Ausgabe 
(2.10.1897) 57
 
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Troltza wallfahrtete, war die erste, welche kühn Europa in die Schranken forderte. Um Polen zu vernichten»spielte sie mit Oesterreich und Preußen die Rolle derSchlange im Paradies. Der verbotene Unglücksapfelwar Polen , das bemitleidenswertheste aller modernenLänder, und Friedrich II. , der Held von so vielenSchlachten, spielte die Rolle des lüsternen Weibes undbesiegelte damit das Schicksal Polens , eine That, anderen Folgen heute Europa vielleicht unheilbar krankt.Die einzige bedeutende Macht, die gegen diese frevelhaftePolitikder drei Geier des Nordens" Widerspruch erhob,war Frankreich . Der Staatsmann Duc de Choi-seul ein zweiter Hannibal suchte selbst Schweden und die Türkei gegen Rußland aufzustacheln, wie er auchHolland, wo Katharina II. die meisten Anlchen auf-nahm, zu boykottircn suchte. Diesen lobenswiirdigen Be-strebungen secundirte die polenfreundliche Fraktion der'ranzösischen Philvsophcnschnle: Noussean und Mably,während Voltaire, dessen geradezu pathologischer Geizvon seiner Charakterlosigkeit noch bedeutend übertroffenwurde, von Rußland durch Geld gewonnen war, vonDiderot und den armseligen deutschen DuodezschriftstellcrnHippel, Schlözer und Biisching zu schweigen. Der fran-zösische Hof selbst gab das Schauspiel kläglicher Zer-fahrenheit und Verständnißlosigkeit. Von 1750 an sankdie Residenz Versailles (nicht Paris, wie heute, sondernVersailles gab damals den Ton an) unter das Niveaudes gewöhnlichsten Zustandes. Man braucht hierüber nurdie Schilderungen der Herzogin v. Chaisenl zu lesen,derselben, welche auch Voltaire öfter seinen schmählichenNussencultus zum Vorwurf machte. Im I. Ba, > ihrergesammelten Schriftennennt sie Katharina eineVerbrecherin, die Knust und Wissenschaft nur ant Eitel-keit protegire, und deren gepriesene Reformen um sowohlfeiler seien, als Rußland , dieser Ricsenkoloß, derin der That nicht mehr öffentliche Meinung und Stimmehat als ein Walfisch, ein gefügiges, wie Thon leicht zuknetendes Object dafür sei. Die gesammelten Briefedieser geistreichen Französin enthalten daneben so vielegeniale politische Gedanken, daß man ihr wohl einenbescheidenen Platz neben der viel gefeierten AmazoneMadame de Staöl gönnen dürfte. So schwärmt sie auch das große Wort sei ausgesprochen! für eineAllianz zwischen Frankreich und Deutschland . Und merk-würdig! Diese Allianz bestand unter Friedrich II. inder That. Nur znm Scheine wurde auch von Frank-reich im 7jährigen Kriege ein Heer gegen den Preußen-könig gesandt; Prinz Sonbise bekam gerade für dieSchlacht bei Roßbach, in der er sich glänzend hatteschlagen lassen, den Marschallstab; Richelieu hätte beieinigermaßen gutem Willen Friedrich vernichten können;verhinderte ihn daran nur französischer Edclmnth undGalanterie? Die französischen Offiziere nahmen durchihre bewundernden Reden über Friedrich schon auf demAnmärsche den Soldaten allen Muth und sagten offen,daß Friedrich - und sein Bruder Heinrich gute Franzosenseien.-') Ja, Friedrich der Große von Preußen war einguter Franzose; er sprach, schrieb, philosophirte französisch,er ließ deutsch geschriebene, frcigeistige Abhandlungen ver-brennen und schickte deren Verfasser nach Spandau , soden Verleger Gebhard's, während er die französischen Neligionsspöttcr königlich belohnte und ehrte. Er berief

*) Band I S. 100 vont Juni 1767. Oorrosx. oomplvteeck. Kt. .-lnwii's.

