinander empfangenkonnten".^
Nach dem Falle dieser Vorwerke war jedoch dieeigentliche Hauptburg selbst noch gegliedert.
War einmal die Ringmauer mit ihrem Wehrgangeerstiegen, so bildete oft der „wehrhafte Palas" ein sicheresrakuginm, und wenn die Noth am höchsten stieg, sowar endlich der mächtige, hohe Berchfrit noch da, welchernach Wegnahme der Leiter zu seinem hochgelegenen Ein-gänge oder nach Abbruch des leichten Steges, der ihnmit dem Palas verband, geradezu unüberwindlich war.Ja, die einzelnen Stockwerke, welche gewöhnlich durchstarke Gewölbe getrennt waren, konnten wiederum einzelnvertheidigt werden.
Der Zweck einer successiv sich enger schließen-den und zurückweichenden Vertheidigung wardein römischen Lager absolut fremd. Trotzdem haben esdie Romanisten versucht, auch den Castellen einen sogen,„inneren Abschnitt" beizulegen und wehrhafte Gebäudeinnerhalb derselben nachzuweisen.
Schon Vegetius") soll nach Krieg und seinen An-hängern diesen „inneren Abschnitt" als praktisch be-fürwortet und empfohlen haben, was jedoch nur auf einerfalschen Interpretation dieses Schriftstellers beruht; dennda, wo Vegetius die Belagerten darauf hinweist, wennder Feind bereits eingedrungen sei, die stärkeren undhöheren Orte, Gebäude und Thürme besetzt zu halten,von da aus den Angreifer mit Geschossen zu überschüttenund ihm einen sehr gefährlichen Straßenkampf zu liefern,ist jedenfalls eine größere Anlage, eine Stadt gemeint;dafür sprechen ja ganz deutlich die Ausdrücke: „hui in-vasarint oivitatam" und „ox>xickg.ni".
Die Beispiele, welche man trotzdem für die Gegen-ansicht zn erbringen suchte, gründen sich meist auf demIrrthume, daß man einen mittelalterlichen Bau für römischhält oder auf wirklich römischen Fundamenten eine na-türlich nie dagewesene Anlage reconstruiren will.
So findet sich die bekannte Feste Steinsberg inBaden noch jetzt in vielen Kunstgeschichten als Typus
") v. Cohausen: Alterthümer im Rheinland S. 89.
'°) Piper: Burgenkunde S. 12.
") Handbuch der Architektur: II. Theil 4. Band.v. Essenwein, 1. Heft S. 192.
Vegetius 4,25.
einer „Ritterburg römischen Ursprunges" abgebildet, undden Glauben, daß ihr Berchfrit sowie das eigenartigepolygonale, doppelt und dreifach angelegte Zwingerwerkauf die Römer zurückzuführen sei, konnte man immernoch nicht ganz aus der Welt schaffen, obwohl schonDekan Wilhelm: und der Engländer James Aales bereitsvor vierzig Jahren davon überzeugt waren, daß die Burgein Werk des Mittelalters sei.")
Von Thürmen oder anderen Bollwerken, welche nachKrieg und Monc") „frei in der Mitte" eines Lagersstanden, hat man bis jetzt noch keine Spur entdeckenkönnen.
So wird z. B. der viereckige, aus der Rückseitedes Saalburg -Prätoriums hervorspringende Bau, welchenman noch heute als „Thurm" deutet, viel richtiger durchCohausen als vornehmster Theil des römischen Hauses,als VS0U3 bezeichnet, 2') indem ja überhaupt die ganzeAnlage des Prätoriums nach den Worten v. Cohausens„dem normalen römischen Hause, wie wir es namentlichim Hause des Pausa in Pompeji dargestellt finden, selbstin den Maßen gleicht.")
Der total verschiedene Zweck der Castralanlage unddie Unmöglichkeit ihrer Verquickuug mit der alten Burgzeigt sich endlich in den beiden Seiteuthoreu des Castells,welche doch offenbar der Besatzung dienten, im geeignetenMomente einen Ausfall zu machen und den Feind ausdem Felde zu schlagen, denn „darin, sagt mit RechtMarggraff, gipfelt die römische Verthcidigungstaktik".")
Wenn man auch heutzutage nicht mehr so leicht eineganze Bnrg auf römischer Grundlage entstanden sehenwill, so muß doch vielfach wenigstens der Berchfrit nochrömisch sein. Er ist, wenn alles andere nichts mehrhilft, eine „alte römische Warte", die mit so und so vielanderen corrcsponditte. Wir haben besonders in Süd-deutschland eine Menge von Beispielen am Nheine, imOdenwald, am Maine, am Neckar und an der Altmühl. Dem Besucher von Nassenfels, Altmannstein, Arnsberg, Kipfenberg, Hirschberg u. s. w. verkünden noch heute inStein gehauene Inschriften, daß diese Thürme „wahr-scheinlich aus dem 2. Jahrhundert nach Christus stammen",der sonst geistreiche und vortreffliche Führer durch die„Altmühlalp" von Kugler läßt fast von jeder Burg undHöhe einen solchen „unverwüstlichen" Nömerbau mitstolzer Majestät und Würde in das Thal blicken undmacht sich geradezu lustig über „einen Engländer", dervor einigen Jahren behauptet habe, diese Thürme seienerst im Anfange des Mittelalters errichtet worden. Esist hier jedenfalls James Aates gemeint, der wohl zuerst(bereits im Jahre 1857) mit echt britischer Kaltblütig-keit seinen Gegnern das Wort an den Kopf zu schleudernwagte, er für seine Person halte „eher eine chinesischePagode für römisch, als einen solchen Thurm".^)
Die Anlage und Gestalt dieser Bauwerke, ebenso imGegensatz dazu die der notorisch römischen Wartthürmehaben wir bereits oben kennen gelernt. Ohne allenZweifel haben auch die Römer Warten angelegt, und
") Nach den neuesten Untersuchungen fällt die Bau-zeit des ältesten Theiles etwa in das Ende des 12. oderden Anfang des 13. Jahrhunderts.
20 ) Mone: „Urgesch. des badischen Landes" S. 188.") v. Cohausen: „Röm. Grenzwall" S. 112.
") v. Cohausen: „Röm. Grenzwall" S. 342.
'°) Marggraff: „Die römische Reichsgrenze in Ger-manien."
") Abhandlung im Jahrbuch des histor. Vereins fürSchwaben und Neubnrg. Jahrg. XXm.