Ausgabe 
(2.10.1897) 57
 
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metrcil entgegenstanden: der eine der Vertreter des mo-dernen CultnrstaatcS, der andere der Vertreter oriental-ischer Despotie an der Spitze eines Riesenstaatcs, dessenElend in 100 Sprachen zum Himmel schreit. Daß zweisolche Männer sich auf's Blut bekämpfen mußten, istklar, und es kann nur einem Geschichtsforscher wieVandal, der jener Species von Gelehrten anzugehörenscheint, die noch beweisen werden, daß die Sonne grün,der Mond blau ist, im Ernst einfallen, zu behaupten,Napoleon I. und Alexander I. seien gute Freunde ge-wesen, natürlich im .Herzen; nach außen habe man diesnicht gezcigt^--was allerdings richtig ist. Denn der ver-nichtendste Schlag traf Rußland gerade durch Napoleons Fcldzug, wenn er auch unglücklich verlief; er verpflanztedie revolutionären Ideen der französischen Soldaten undOffiziere nach Rußland, wie auch wiederum in Frankreich gefangen gehaltene Russen später die neuen Theorien mitder Begeisterung frischgewounener Adepten in Rußland verbreiteten.

Wie groß allein mag der Antheil des französischen Geistes an dem Decabristenaufstaud in Rußland gewesensein? Schon die beiden Eharaktcrc schließen in sichdie größte» Gegensätze. AleMider I., der Federball vonMinistern und Hofschranzen, der mit alten Weibern beteteund mit jungen buhlte, der ewigen Frieden zwischen denFürsten haben wollte, aber ewigen Krieg zwischen denVölkern stiftete, der eine heilige Allianz gründete, dieeine sehr schein- und nnheiligc zn nennen war, der gernefür Europa den Vormund spielen wollte als Nnivcrsal-monarch, ohne jedoch im geringsten ein Universalgenie znsein, außer in der Anwendung des Knnteiisysieins;Alexander I., ein maßlos jähzorniger, ausschweifender,krankhaft reizbarer Monarch, der schon in Wuth gerietst,wen» er an Napoleon I. erinnert wurde und unterandern deßhalb seinen Günstling Oberst von Bartholoma'tin Ungnade fallen ließ, derselbe Alexander I. wurde wegenseiner Siege über die Franzosen von den Russen genannt:»der Gesegnete", derweiße Engel", der dieGalliersammt den 22 verbündeten Nationen von der Erde desheiligen Rußland vertrieben habe". Die Preisgabe undEinäscherung Moskau's durch die Russell selbst, dieserAkt von stupidestem Patriotismus, wurde noch lange alsnationales Fest in Rußland gefeiert. An allen russischen Poschäusern konnte man bis 1860 und später Scenenaus deut Franzosenkriege sehen: Franzosen spießenKinder auf und braten sie am Wachtfeuer und ähnlicheBarbareien, die im Gegentheil den irregulären russischen Truppen, welche die Regierung wider alles Völkerrecht1812 gegen Napoleon aufstellte, nachgesagt wurden.

Die erbeuteten französischen Fahnen waren noch1830 in den russischen Kirchen zu sehen, weßwegen auchder französische Gesandte in Petersburg, Herzog vonÄortemart, da er sich deßwegen weigerte, dieAasam'fchr Kirche zu besuchen, bei Zar Nikolaus in Un-gnade fiel.

Nach neuesten historischen Forschungen kann übrigensfür die Einäscherung Moskaus, mit welcher der National-- russe sich heure noch brüstet, nicht einmal der Entschuldigungs-grund der Vaterlandsliebe angeführt werden. Moskau wardamals das liberale Centrum Rußlands, die HoffnungNapoleons I , die unbotmäßigste Stadt des russischen, Reiches.*) So waren die Bauern des benachbartenFleckens Star« ja Rogatschef bereit, die Franzosen

Babel E.Rußland in der neuesten Zeit".

im Triumph zn empfangen, welche Ovation indessenvereitelt worden war. Um die liberalen Ideen in Ruß-land zu Boden zu schlagen, war ein Schlag gegen Moskau seit langem geplant.

(Fortsetzung folgt.)

Die Bedeutung der christlichen Knust gegenüberdem Naturalismus und Judifferentismus.

(Stenogramm der Rede des Lycealprosessors Dr.Schlecht-Dillinge n, gehalten auf dem Katholikentag in Landshut.)

