Ausgabe 
(22.9.1897) 55
 
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wir keinerlei Zusammenhang derselben mit den einstigenmilitärischen Linien der Römer , ja gerade auf Haupt-rontcn fehlen Thürme gänzlich."^

Wenn man aber trotzdem nicht selten bemerkt, daßeinzelne dieser Bauten sich miteinander verständigen konnten,so möchte ich fragen, warum denn die adeligen Herrendes Mittelaltcrs nicht auch das Bedürfniß haben konnten,einander Zeichen und Signale zu geben. Es wäre dochein wenig naiv, anzunehmen, daß auf jeder Burg einRaubritter hauste, der wie ein Geier von seinem Felsenhernieder schaute und jedem Nachbar die Zähne wies.Das Nanbritterthum war immerhin bloß eine Aus-artung; für gewöhnlich werden sich benachbarte adeligeFamilien friedlich gegenübergestanden sein und in Zeitender Bedrängniß einander geholfen haben; kurz und gut,der Berchfrit konnte auch im Mittelalter seinen Zweck alsMeldethurm erfüllt haben.

So wurden noch gegen das Ende des 15. Jahr-hunderts (1492) von der kurmainzischen Regierung aufweithin sichtbaren Höhen Wartthürme erbaut, um dieGegend zu überwachenund in Fällen der Noth dieBewohner auf räuberische Einfälle aufmerksam zu machen.Zu diesem Zwecke hatten die Orte der Umgegend dieVerbindlichkeit, einen ständigen Wachtposten dort zuunterhalten"?')

An zweiter Stelle pflegt man gerne zu sagen, baßder Berchfrit oder angebliche Nömerthnrm offenbarfrüheren Datum? sei, was ja schon durch seine besondereFestigkeit und Anlage gegenüber den übrigen Theilender Burg gezeigt werde. Das muß man zugeben, dergroße Thurm ist meistens älter als die Burg selbst,denn er ist auch der nothwendigste Theil; aus eben demGrunde musste er aber hinwiederum im Gegensatze zu denNcbenbauteu ganz besonders stark und dauerhaft errichtetwerden.

So hat denn der Berchfrit auch oft alle Stürmeglücklich überstanden, während um ihn alles andere inTrümmer sank, man hat diä^-urg vielfach vergessen undkennt nur noch den gewaltigen Thurm; unter vielenanderen möchte ich hier nur an den Rabenthurm derehemaligen Schwabsbnrg bei Nicrstcin (a. Rh.) oder anden Schcnkcnthnrm vom einstigen Schenkcnschlosse unweitWnrzbnrg erinnern.

Wohl mancher arme Ritter wird sich zunächst miteinem solchenTorn" begnügt haben, der höchstens nochvon einem Graben und einer Ringmauer geschützt wurdet)So ist zum Beispiel der bekannte angebliche Römcrthurmtu Nasscnfcls bei Ncnbnrg (a. d. D.) urkundlich nachge-wiesen aus dem 12. Jahrhundert. Bereits im Jahre1108 cxistirt nach Hotter "ch ein Arnold von Nassensels.Die Anlage wurde bald vergrößert und hatte bereits

f°) Marggraff:Die römische Reichsgrenze in Ger-mamen und ihre Bauten" S. 44.

D Vgl. Schober:Führer durch den Spessart, Kahl-grnnd und das Maiuthal" S. 82.

°°) In neuerer Zeit glaubt man mit Recht, daß diedcutiche Burg auf die sogenannte inota zurückzuführen sei.Mau versteht darunter einen kleinen, entweder künstlichaufgeschütteten oder abgeplatteten Hügel, umgeben voneinem Palissadenzauue und einem Graben. In der Mittestand ein thurmartiger Bari, anfangs nur aus Holz, späteraus Stein. Bergt. Essenivcin S. 45, der diese motassogar von den alten Wallburgen oder Wallkronen her-leiten will.

