Ausgabe 
(9.10.1897) 59
 
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bestand» waren: Herzog d'Harcourt, Lafayctte, der Heldzweier Welten, Marquis Noailles, Titlet nnd GrafBranicki. Schon 1831 begannen auch die französischen Logen, so die Prinitv inckivisiblo in Paris nnd Voritrmzu Rauch, sich lebhaft der armen Polen anzunehmen.Die LogeOrient" zn Poitiers stellte unter dem Vor-wand manrerischer Bruderpflicht den polnischen Emissären,die nach Rußland gehen wollten, falsche Pässe aus. Auchder Prätendent Napoleon nahm das Anerbieten der Polen -führer Soltyk, Ostrowski nnd Lcdowicki an, sich an dieSpitze der polnischen Armee gegen Rußland zn stellen;aber soeben war Warschau gefallen?) Auch LucianBonaparte war nebst dem polnischen AristokratenführerCzartoryski und dem edlen Dndley Stnart, einem Eng-länder, zum polnischen Throncandidaten ansersehen. Sokonnte schon 1833 ein polnischer Reichstag in Paris ab-gehalten werden. Auch die meisten polnischen Revolnttons-schriften wurden in Paris gedruckt, so 1861 noch dieSchrift:Exerciren des Sensenmanns" (bei Renou LMaulde). Ein großer Schlag für die Hoffnungen derPolen war der Tod Lafayette's, der seine Epaulettennnd sein Vermögen der polenfrenndlichen Loeiütv äaaökuclcw hinterließ.

Daß Paris , das Asyl der hingeschlachteten Polen,für den Zaren Nikolaus ein Stein schweren Anstoßeswar, ist begreiflich; fast noch mehr regte ihn die Nach-richt von der Julirevolution (1830) in Paris auf. EinigeTage fürchtete man für den Verstand des Wüthenden. Eserging eine Rnstnngsordre an die Armee, die bald wider-rufen, dann wieder erneuert wurde. Der Kaiser war inunbeschreiblicher nervöser Aufregung; eine harmlose Fran-zösin, Vorleserin der Großfürstin, die ihm in jenen Tagenzufällig in den Weg kam, mißhandelte er thätlich undschrie sie an:Ihre Landslente machen schöne Sachen.Diese verdammte Rasse will wieder die Ruhe der Weltstören!" Als er hörte, daß die Grenadiere der k. Gardetapfer kämpfend der Revolution Widerstand geleistet hättenund gefallen seien, rief er aus:Ich wollte jedem vonihnen ein goldenes Standbild errichten!" Das Heer, daser in diesen Tagen inspizirte, rief ihm zu:Paris !Paris !" Einen Beamten, der die Gedichte des Fran-zosen Victor Hugo übersetzt hatte, setzte er ab. Allenrussischen Reisenden ward bei schwerer Strafe der Auf-enthalt in Paris untersagt?") Um den König LouisPhilippe persönlich zr reizen, plante er, seine Tochter Olgamit dem Herzog von Bordeaux zn vermählen, der denTitel eines Herzogs von Moldau bekommen nnd inPetersburg wohnen sollte. Das Projekt zerschlug sichjedoch und störte nicht im mindesten die GemnthsruheLouis Philippe's , der wohlgemuth mit seinem philiströsenRegenschirm in Paris herumspazirte nnd die Wonne derBanquiers und der Großfinanz genannt wurde.Redetdiesen Leuten nicht von Ehre," rief Chateaubriand;dieRente würde um 10 Centimes fallen!" Bald war auchdie letzte Fieberhitze der Julirevolutioncalmirt" worden,nnd eitel Friede herrschte überall; in Preußen und Frank-reich tanzten die reizenden Füße der berühmten Taglionialle leidige Politik hinweg. Es war eben in Deutsch-land jener colossale Umschwung in der politischen An-schauung eingetreten, der in so wenigen Jahren seltenin der Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte zu be-obachten war. Der körperlich nnd geistig etwas mi-

ch Vertheidignugsrede Laity'sdem Gerichtshof zu Paris .

