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wir die Ideen keimen lernen, die ihn beschäftigen, dieMittel, mit denen er arbeitet, wenn wir sehen, unterwelchen Bedingungen ein Kunstwerk entsteht, dann be-kommen wir allmählich künstlerischen Blick und künstler-isches Urtheil, dann werden wir keine Anforderung an denKünstler stellen, wie es thatsächlich geschehen ist von einemAuftraggeber, der ein großes Kreuz bestellte mit demKruzifix vorne und hinten, damit die Leute auf beidenSeiten beten können. (Heiterkeit!) Deswegen, meineHerren, haben unsere Generalversammlungen seit vielenJahren immer und immer wieder dem Klerus, der sichvor allem dieser Aufgabe erinnern muß, nahegelegt, dieKunst und die Geschichte derselben gründlich zu studiren.Wenn das von jeher geschehen wäre — in unseren Tagenwird ja darauf Sorge gelegt —, wären gewiß so mancheRestaurationen nicht zu dem geworden, was sie sind,nämlich wahre Verwüstungen in den Kirchen, indem imInteresse einer falsch verstandenen Stileinheit, eines ein-seitigen Purismus alles Alte einfach beseitigt worden ist,was man an anderen Stellen gewiß doch recht gut hätteverwenden können als ein Denkmal frommen Sinnes unsererVorfahren, das uns sagt. daß vor Jahrhunderten an dieserStelle Menschen gebetet und Gott verehrt und ihm dashl. Opfer dargebracht haben. (Bravo !)
Es ist richtig und gereicht besonders dem Klerus zurEhre, daß in unseren Tagen so außerordentlich viel ge-schieht für Erneuerung, auch für Neubauten und Neu-anschaffungen in den Kirchen: es sind riesige Summen,welche für diesen Zweck in der letzten Zeit ausgegebenwurden. . Wie kommt es nun, daß trotzdem die christlicheKunst hievon keine kräftigen Impulse erhalten, daß geradedie religiöse Kunst bis vor kurzem sich nicht im Auf-schwung, sondern im Niedergang befunden hat? MeineHerren, daran ist zum guten Theil Schuld die kapitalist-ische Produktionsweise unserer Zeit. Alan hat die Bautenund Restaurationen sozusagen ohne die Künstler ausge-führt, man hat sie einseitig ganz in die Hand von Unter-nehmern gegeben, die Alles zu machen versprachen, vomKircheuban bis zum gemalten Fenster und Altartnche,während sie vielleicht nicht einmal die Flügel einesEngels an die Wand malen können, die sich Kräftecngagiren und dafür entsprechend oder auch nichtentsprechend entlohnen und sodann den Künstlerhcrabdrücken zum Lohnarbeiter; denn welches Interessehat er an einem Werke, von dem er vielleicht gar nichtweiß, wohin es bestimmt ist, nie wird sein Name dabeigenannt, und seine Persönlichkeit kommt dabei iu keinerWeise zur Geltung. Künstlerisches Schaffen setzt aberdoch voraus die höchst freie, selbstständigc Thätigkeit derPersonen. (Bravo !) Ebenso ist es, wenn man etwasbedarf für eine Kirche. Man geht zu diesem vielseitigereMann, denn er hat die Sachen schon fertig auf Lager.Da stehen Altäre, Leuchter, Statuen, Bilder, Fenster,Paramente, man sucht sich das Passende oder auch Un-passende heraus und sieht natürlich auch daraus, daß manfür wenig Geld möglichst viel erhält. Daß es au Ortund Stelle nicht zusammenstimmt, daß es nicht zum Stilder Kirche paßt, daß es gewöhnliche Fabritwaare auselendestem Material ist, das bedenkt man in der Regelerst nachträglich, wenn mau das Geld ausgegeben hat undnicht mehr zu helfen ist. Das sind Mißstüilde, die schonseit vielen Jahren beklagt werden. Es ist ja in unserenTagen namentlich Dank dem Drängen unseres unvergeß-lichen Reicheusperger, der fast aus allen Generalversamm-lungen diese Uebelstände brandmarkte, auch ans diesemGebiete erfreulicher Weise besser geworden. Aus derGeneralversammlung in Mainz wurde die deutsche Gesell-schaft für christliche Kunst gegründet, und ist dieselbe auchm erfreulichem Aufblühen begriffen. Meine Herren, inihr sind Künstler vereinigt, die noch etwas Höheres kennenals den öden Naturalismus, die von den- edelsten Be-strebungen durchdrungen sind, sich ihre Ideale zu be-wahren, die Ideale des Christentlnuns. Diese Männerverdienen nicht bloß die Unterstützung, daß mau ihrer Ge-sellschaft beitritt, sondern auch noch eine andere Förderung.Sie wissen, daß mitdcn Generalversammlungen in München und Dortmund Ausstellungen der Gesellschaft verbundenwaren, die Kunstwerke jeglicher Art repräsentirten. Siezeugten von wirklich künstlerischer Begabung und originellerKraft, sie bewiesen die Möglichkeit, die Fortschritte derheutigen Technik und Methode mit christlicher Auffassungzu vereinigen, sie wurden bewundert, gelobt und sind dann
unverkauft wieder in die Ateliers zurückgewandert, ausdenen sie gekommen.
