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' zurück und nähert man sich der Thüre, so sieht man eineTreppe, welche in einen unteren Saal hinabführt, wonach der Ueberlieferung die Fußwaschung der Apostelstattfand; allein man darf nicht hinunter steigen, weilda ein Harem, die Wohnung der türkischen Frauen, ist.
Heute noch führt der Guardian der Franziskanerim heiligen Lande zur Erinnerung an den einstigenBesitz den Titel „Guardian vom Berge Sion". AmPfingstfeste dürfen die Katholiken das hl. Meßopfer umtheures Geld darbringen; früher durften sie auch jedesJahr die Fußwaschung dort halten.
Möge die auf der Katholikenversaminlung in Lands-hut kürzlich von der Reife unseres Kaisers ins heiligeLand erhoffte Rückgabe des Cönacnlnm an die Katho-liken glücklich erfolgen!
Zu seinem hundertsten Geburtstag geschildertvon A. G. (25. Septbr. 1797).
Wer kennt sie nicht, die „Regimentstochtcr", diegraziöse Oper mit der schneidigen, „feschen" Marie, mitdem schlichten und natürlichen Antonio, welche heute nocheine Lieblingsoper des kunstsinnigen Publikums ist undüber die Bretter der alten und neuen Welt heute nochgeht, wie bei ihrem Entstehen? Hätte der ComponistDonizetti nur dies «ine Werk verfaßt und uns hinter-lassen, schon dieses einen wegen wäre er würdig, daßsein Andenken bei der Wiederkehr seines hundertsten Ge-burtstages aufgefrischt würde. Er hat aber weit — weitmehr gearbeitet und hinterlassen, fast zu viel, er ist ent-schieden einer der vorzüglichsten und tonangebenden italien-ischen Komponisten der neuesten Zeit, der neben Rossini und Belliui lauge Zeit an der Spitze aller Opernproduetionstand — sein Leben gestaltete sich zudem so bewegt undmannigfaltig, daß sein Andenken auch nach dieser Be-ziehung wachzuhalten sich lohnt.
Gaetauo Donizetti wurde geboren am 25. Septbr.1797 zu Bergamo und erhielt den ersten musikalischenUnterricht an dem dortigen Lyceum. Der erste Lehrerdes sehr talentvollen und gelehrigen Schülers war derberühmte Componist Simon Mahr, der ihn zu weitererAusbildung, nachdem ihn auch Salari und Gonzalesunterrichtet hatten, nach Bologna schickte und ihn dortenbesonders dein Pater Matte! und Pilotti, welch letztererKontrapunkt dozirte, angelegentlichst empfahl. Drei Jahrewar er in der strengen Schule dieser Meister und nützteseine Zeit auf das gewissenhafteste aus. Schon damalsim Alter von siebzehn bis zwanzig Jahren schrieb erOuvertüren für Orchester, Cantatcn und Kammermusik.Im Jahre 1816 kehrte er in seine Vaterstadt zurück mitdein Entschluß, sich der kirchlichen Tonkunst zu widmen,er fand aber bei diesem Entschluß einen starken Gegneran seinem eigenen Vater, der ein Feind der musikalischenLaufbahn seines Sohnes war und aus Gaetauo ent-weder einen Advokaten oder einen Maler — reimt, sichwohl nicht gut zusammen — machen wollte. Zu beidenPlänen seines Paters konnte der Sohn nicht Ja sagen,und er entrann dem Dilemma dadurch, daß er Soldatwurde, als Freiwilliger in ein österreichisches Regimenteintrat und mit demselben nach Oberitalieu zog, wo erin Venedig statiouirt wurde. Schon auf der Reise dort-hin studirte er verschiedene Opernbühuen und schloß mitverschiedenen Künstlern Freundschaften. Bald guittirte erden Militärdienst, um ganz sich auf die Musik zu werfen»
