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Und sie hätten alle Völker zu Bestärken»Und alle Erdenkönige zu Freunden:Sämmtlich seien sie wider uns;
Dennoch hälfe sie nichts ihr Prahlen: —Der Herr streitet wider sie.
Mit einem Hauch seines MundesVerweht er sieHin auf immer.
Ich will sie werfen, spricht der Herr,
Ich will sie strafen, spricht der Gerechte.Und er recket seinen Arm,
Hält an seinen Odem ein wenig —Vernichtet liegen am Boden die Feinde."
„Der Herr redet: Hört, ihr Völker allumher!Ich will nicht, das; einer kriege mit Muthwill'Und trachte nach des andern Land und Eigen!"
Gott zu Ehren will er wirken: so gelobt er, alser seinen Soldatenbernf verlaßt, unschlüssig wegen derZukunft (S. 42):
„O Herz, vom Schlummer anferwacht.
Wie willst dn's weiter führen?
Hier oben in des Parkes PrachtDie Hirsche nach dnrchäster NachtIm Grase kaum sich rühren.
Doch unten im bewohnten ThalHörst du Gepoch erschallenVon harter Arbeit allzumal.
So triff denn du auch deine Wahl, —
Doch lass' sie Gott gefallen!"
Ihm ist gewiß, daß das Leben nicht auf Rosenbettet: aber er ergibt sich nicht dem feigen Pessimismusoder verzweifelndem Skepticismus, sondern vertraut undhofft auf den alten Gott (S. 156):
„Der Gott , der Sonnen kreisen läßtUnd hält den Halm im Sturme fest,
Dir nah', doch nie zu schauen.
Er wird nicht immer betten dich.
Doch aus der Noth erretten dich.
Du darfst ihm wohl vertrauen."
Und als er sich nun endgiltig dem Berufe des
Dichters ganz hingibt, da tastet er nicht nach dem Ge-schmacke der Zeit, feilscht um die Gunst der Mode,sondern ruft zu Gott vm Weihe und Kraft der
Wahrheit.
Aber Greif wendet sich nicht bloß in einzelnenGedichten an Gott: seine Lyrik ist durchwoben mit
gläubigen Stoffen; Ostern, Pfingsten, Weihnachten er-
wecken in ihm fromme Gedanken; wir können keinKirchenlied neuerer Zeit, das Greifs „Ncujahrsgesang"(S. 154) an Einfachheit und Innigkeit gleichkäme.
„Preis dem Starken in der Höhe,
Der aus sich da§ Schicksal lenkt.
Alles Glück und alles WeheGnädig uns voraus bedenkt.
Er bestimmt das Maß der Zeiten.
Und er ordnet Fahr für Fahr,
Was die Monde vorbereiten.
Macht er keinem offenbar.
Nnhmgewaltig herrscht er morgen,
^ Wie er Heine hochgeoent.
Nichts besteht, daS ihm verborgen,.
Und kein Werk hat ihn gereut." ...
Anstatt ferner in süßlichstnnlichcn Strophen aber-taiistndmal die „ferne" Geliebte zu apostrophiern oderras Elend der Gasse und Hütte in den sattesten Miß- !färben breit auszumalen, liebt es Greif, die religiösenWorstelluügcn, Bräuche und Sagen des Volkes dichterisch»s verlcmicheii. So singt er von der Martcrnng der!
hl. Barbara, dem Pilatusthurm, von dem Knaben, dervor einem Bildstöcklein mit Jesus und Maria Toll-kirschen opfert:
^Du magst den Willen haben.
Wenn sie auch giftig sind;
Die Herzen, nicht die GabenSieht an das Jesuskind" —
und so noch genug.
Wollten wir den religiösen Dichter in seinen Dramenverfolgen, würden wir noch genug der schönsten und zartestenStellen hersetzen müssen. Greif ist eben auch hier deroffene, rückhaltlose Mann, der auch der Bühne keine Con-cessionen macht. Daher verfolgt ihn auch auf diesemGebiete Mißachtung und Uebergehnng. Wir führen nurnoch das schöne Gebet der Agnes Bern au er aus demgleichnamigen Trauerspiel (1894) als Probe an:
„Ich grüße dich, Maria, dich, du Magd des Herrn,
O Mutter voller Gnaden!
Du gleichst im Thau dem Morgenstern,
Wann Thränen mich beladen.
Ich grüße dich herzinniglich,
Maria, dort, ich grüße dich!
Ich grüße dich, Maria, dich zu jeder Zei'.
Du seligste der Frauen!
Du scheuchest allen Kummer weit,
Drumm will ich dir vertrauen.
Ich grüße dich, Maria, dich, wo ich auch bin.
Äü Königin der Milde!
Ich weiß, mein Ruf dringt zu dir hin,
Knie' ich vor deinem Bilde."
„Greif hat als Lyriker von den jetzt in Deutschland schaffenden die kräftigste, die einzige an Genialität reichendeBegabung", gesteht Aveuarius, einer der ehrlichstenund feinsinnigsten Kritiker unserer Tage, unumwunden zu.Es ist an uns, einen solchen Dichter allen Aufgeklärtenund Modernen zum Trotz zu hegen und zu fördern.
vr. St.
Die deutsch -französischen Allianzen
im 18. und 19. Jahrhundert.*)
Lange bevor Rußland , heute noch ein Zwitlcrstaataus Asien und Europa , sein starres Chineseiithnm zumildern begann, erregte sein rapides Wachsthum undseine conseqncnte Politik die Besorgniß der Nachbar-staaten. Kaiser Maximilian I. schrieb an den deutschenOrdensministcr: „Die Integrität Lilihaucns ist noth-wendig zum Wohle Europas; die Größe Rußlands isteine Gefahr." Z Achnlich äußerte sich Herzog Alba ineinem Schreiben am 18. Juli 1571 an den Reichstagzu Frankfurt. Aber erst mit der Kaiserin Katharina II. nnzüchtigcii Angedenkens, deren despotischer Herrscher-glanz sich an Lcichenfackeln entzündete, erst mit ihr, derHenkern; Polens , entstand die akute russische Gefahr fürden europäischen Westen. Die Nachfolger Peters desGroßen, zumeist schwächliche, im Geiste finsteren Kal-mückcnthnms befangene Regenten, verhüllter die Barbareiund trostlose Unwissenheit ihres Volkes dem Auslandegegenüber in einem Schleier echt orientalischen Dünkelsund stolzer Jsolirnng. Katharina II. , dieser zweite Bandvon Messalina und Locnsta, der römischen Massenmörderin,dieses Weib ohne Weiblichkeit, diese Christin ohne Christen-thum, die wohl auch, wenn sie die orthodoxe russischeGeistlichkeit düpiren wollte, barfuß von Moskau nach