Das ist nicht sehr ermuthigend, meine Herren. Einvielgenannter neuester Maler wirst auf ein StrcifcheuLeinwand einen übermüthigen Bacchantenzug, hängt ihnin die Ausstellung und erhält 10,000 Mark, unsereKünstler decoriren mit Arbeiten voll heiligen Ernstesnach jahrelanger Mühe ihre Wände.
Haben wir wirklich unter uns keine Leute, welche dieMittel besitzen, ein christliches Kunstwerk zu erwerben?Ich habe nur eine Erklärung dafür, das mangelnde Ver-ständniß und die Theilnahmslosigkeit des Publikums.
Da wird für ein junges Paar die Aussteller mitgroßem Geschmacke ausgewählt, für Schränke und Tischetheures Geld ausgegeben, japanische Schirme und Fächer,chinesische Nippsachen, indische Teppiche und iveiß Gottwas sonst noch gekauft; aber fällt es diesem Pärchenein, für ein Heiligenbild oder eine Madonna ein vaar-hundert Mark daranzusetzen? Vielleicht erinnern sie sich inletzter Stunde, daß doch auch ein Kruzifix in's Wohnzimmergehöre — das lassen sie sich im Ausstattnugsgeschäft alsDareingabe schenken, oder kaufen es für ein paar Markbeim Porzellanhändker!
In jedem besseren Bürgershausc, auch bei uns Ka-tholiken, muß auf dem Tische irgend ein illnstrirtes Pracht-werk liegen. Aber was finden Sie da? Schiller und Goethe,Scheffel und Hamerling iu den bekannten Prachtaus-gaben ; aber Sie dürfen 100 Familien besucht haben, ehe Sieetwas Katholisches treffen. Doch ich komme da in einGebiet, das ja gestern Herr vr. Huppert gestreift hat.Ich mächte seinen Worten nur beifügen, daß es für ka-tholische Jllustrationswerke nicht an tüchtigen Künstlernund Zeichnern fehlt, wohl aber an Verlegern. Die Ver-leger jedoch schieben die Schuld wiederum auf die Theil-nahmslosigkeit des Publikums.
Meine Herren, wenn wahre religiöse Kunst wiedereingezogen sein wird, nicht bloß in die Kirche, sondern indas christliche Haus, — dann erst werden diese Klagenund Anklagen verstummen.
Meine Herren, ich komme zum Schluß! Ich möchtedie Aufforderung und herzliche Bitte au Sie Allerichten, sich warm der Interessen der christlichenKunst anzunehmen, die Kunstfreunde dadurch, daßsie, soweit möglich, die Künstler unterstützen, dieKünstler, indem sie ihre Kunst in den Dienst des Aller-höchsten stellen. Wenn man heutzutage sagt: I'art pourl'art, d. h. die Kunst ist sich selbst Zweck, ihre Bestim-mung ist lediglich zu ergötzen und zu zerstreuen, so sagenwir dagegen: Nein, sie ist zu Höherem berufen. MeineHerren, jene Worte,.die in großen Lettern über unsererFesthatte stellen, sie sind auch die rechte Inschrift über denTempel der Kunst: Omnia aä maiorom äei xloriam.(Bravo! ) Auch die Kunst soll wirken zur Ehre Gottes,sie soll einstimmen in das Lob, das ihm alle Kreatur dar-bringt, oder wie der unvergeßliche Overbeck es ausdrückt:„Mir ist die Kunst gleichsam eine Harfe Davids, ans derich allzeit Psalmen möchte ertönen lassen zum LobeGottes." Möchte jeder Künstler diese Worte zu denseinigcn machen und sich losringen vom Niedrigen undGemeinen, vom geist- und zeitlosen Naturalismus, undvor dem Thron des Allerhöchsten emporheben und dieGeheimnisse, die er da geschaut, mit lauter Stimme derMenschheit verkündigen, ein jeder in seiner Zunge, inseiner Weise, in seiner Eigenart. Ihre unerlchopflicheGestaltungskraft, ihr überquellendes Leben offenbart sichgerade in der Mannigfaltigkeit der künstlerischen Stile.Der Mönch aus der Zelle mag dem Jünger AlbrechtDürers die Hand reichen zum Bunde, aber in allen lebeein Geist, der Geist des Glaubens und der Andacht:Omni» all maiorom clei tzloiäam. Jeder, der mitwirkenwill hiezn, ist uns herzlich willkommen: der gottbegnadetcKünstler mit seinem Werke, der Laie mit seine.:: Interessefür Unterstützung der christlichen Kunst. Wenn nur inbrüderlichem Vereine zusammenwirken, die chri'fti i e ft-Mczu fördern und zu unterstützen, dann wird auch »>,s tststmGebiete die Cnlturmacht der Kirche zur Geltung lammen,und tvic für die Wissenschaft eine neue, bessere Feit be-reits angebrochen ist, so wird bis zur Wende des Jahr-hunderts sicher auch die Morgenröthe einer neuen Aerader christlichen Knust erglühen. (Lebhaftes Bravo!)