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25. Sept. 1897.
Das Cönaculum.
Von K. Oberländer.
Jerusalem liegt auf sechs Hügeln, von denen einersich von Süd nach Ost erhebt und der Sion ist. Er istzum großen Theil bebaut und macht so die Weissagungdes Jeremias und Michäas wahr: „Sion wird wie einFeld gepflügt" (26, 18; 3, 12). Er ist ohne Zweiselder geheimnißvollste, heiligste und berühmteste Berg derWelt, da sich auf ihm die lieblichsten Erinnerungen desalten und neuen Testamentes zusammenfinden; mit Rechtist er daher das Capitolium oder der Parnaß Israelsgenannt worden.
Er hieß anfangs Zebus, von den Jebusitern, welcheihn zuerst bewohnten und die Akropolis oder FestungSion erbaut hatten, welche David eroberte. Er erbautedort aus Cedernholz, welches ihm Hiram, König vonTyrus, gesandt hatte, einen Palast, befestigte die Burgnoch mehr und nannte sie Stadt Davids (2 Könige 7,6;1 Paralip. 11, 4—7). Auf diesen Berg verbrachte David die Bundcslade (2 Könige 6, 12; 1 Paralip. 15). Indem von David erbauten Königspalaste wohnten auchSalomo und die anderen Nachfolger (3 Könige, 7).Dort waren die Königsgräber (1 Könige 2, 10), und wirwissen, daß dasjenige von David noch in den ersten Zeitendes Christenthums vorhanden war. Nach Josephns hatteSalomon dort große Schätze niedergelegt, wovon der Hohe-priester Hyrkauus 132 v. Chr. eines erbrach und ihm3000 Talente Goldes entnahm. Der hl. Petrus weist(Apostelgeschichte 2, 29) darauf hin mit den Worten:„Sein (Davids) Grab ist bei uns bis aus den heutigenTag.", Aus dem Briefe des hl. Paula und Enstachiuman Marcella sehen wir, daß man an ihm wie an anderenheiligen Stätten seine Andacht verrichtete. Dort sehen wirnoch immer die von Salomo so gepriesenen Ccdern wachsen(Eccl. 24, 47), wie man noch den unteren Theil desThurmes Davids sieht. Dort hatte Herodes der Großeseinen Palast mit den drei Thürmen Hippikus, Phasaelund Mariamne, von welchem Josephns so Wunderbaresorzählt.
Seine größte Berühmtheit aber verdankt der Bergdem, was sich im neuen Testament von ihm findet. Aufdem Sion war der Palast der Hohenpriester Annas undKaiphas, wo Jesus vom Synedrium gerichtet wurde; dawar das Cönaculum, der Saal, in welchem der Heilanddas letzte Osterlamm mit seinen Aposteln aß und dasheiligste Altarssakrament einsetzte. Hier erschien er amTage seiner Auferstehung und acht Tage später denAposteln, hier kam über sie der heilige Geist am Pfingst -feste herab, hier als auf einem neuen Sinai wurde dasneue Gesetz feierlich verkündet oder vielmehr dem altendie Ergänzung und Vollendung gegeben und so die Weis-sagung Jsaias' (2, 3) erfüllt: „von Sion wird dasGesetz ausgehen".
Hier endlich nahm die Kirche Jesu Christi ihrenfeierlichen und öffentlichen Anfang; von ihm hatte Jsaias(46, 13) gesagt: „ich will in Sion Heil wirken," nämlichin der Kirche, die hier entstand; von ihm sagt David(Ps. 86, 2): „es leite der Herr die Thore Sions überalle Hütten Jakobs"; von ihm sagt Johannes (Apok.14, 1): „ich sah, und siehe, ein Lamm stand auf demBerge Sion und mit ihm 144,000, die seinen Namenund seines Vaters Namen auf ihren Stirnen geschriebenhatten".
