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> ebensoviel von der Schrift als die Gans vom Psalter".Zugleich erneuerter seine Appellation an ein Con-cil (vom Jahre 1518) am 17. November 1620:Durch die Schrift wolle er sich überwinden lassen, denn„des Papstes Gewalt steht nit übir noch wider, sondernfür und unter der Schrift" — das kann er nicht genug-sam betonen. Wenn man es so macht, wie der päpst-liche Stuhl es bisher gethan, dann dürfe bald niemandmehr Christum bekennen, denn der Papst Leo X. flieheund verleugne Gott und Gottes hl. Wort, mache sich un-erhörter Gotteslästerung schuldig und sei ein .verstockter,irriger, in aller Schrift verdammter Ketzerund Abtrünniger', ,ein Feind und Widersacherder ganzen heiligen Schrift'. Darum überläßter ,den Papst und allen päpstlichen Haufen dem jüngstenGericht'. — Damit schließt die Appellation. (Im latein-ischen Text, der im ganzen etwas milder gehalten ist,fehlt der Schluß.)
Schärfer konnte Luther kaum noch gegen den Papstvorgehen."
Die „Neue kirchliche Zeitschrift" erscheint in Er-langen und Leipzig ; sie wird herausgegeben von GustavHolzhäuser, Gymnasialprofcssor in München , in Verbind-ung mit Oberconsistorialrath v. Buchrnckcr in München ,den Universitäts -Professoren Caspari, Ewald, Sccberg,Schling, Zahn in Erlangen , dem Kirchcnrath Schlier inHersbruck , dem Consistorialrath Stählin in Bayrenth u. a.
Wir werden kaum irren, wenn wir annehmen, daßPastor O. Uudritz in Reval, der Verfasser der Abhand-lung, welcher der mitgetheilte Abschnitt entnommen ist,mit den angeführten Aeußerungen Luthers nicht allzuunzufrieden ist. Diese unsere Annahme stützt sich darauf,daß er die „unterstrichenen" kräftigen Stellen „unter-strichen" hat, wohl zu dem Zwecke, die Aufmerksamkeitdes Lesers darauf besonders zu lenken. Wir wollen ihndeßhalb nicht tadeln, wohl aber müssen wir rügen, daßer das Schreiben Luthers an den Papst durch Ver-
> schweigen so sehr „gemildert" hat, daß er uns das Ehe-' recht, welches Luther in seiner „mildesten reformatorischeu' Hanptschrift" aufstellt, nicht bekannt gibt. Die „Milde und
Nachgiebigkeit", die Demuth und Wahrheitsliebe Luthers ,die Reinheit seiner Lehre und ihre Uebereinstimmung mitder Heiligen Schrift wäre dann noch sichtbarer zu Tage ge-treten. Doch begnügen wir uns einstweilen mit demGebotenen.
Die Gegner Luthers sind „römische Buben", derPapst der Antichrist, Leo X. ein „verstockter, irriger, inWaller Schrift verdammter Ketzer und Abtrünniger", „einFeind und Widersacher der ganzen Heiligen Schrift".Luther ist zu entschuldigen, weil er das Datum um fast»zwei Monate zurückrückte! Und wenn er anders auSpalatin und anders au den Papst schrieb, so wollte ereben damit darthun, daß er wirklich auch „anders könne"!Er handelte da ähnlich wie der „milde" Mclanchthou.
Am 6. Juli 1530 sagte er dem päpstlichen LegatenCampcggio in Augsburg : „Wir haben kein Dogma,welches von der römischen Kirche verschieden ist". FünfWochen später nannte er in einem mit den anderen säch-sischen Theologen abgefaßten Gutachten für den Kurfürstenvon Sachsen den Papst „einen Antichrist".
