390
und die Zeiten, die ihre Annen verschlossen gegenüber derNatur, die bestimmte Schablonen hatten, nach denen jedeLinie zu führen, jede Farbe aufzutragen war, die einBild immer wieder vom andern copirtcu, das sind dietraurigsten Zeiten für die Kunstgeschichte. Dieser Wegwäre der Untergang der wahren Kunst. Deßwegen willich unserer modernen Kunst gerne das Zugeständnis;machen, daß fie auf diesem Wege des Studiums derNatur in gewisser Beziehung zu einer hohen Vollendunggediehen ist, z. B. auf dem Gebiete der Landschaftsmalern,des Porträts, in gewissen Zweigen der Skulptur; aberzugleich liegt daB» eine große Gefahr für den Künstler,namentlich dann, wenn es sich um höhere Problemehandelt, wenn er klebersinnliches, Ewiges, Göttliches dar-stellen soll. Da droht dann die Idee, die doch die Seeledes Kunstwerkes sein muß, und für welche die sinnlicheund körperliche Form nur das Kleid bildet, zu ver-kümmern und der Gewalt des Körperlichen zu erliegen.Es gehört ein starker Sinn und eine geübte Meisterschaftdazu, um über das Stoffliche Herr zu werden, so daß esin Harmonie der Idee sich anschließt und unterordnet.Dieser Kampf ist besonders deßwegen schwer, weil aufunseren Akademien und in unseren Lehrbüchern derAesthetik ein Sah Geltung hat, auf den fast alle unsereKünstler eiugeschworen zu sein scheinen, und der da lautet:„Die höchste Schönheit ist die des unbekleidetenmenschlichen Körpers." Ja, wenn wir diesen Satzeinmal zugeben, meine Herren, dann allerdings gibt eskeinen höheren Vorwnrs für die Künstler, als diesenmenschlichen Leib immer wieder zu studireu, zu malenund zu meißeln. Und so geschieht es auch heutzutage.Es ist in unseren Tagen leider Gottes so weit gekommen,daß gar manche Menschen sich unter Kunstwerk nichtsanderes denken können als eine Nndität, und künstlerischeSchönheit für manchen identisch geworden zu sein scheintmit Schamlosigkeit. In unseren Ausstellungen, in unserenKunsthandlungen begegnen uns immer wieder deßwegendiese vollständig unbekleideten Buben und Mägdlein, dieseganz toiletteloscn Frauen und Fräuleins, diese Burschenund Männer, gezeichnet, gemalt, geschnitzt, oder in Gold>ind Silber getrieben, oder auch in gemeinem Thon undGyps geknetet, in allen möglichen und unmöglichen Situa-tionen; stehend, sitzend, liegend, kauernd, schwimmend,fliegend; es ist immer dasselbe, niag im Katalog stehen:Nymphe, Eva oder Psyche, nur daß gar oft nicht sehrviel Psychisches daran zu sehen ist. (Heiterkeit.) Gewöhn-liche Menschenkinder können sich nun diese Erscheinungkaum erklären, selbst mit dem Princip des Realismusund Naturalismus kommt man da nicht mehr zurecht,weil ja doch die Leute so ganz costümlos nicht spazierenzu gehen pflegen. Allein der Künstler gibt uns Aufschluß,indem er sagt: Das ist eben die enthüllte höchste Schön-heit, die Schönheit des menschlichen Leibes! Und wennwir daran zu zweifeln wagen, so ruft er uns zu: „Istdenn nicht der Mensch die Krone der Schöpfung? Findetsich irgendwo in der Natur ein vollkommeneres Organis-mus, feinere Linien, schönere Verhältnisse, mehr Harmonieund Rhythmus als am Leibe des Menschen?" Das gebenwir zu, aber der Satz ist dennoch falsch. Meine Herren,diese Aesthetikcr und Künstler könnte jedes Christenlehr-kind wohl zu Schanden machen, wenn es ihnen sagenwürde : Mehr als der Leib ist die Seele, sie ist das Gött-liche im Menschen, sie prägt ihm jene höhere geistigeSchönheit auf, durch welche er alle anderen körperlichenWesen überragt, durch sie wird der Mensch zum Eben-bilde Gottes. Und darum gibt es eine Schönheit, die Höherist als die leibliche, die körperliche Schönheit, das istdie sittliche, die geistige, die ewige Schönheit. (Bravo! )und noch ein zweites könnte dieses Kind dem Künstlerund dem Aesthetikcr sagen, nämlich ein Wörtlein von derErbsünde, durch welche der menschliche Leib ein Objectdes ungeordneten Begehrens geworden ist, ein Wörtleinvon dem Schamgefühl, das Gott dem Menschen zumSchutz gegen diese Begierde gegeben hat, und dem auchder Künstler unterworfen ist, selbst wenn er es leugnet.(Bravo! ) Sie fragen mich, verehrte Herren, was hat dasAlles zu thun mit der christlichen Kunst? Sehr viel.Eine solche Kunst ist eben unchristlich in ihrem Princip,weil sie über die Gesetze der Zucht und Schamhaftigkeitsich hinwegsetzt. Eine Kunst, welche auf diesem Bodenemporgewachsen ist, ist nicht im Stande, wirklich Reli-giöses zu schaffen, die wird nie hinauskommen über Ver-