Das Bezirksamt Eichstätt" S. 40.

Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg.

1247 durch deu Grafen Gcbhardt V. von Hirschbergeine Belagerung auszustehen.

Nachdem der Eichstätter Bischof Conrad II. dasBnrghutrccht im Jahre 1297 verworfen, baute er dascmstelluiu" um, und Friedrich IV. legte ein neuesHaus sowie den Zwinger an. Das dürfte ein kleinesBeispiel sein, wie die meiste» deutschen Burgen allmählichentstanden sind.

Die Thatsache müssen wir jedoch schließlich zuge-stehen, daß wohl hie und da auf den Trümmern einerrömischen Anlage, besonders aber unter Benützung desalten Materials, ein späteres Monpyrghinm sich erhob,oder daß ein römischer Thurm, wie es in einigen Fällenconstatirt ist, durch eine Umniantclung und Erhöhungverstärkt und so zum Berchfrite tauglich gemacht werdenkonnte.

Aus dem Zwecke und der Bestimmung der römischenund mittelalterlichen Befestigung erklärt sich auch meistensdieOcrtlichkeit", welche in beiden Fällen verwendetwurde, und ihre auffallende Verschiedenheit. Ueber dieAuswahl des Castelltcrrains finden sich schon genaue An-gaben bei Vegetius und Hyginus. Der letztere unter-scheidet hauptsächlich vier Stufen in seiner Schriftäsmuuitiouo eastrorum". Der beste Lagerplatz ist nachihm der allmählich von der Ebene ansteigende, denzweiten Rang haben die in der Ebene liegenden, dendritten die auf einem Hügel befindlichen, den vierten dieauf einem Berge erbauten Castelle Sätze, welche wirbei dem Bnrgenbau wohl kaum vertreten finden. DerHauptgrund dürfte aber immer wieder der fein, daß sichdie Römer wenigstens noch in der besseren Zeit stets dieOffensive vorbehielten und von der Defensive nur zeit-weilig Gebrauch machten.

Das Hauptbedürfniß einer Burg dagegen war nacheinem mittelalterlichen Ausdrucke einsturmfreier Platz"?")Wenn man auch selten ein ganz unzugänglichesFelsen-nest" haben konnte, wie wir es uns gerne unter denromantischen NamenFalkenstein",Drachenfels" oderGeiersburg" vorstellen mögen, so suchte man doch eineStelle, welche auf drei oder wenigstens zwei SeitenSchutz gegen Angriffe und die größte Vertheidigungs-fähigkeit" bot.

An zweiter Stelle wohl und nicht an erster, wieEssenwein meint, wird dieNothwendigkeit maßgebend"gewesen sein,den Punkt zu besetzen, weil er die Gegendbeherrsche"?')

(Schluß folgt.)

Recensionen und Notizen.

Gobincau, Die Renaissance: Historische Scenen. Deutschvon Ludw. Schemann. 12°, 516 SS. Leipzig,Ph. Rcclam. 1897 (Univ.-Bibl. 351115). M. 1.00.

7- Wirklich prächtige Bilder aus der Culturgeschichteeiner Zeit, die an Glanz in Künsten und Wissenschaftenebenso bedeutend ist, wie an bodenloser Gemeinheit derGesinnung und Lascivität des Lebens. Bekannte Ge-stalten wie Savonarola, Michelangelo, Alexander VI. ,Lucrezia, Machiavelli, Julius II. , Raphael, Bembo,Frundsberg, Karl V. und andere Größen der Zeit werdenuns hier in lebhafter Darstellung, die sich in die Formdes Dialogs kleidet, vor Augen geführt. Jeder Freundder Geschichte wird die geistreichen Essays des GrafenGobineau mit großem Interesse lesen.

°°) S. Piper:Burgenkunde" S. 7.

D Esfenwein:Kriegsbaukunst" S. 42.

Druck n. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.