Rufen wir uns, um die Bedeutung des Cönaculumrecht zu würdigen, das ins Gedächtniß, was das Evan-gelium sagt: „Gehet in die Stadt zu einem und sagetzu ihm: Der Meister spricht: meine Zeit ist nahe, woist mein Speisezimmer, in dem ich das Osterlamm mitmeinen Jüngern essen kann? Und er wird euch einengroßen, mit Polstern versehenen Speisesaal zeigen, daselbstrichtet für uns zu!" Nach der Tradition gehörte dasHaus dem Joseph von Arimathäa .
Das Cönaculum wurde schon zu Zeiten der Apostelin eine Kirche umgewandelt, welche der hl. Jakobus, dererste Bischof von Jerusalem , die Mutter aller Kirchennennt. Der hl. Epiphanias erzählt, daß auf dem BergeSion neben andern Gebäuden „die kleine christliche Kirche,die an dem Orte stund, wohin die Jünger nach derHimmelfahrt des Heilandes vom Oelberg aus sich zurück-zogen, indem sie in das Cönaculum hinaufgingen," vonden Ruinen der Belagerung durch Titus übrig gebliebensei. Unmittelbar nach der Zeit der hl. Helena gedenktder hl. Cyrillus dieser Kirche und nennt sie ooolooiLLpootoloruiu, eoelosia, 8uporior. Von ihr spricht derhl. Hieronymus und sagt, daß die Säule, an welcherJesus gegeißelt wurde, dort sei, um die Säulenhalle zustützen; von ihr sprechen Beda, Wilhelm von Tyrus,Johannes Damascenus und andere.
Als die Kreuzfahrer Jerusalem einnahmen, warenvon der Kirche des Cönaculums nur noch wenige Ruinenübrig, sie bauten sie in derselben Gestalt, wie die altegewesen war, wieder auf, es ward ein Augnstinerstiftangebaut, und die Mönche blieben dort bis 1187, wodas lateinische Kaiserthum aufhörte und auch die Kirchedes Cönaculums zerstört ward. Bald wurde dort eingroßes Kloster gebaut» das von syrischen Mönchen be-wohnt wurde, bis 1219 sich der hl. Franziskus mitseinen minderen Brüdern niederließ, welche anfangs ineinem armseligen Quartier wohnten und dann im Jahre1239 in derselben Abtei, welche ihnen Melek es-SalehJsmael, Sultan von DamascuS, dessen Bruder ein Freunddes hl. Franziskus war, überlassen hatte. Die gegen-wärtige Kirche wurde von den Franziskanern im Spitz-bogenstile im 14. Jahrhundert auf Kosten von Sancia,der Königin von Sizilien, neu erbaut. Allein die Kircheist heutzutage keine christliche mehr, sondern eine Moschee.Gegen Ende des Jahres 1551 wurde sie mit den an-liegenden Gebäuden den Franziskanern entrissen und dentürkischen Derwischen übergeben und erhielt den NamenNaby Darnd oder Prophet David , weil die Türkenglauben, es sei hier das Grab Davids .
Zum Cönaculum führt links von der Thorhalle eineTreppe von zwanzig Stufen hinauf. Es ist ein zwei-schiffiger Obersaal, 20 Meter lang und 9,15 Meter breit,dessen Spitzbogengewölbe von acht Wandsänlen und zweiin der Mitte freistehenden Säulen getragen werden, welcheden Saal in zwei Hälften theilen; er ist von drei in dersüdlichen Wand angebrachten Fenstern beleuchtet. An der-selben Wand ist das Mihrab oder die Gebetsrichtung nachMekka angebracht, bezw. die ehemalige Kapelle der Geistes-ausgießung. Rechts von dieser Kapelle zeigt man denOrt, wo der Apostel Thomas seinen Finger in dieWunden des Herrn legte, und wieder rechts von diesemdie Kapelle, in welcher nach der Tradition der heiligeJohannes das hl. Meßopfer in Gegenwart der seligstenJungfrau feierte. Kehrt man in den Abendmahlssaal