Es ist kein Zweifel, Luther und Melanchthou ver-dienen die höchste Anerkennung! Die Schristwortc dürfennur im Sinne Luthers verstanden werden; seine Gegner'„wissen von der Schrift ebensoviel wie die Gans"., Luther „saß in der Schrift", seine Gegner aber draußen,
außerhalb der Schrift, deßhalb war ihm der Brief deshl. Jakobns so verhaßt; denn in diesem stehen die Worte:„Also auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist ertodt an ihm selber". Wie trefflich weis; er Offenb.22, 11 anzuwenden! Warum hat uns Undritz dieSchriftgrnnde nicht mitgetheilt, mit welchen Luther sichvertheidigt hat? Wir wären ihm so dankbar dafür.
Vielleicht möchte einer oder der andere bei sichfragen, weßhalb wir jetzt diese Dinge zur Sprache bringen.Hierauf haben wir zu antworten: vor wenigen Tagenglaubte sich das hessische Oberconsistorium über Schmäh-ungen Luthers beklagen zu müssen; dem Beispiele des-selben folgte sofort die Gcneralsynodc in Bayrenth. Die„Allgemeine Zeitung " vom 23. ds. Mts. erwartet vonder hessischen Staatsregiernng die Zurechtweisung eines„bischöflichen Fanatikers".
Nach lutherischem Bekenntniß ist der Papst derAntichrist, sind seine Glieder oder Anhang des Anti-christs Reich und zu verfluchen! Hierin liegt selbstver-ständlich keine Schmähung des Papstes, der katholischenKirche vor!
Sollten die Mitglieder des hessischen Oberconsistorinms,der bayerischen Gcneralsyuode die Schriften Luthers , dielutherischen Bckenntuißschrifteu nicht kennen? Au die„Allgemeine Zeitung " möchten wir die Bitte richten, siemöge nachweisen, daß die Beschuldigungen, welche „derbischöfliche Fanatiker" gegen Luther erhoben hat, derWahrheit entbehren. Mit bloßen Schmähungen werdenAnklagen nicht widerlegt.
Die deutsch -französischen Allianzen
im 18. und 19. Jahrhundert.
(Fortsetzung.)
Einem solchen Mann - trat die polnische Erhebungentgegen, ihm, der eine Autokratie repräsentiern wollte,die nicht einmal in Persien und China ihre? Gleichenhaben sollte und auch hatte! Man sagt, daß au derNewa, Wolga und Moskwa heute noch Dinge sich er-eignen, die in Europa „unmöglich" gewesen wären. DieMißhandlung und Niederwerfung des aufständischen Polen bietet das „Unmöglichste", das, nm nur vom Araktschcjew-schen Systeme der Militärkolonicn zu reden, an die In-stitutionen der Baktrer und Meder erinnert. Die Krieg-führung lag in den Händen des Großfürsten Constantin,dessen Nohheit schon den Erfurter Congreß in Erstaunengesetzt hatte, und der sich — offenherzig genug — selbstfür unfähig zur Regierung eines modernen Staates er-klärte! Wie rasend durch das fließende Blut wüthete ermit pathologischer, an Iwan den Schrecklichen erinnernderGrausamkeit, deren Schilderung das 19. Jahrhundert cr-röthcn macht.
In diesem Verwüstnngskampf fand Polen die volleSympathie Frankreichs , während Preußen sich fast feind-lich erwies und Englands Sympathie, wie immer, sogroß war als der Prozentsatz von den Erzeugnissen despolnischen Landes und die Furcht, daß diese Abnahme-quelle von den Feinden Polens vernichtet werde. InParis dagegen organisirie sich sofort unter lebhafter An-theilnahme des katholischen Klerus eine Polenpartei,welche sich der Protektion des Franziskaner-PriestersFcrro, des Bischofs Dupanlonp, des Grafen Monta-lembert und nicht minder der französischen Jesuiten er-freute. Mitglieder des freien polnischen Comitos, dessenZweck in Geldsammlnngeu sür die polnischen Emigranten