Koschelew's Memoiren.

vom 9. Juli 1838 vor

saubere Turnvater Iahn hatte noch gelehrt, der bloßeUnterricht in der französischen Sprache sei eine Sündegegen den hl. Geist, zwischen Deutschland und Frankreich mühe man einen Urwald, bevölkert mit Elenthieren undAuerochsen (!), pflanzen; Deutschland und Frankreich dürsten sich nnr wie zwei wilde Thiere hinter Menagerie-gittern ansehen. Freilich wurde, der dies schrieb, dergereinigte Eulenspiegel" des (fast verschollenen) Arndtvon seinen Anhängern genannt; lachend geht die Welt-geschichte über ihn zur Tagesordnung über. Eine Sagegeht, er habe sogar ein Haar von Blüchers Schimmelals Talisman gegen die bösen Franzosen bei sich ge-tragen. Und wenige Jahre darauf! Welcher Umschwungin Deutschland! Paris ist das Mekka der Revolution,der Dichter, Künstler, Musiker und Schriftsteller. Mitwelchen Lobcshynmen überschüttet Heine die Franzosen, und mit welch' plumpem Ungeschick secnndirt ihm Börne lWenn es damals in Paris regnete, spannte man inDeutschland allenthalben die Regenschirme auf. Die JenenserUniversität schickte eine Deputation au Louis Philippe, tönende Artikel imWestbotcn" und derRheinischenTribüne" erschienen. Das in Polhpcuschlaf versunkenedeutsche Volk rieb sich schlaftrunken die Augen und schauteverzückten Blickes nach Paris.

Freilich war der preußische Hof, von Nikolaus I. aufgestachelt, etwas unschlüssig, wie er sich zur Juli-revolution verhalten sollte. Friedrich Wilhelm III. liebte,wie der marmorkalte Dichtergreis Goethe, das Vornehm-Ruhige, Aesthetisch-Gclänterte; alle Bewegung und Un-ruhe, jedes Echanffement war ihm verhaßt.Calmiren"war sei» Lieblingswort;calmirt" wurde aber auch dernoch sehr jugendliche preußische Kronprinz, der einenToast auf Frankreich ausgebracht hatte?') Auf Vorhaltdes Königs sagte er, er gäbe 10,000 Thaler darum,wenn er geschwiegen hätte. Ungewiß ist, ob das Projectdes Herrn v. Nagler, welcher aus Anhängern des ver-triebenen Karl X. in Saarlouis, Köln, Trier nnd anderenrheinischen Städten ein eorpo ä'espiouaZs mit Neuigkeits-bureaux errichtete, wo Briefe nnd andere Sendungen derfranzösischen Regierung erbrochen wurden, die BilligungPreußens hatte. Jedenfalls bestand es nicht lange. Diefranzösischen Stimmfnhrer jener Periode wir nennennur den früheren Samt-Simonisten Charles Dnveyrieroder den ritterlichen Sohn Louis Philippe's, welcher deutsche Schriftsteller im Original las waren große Deutschen-freunde, so daß Edgar Qninet, selbst seinem Temperamentnach ein Deutscher, ein BuchI,a, Bontomanis" schreibenkonnte. Heine nnd der gespenstische Amadens Hoffmann,der die romantische Poesie auf den Gipfelpunkt des un-heimlich Grauenhaften und daneben mystischer Verzücktheittrieb, ein Mann, der wie Heine au erotischem Wahnsinnlitt, waren damals die beliebtesten Modeschriftsteller derfranzösischen feinen Lesewelt. Die Minister Louis Philippe's waren alle deutschfreundlich, so besonders der etwas phi-liströse, grundgelehrte Guizot. Nur einmal zeigte er sichgegen die russische Regierung schwach, als nämlich GrafOrlow den Antrag stellte, denVater der Nihilisten",Baknnin, den Fanatiker der Revolution, der auch 1847auf dem Polenbankett in Paris eine große Rede ge-halten hatte, aus Frankreich auszuweisen; Guizot gabnach. Es war dies derselbe Baknnin, der durch seinean Wahnsinn streifenden Theorien alle Verschwörnugs-bünde, die ihn aufnahmen, in Verlegenheit brachte, der

") Rochow, Briefe S. 38 (Leipzig 1871).