und alsbald ließ er seine erste Oper „Enrico" vonStapel, welche, auf einem kleinen Theater in Venedigaufgeführt, als Erstlingswerk immerhin einen Achtungs-erfolg errang. Bald folgten weitere Opern für Mantua,Mailand und Neapel, für welch letztere Stadt er diemeisten seiner italienischen Opern schrieb. Aus dieserZeit ist hervorzuheben seine „Anna Bolena", ein Werkvon großer Schönheit. Zwei Sterne leuchteten damalsam Opernhimmel Italiens und Frankreichs, Rossini undBellini, ersterer durch seinen „Barbier von Sevilla", letzterer durch feine „Norma" und die „Puritaner". Der„Barbier" ist entschieden eine echte Perle der italienischenOpera Buffa voll leichtbeschwingter Grazie und sprudeln-der heiterer Laune, voll graziös einschmeichelnder Melodien.Die „Norma" von Bellini enthält dergleichen ohneZweifel recht viel Schönes und wahrhaft Bedeutendes,aber auch viel Triviales. Kaum sollte man es glauben,daß der gleiche Maestro, der das große Recitativ der„Norma" und das darauffolgende „oasta ckivu,", derdas „Fluch den Römern" und das letzte Finale geschaffen,daß der gleiche Meister Dinge schreiben konnte, wie diemeisten Arien und Enscmbleschlüssc, welche der gewöhn-lichen Gassenmusik Concnrrenz machen. Diesen genanntenMeistern wollte Donizetti nachfolgen, wollte sich mit ihnen— besser gesagt — messen. Den „Puritanern" wollte erden „Marina Falicro" entgegensetzen, der Versuch miß-lang. Doch ging es sehr bald besser, einerseits gingBellini mit Tod ab, anderseits that Donizetti in Neapel mit seiner „Lucia von Lammermoor" einen vorzüglichenGriff, das herrliche Werk wurde in ganz Italien begrüßt,der Componist sehr gefeiert. In und mit diesem Werkhat der Meister einen so vollen Griff in die Tiefenmenschlicher Liebes- und Leidensfähigkeit gethan und dieMusik zu einem so beredten Dolmetsch der stärkstenSeelenempfindungen gemacht, daß man dem prächtigenWerk nur mit dem Empfinden eines Genusses lauschenkann. Sein Ruhm war begründet, seine Existenz nichtminder. Er war jetzt nach Rossiui's Verstummen undBellini's Tod der gefeierte Liebling seiner Landsleutegeworden, der Autokrat der italienischen Opcrnbühne;die Theater nicht nur Jtulieus, sondern auch Frankreichs und Deutschlands brachten seine Werke und erbaten sichneue Partituren. Im Jahre 1834 wurde er zum Kapell-meister und Lehrer der Komposition am k. Konservatoriumzu Neapel ernannt, bald darauf znm Professor des Contra-punkts und stellvertretenden Direktor, und nach dem TodeZingarelli's im Jahre 1838 znm wirklichen Direktor,trotzdem nngemein gegen ihn intriguirt wurde. Aberschon ein Jähr darauf legte er alle diese Aemter nieder,um vorerst nach Paris zu gehen und von da an über-haupt ziemlich ruhe- und rastlos umherznwaudeln. InParis hatte er mit seinen Opern theils Glück, theils mit-unter großes „Pech", er schrieb eben zu viel, allzu viel,und das war auch für den gewiß genialen Meister un-gesund. Seine „Regimentstochter" wurde der Lieblingaller Theater Europa's, seine „Favoritin" erzielte speciellin Paris einen Erfolg, wie ihn kaum selbst ein französischerComponist je errungen hatte. Dieser Erfolg stachelte denKomponisten an, er arbeitete wenigstens eine Zeit langwieder mit größerer Sorgfalt, erfaßte das dramatischeElement schärfer und verwandte deßhalb auf die Recitativeeine höhere deklamatorische Kraft. Im Jahre 1842 findenwir den Meister in der österreichischen Hauptstadt, wo erneben Orden und Auszeichnungen auch den Titel einesk. k. HofkapellmeistcrS und Kammercomponisten mit einem