GäderßFriedrich der Große ".

französische Offiziere in seine Arnicc und lud französischeGroßindustrielle ein, nach Berlin zu kommen. DasMerkwürdigste aber erzählt uns General Chasot, eingeborener Franzose; er mußte aus Frankreich wegenRaufhändcl fliehen; Friedrich nahm ihn gastlich auf, jaer zog ihn an die königliche Tafel und überhäufte ihnmit Liebenswürdigkeiten, nannte ihn sogar den Matadorseiner Jngendjahre und begnadigte auf seine Fürbitteeinen zum Tod vernrtheiltcn Pagen, für den sich selbstseine Mutter vergebens verwendet hatte; nur durfteChasot 8 Tage lang nichts von diesem Vorfalle erzählen,um seine Mutter nicht zu beleidigen. Friedrich schriebspäter an Ludwig XVI. , ihm auch die Söhne Chasotsfür seinen Dienst zu überlassen, was dieser mit den ver-bindlichsten Ausdrücken gestattete. Nicht minder warendie Wortführer, selbst derkerndeutsche" Möser , imBanne französischer Cultur, selbst der Dichterheros Goethe schätzte diewestlichen Cultureinflüsse" höher als Lcssing,der in seinen literarischen Anfängen von Voltaire , beidem er Sekretär gewesen war, auf einer Unredlichkeitertappt worden war und deßhalb die französische Literaturüberhaupt später bitter bekämpfte.

Ebenso nnhistorisch als die Keuschheit der Liieret!«und die des Königs Ludwig Xlll., das Ei des Colninbiisund Schwcppermanns oder die Opferung der 100 Ochsendurch Pythagoras ist der Wahn, Goethe habe je irgendwelchen gesteigerten nationalen Empfindungen sich zu-gänglich gezeigt. Der Apollo vom Belvcdcre oder eineandere schöne griechische Statue waren für seinen aus-geprägten Schönheitssinn werthvoller als der Held, welcherNapoleon 1. aus Deutschland vertrieben hat.

In seltsamer Wechselwirkung waren die russischen Publicistcn zur Zeit der zweiten Katharina von einermerkwürdigen Abneigung, ja theilweise Idiosynkrasiegegen Frankreich ergriffen, so v. Wisin, der bedeutendeSatiriker, dem eine scheinheilige Entrüstung über diefranzösischen lettras cie oaostet schlecht ansteht, ebensoder an schwärmerischem, melancholischem Wahnsinn leidendeDichter Karamsin , welcher die Gcßner'schen Idyllen in'sRussische übersetzte, alle Reliquien, die auf Klopstock undHallcr Bezug hatten, in ganz Europa sammelte und beideren Anblick stundenlang weinen konnte, oder Kntnsow,der Klopstock's höchst langweilige Messiade mit rührenderAusdauer übersetzte. Von der französischen Literaturbeeinflußt zeigte sich nur der Begründer der russischen Literatur, Kantcmir, ein geborener Türke, und Lomonosoff.

Nach der zweiten Theilung Polens wurden die Be-ziehungen zwischen Rußland und Frankreich immer ge-spannter. Agenten der französischen Jacobiner, so derunglückliche Charles Roqnct, den das russische Ma-dalinski'sche Corps gefangen nahm, verbreiteten Pam-phlete gegen Rußland allenthalben in Polen , fordertenzu Revolution und Attentaten auf, so in der BroschüreXil äesparamäriirE; ja im November 1795 entwarfenEllas Treno und Casimir de la Röche, geborene Fran-zosen, den Plan einer polnischen Legion unter französischerTrikolore, ohne damit Erfolg Zu haben; die bei denpolnischen Wirren gefangenen Franzosen, so früher Chossyund Salibcrt, wurden schonungslos massacrirt; denbeiden letzteren vermochte auch Voltairc's Fürsprache nichtzu helfen.

Die nun folgende Geschichtspcriode, solvcit sie hierintcressirt, wird gekennzeichnet durch zwei Namen, Na-poleon I. und den russischen Zaren Alexander I.,die glänzenden Verfechter von Principien, die sich dia-