( Schluß.)

Gestatte» Sie, meine Herren, daß ich dem Studiumder Natur ein anderes gegenüberstelle, das meines Er-achtcnZ in unseren Tagen viel zu sehr vernachlässigt wird:es ist das Studium unserer großen alten Meister, unsererdeutsche» Künstler, die so innig empfunden, die so gläubiggedacht, die so keusch und fromm gemalt, so daß, wennwir vor einem solchen Bilde stehen, wir die Hände faltenmöchten und niederknien zum Gebete. Gar oft suchennur vergeblich den Namen dessen, der das Werk geschaffenhat. so daß man ganze Cyklen von hervorragenden Tafel-bildern nur so benennen kann, daß man sagt: Es ist vomMeister des Todes Marin, oder eS ist von: Meister derLyversberger Passion. Aus diesen Werken klingt es jetztnoch: uon uobü, ckomiuo, uon nodi«, sock nowini tuo cleixflorimn! Wie ganz anders heutzutage! Die Bescheiden-heit der Künstler steht oft in umgekehrtem Verhältniß zuihren Lcistnngen, und bei manchen modernen Bildwerkenist der mit großer Sorgfalt in Lapidarschrift angebrachteName des Künstlers das einzige, aus dem man klug werdenkann. (Bravo !) Meine Herren, ich könnte nun fchließen,und Sie würden sagen:Der hat nun einmal eine tüchtigeStrafpredigt gehalten für unsere Künstler, die wir ihnenvon Herzen gönnen," allein das verehrliche Lokalcomitckscheint nicht dieser Ansicht zn sein, denn es hat mir denAuftrag gegeben, zu sprechen auch über den Jndifferentis-ums, die Theilnabmslosigkcit des Publikums. Es bekundetdamit wobt die Meinung, daß es mit dem bloßen Räson-niren nicht abgethan ist: es soll auch auf diesem Gebietbesser werden, und wie, Gott sei Dank, in den letztenJahren die christliche Wissenschaft angefangen hat, Siegezu erringen, so soll auch der katholische Gedanke das Ge-biet der Kunst zurückerobern. (Bravo !) Auf welchemWege ist nun aber das zn erreichen? Etwa dadurch, daßman Gottes Wasser über das Land laufen läßt und sichdenkt: Mögen diese Künstler schaffen, was sie wollen, diegehören zn den Unverbesserlichen, und wir können sie nichtbekehren. Nein. meine Herren, auch das ist ein Cultur-gebiet der Kirche, ihr zugesprochen durch tausendjährigenBesitz und verbrieft durch die herrlichsten Urkunden, undwenn ihr Einfluß hier geschwunden ist, so müssen wir ihnzurückzugewinnen trachten. Meine Herren, wer die künstler-ischen Bestrebungen der Neuzeit mit Interesse verfolgt,wird in denselben manchen gesunden Gedanken finden,der sich wohl in den Dienst der ewigen Wahrheit stellenläßt. Es wäre vollständig verkehrt, sich ihnen gegenüberablehnend zu verhalten, und ich sehe im Vertrauengesagt gar keine so große Tugend darin, wenn mancherHerr Confrater sagt: In Kunstausstellungen gehe ichprincipiell nicht hinein, da ist ja nur Schund darin.Meine Herren, so ein Urtheil ist ja recht fromm, alleines zeugt nicht von rechtem Verständniß für die Bedürfnisseunserer Zeit, im Gegentheil möchte ich dringend auffordern,die Werke und Ateliers und Ausstellungen unserer Künstlerzu besuchen, namentlich derer, die auf religiösem Bodenschaffen, denn Sie werden selber davon gewinnen, und dieKünstler werden großen Dank dafür wissen. Es hängtdas zusammen mit einer anderen Ansicht, die heutzutagesehr verbreitet ist, daß Kunstkenntniß und Kunstverständ-niß jedem Menschen angeboren sei. Die Kunst ist Sachedes Geschmacks, und niemand will schlechten Geschmackhaben. Wer aber den Künstler bei seinem Schaffen be-trachtet. der wird recht bald finden, welch' eindringendes,aufmerksames Studium dazu nöthig ist, um dem todtenStein Leben einzuhauchen, um das Ungeahnte, das Hohe.kaum Aussprcchliche zum (Ausdruck zu bringen. Wennwir uns mit dem Künstler persönlich benehmen, wenn