treibungen aus dem Paradies, badende Susannen, büßendeMagdalenen und aus Kreuz gebundene oder geschlageneweibliche Heilige. Meine Herren, diese Sache ist ivohlder Mühe werth, daß man uns darum kümmern. Dieserderbe Naturalismus wirkt geraden! zerstörend aus denreligiösen Glauben, er verletzt uns in unseren heiligstenGefühlen, indem er das, was wir gewohnt sind, imSchimmer erhabener Heiligkeit und höchster Würde zusehen, in den Staub der Straße herunterzieht. MeineHerren, wir müssen uns dagegen verwahren, daß manuns die nächstbeste Modellsteherin als die Mutter desHerrn vorführt (Bravo! ), daß wir uns irgend einen vonder Straße aufgelesenen Vagabunden als Apostel prä-sentirt (Bravo! ), daß man Christus den Herrn uns dar-stellt wie einen Hingerichteten, elenden Verbrecher, denner ist und bleibt unser Gott und Herr, anbetungswürdig,auch wenn er am Kreuze hängt oder im Grabe ruht.(Bravo! ) Wir haben aber auch ein Recht, zu protestirengegen den Naturalismus auf dem profanen Kunstgebiete.Ich bin nicht der Ansicht, daß unsere KunstausstellungenBildungsanstalten seien für die unreife Jugend, daß manKinder hineinführen soll, wie es leider geschieht, aber siegehören nun einmal zu unseren Cultureinrichtungen, derStaat gibt große Summen für diese Zwecke, und deß-wegen, meine ich, sollte es möglich sein, daß ein christ-licher Familienvater mit seiner Gattin, seinen erwachsenenTöchtern und seinen Studenten sie ohne Aergerniß be-suchen könnte. (Sehr wahr!) Wiederholt wurde in dengesetzgebenden Körperschaften, sowohl im Reiche, als auchin den Einzelstaaten, hingewiesen auf den in den Schau-fenstern der Kunsthandlungen sich breitmachenden Na-turalismus, und es ist anch Abhilfe geworden. DiePolizei trägt Sorge, daß da, wo allzustarke Auswüchsesich zeigen, solche beseitigt werden; das verdient gewißunseren Dank. Aber was nützt diese Maßregel, wennman alle diese Dinge zu den öffentlichen Ausstellungenzuläßt, wo man sie schön beisammen findet und mit Mußebetrachten kann und betrachten muß, so aufdringlich tretendiese Sachen einem in den Weg. (Sehr richtig!)
(Schluß folgt.)
Recensionen »nd Notizen.
Papst Leo XIII. und die hl. Beredsamkeit. Er-läuterungen zu dem auf päpstlichen Befehl von der8. 0. Lxp. st Rs». erlassenen Rundschreiben an dieBischöfe Italiens und die Ordensoberen über diehl. Beredsamkeit, mit einer ausführlicheren Nutzan-wendung für unsere Verhältnisse. Von Dr. LeopoldAckermann. Priester der Diöcese Würzburg. Mitkirchlicher Approbation. München . Verlag vonRudolf Abt. 1897. (88 Seiten.)
0. L. So betitelt sich ein kleines Schriftchen, vomVerfasser, der uns bereits mit einem Beitrag zur Homiletik,nämlich mit einer Arbeit über „Die Beredsamkeit deshl. Joh. Chrysostomus" erfreut hat, „dem seligen PetrusCanisius, dem zweiten Apostel Deutschlands , zum 300-jährigen Gedächtnisse seines Todes als kleine Jubiläums-gabe in dankbarer Verehrung geweiht". Nach einem ein-leitenden Vorwort über die Wichtigkeit des Predigtamtesauch für unsere Zeiten werden uns zuerst die fraglicheEncyklica selber im lateinischen Texte sowie mehreredarauf bezügliche und deren Verständniß erleichterndeAktenstücke mitgetheilt; hieran schließen sich recht instruktiveErläuterungen zur Encyklica. zuerst über die Person desPredigers, dann über die Eigenschaften der Predigt unddann über die in dem betreffenden Rundschreiben er-lassenen Verfügungen. In sehr geschickter und inter-essanter Weise sind zu diesem Commeutar die Ausführ-ungen des gefeierten Apostels von Andalusien, Juande Avila, verwerthet , wobei nur zu wünschen wäre, daßdie betreffenden Auslassungen auch mit praktischenBeispielen aus den Predigten Avila's belegt wären.Von besonderem Interesse ist der 3. Abschnitt, welcherzum Theil schon im diesjährigen Jahrgang der „PassauerMonatsschrift" veröffentlicht wurde: „Ausführliche Nutz-anwendung für unsere Verhältnisse, insbesondere die Dar-legungen des Verfassers über die thematische Unterweis-ungs-Predigt, die „eigentliche Rede" und den sogenannten„Avis". Recht beherzigenswert!) sind auch die Bemerk-ungen Seite 79 f. und 87 f. — über die Mittel, das Volk