Ausgabe 
(9.10.1897) 59
 
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von seinen Anhängern verlangte, sie müßten den Tenfelim Leibe haben, dasselbe, was ein anderer Nüsse,Rubinstein, von dem Musiker verlangte der 1870 diesocialdemokratischen Arbeiter aller Länder zum Schutzegegen Frankreich aufrief.

Um zum Abschlüsse eclatant zu beweisen, wie großdamals in Deutschland das Entgegenkommen gegen Frank-reich war, citiren wir nur dieHalle 'schen Jahrbücher"unter Arnold Ruge's Redaktion; auch Bakunin war uuterdem PseudonymJules Elizard" Mitarbeiter.AllesHeil kommt von Westen, kommt von der MetropoleParis", so lautet ein Artikel;wir Deutsche müssen dentheoretischen Hochmuth ablegen und wahre Franzosenwerden." Die Artikel waren sehr gut gemeint und nochbesser aufgenommen. Zu keiner Zeit im 19. Jahrhundertumgab Paris und die Franzosen ein höherer Nimbus.Selbst Componistcn, die in Frankreich keinen Anklangfanden, wie Berlioz, der geniale Vorgänger Wagners ,der unerhörte Meister der Instrumentation, kamen nachDeutschland , um berühmt zu werden, und Berliozgelang es. Umgekehrt fühlten sich alle deutschen , anWeltschmerz und vielfach auch an Talcntlosigkeit leidendenPrätendenten auf den literarischen oder künstlerischen Par-naß nach demSeinebabel" hingezogen. Selbst RichardWagner , den man für einen Teutomanen halten möchte,wenn er nicht selbst in einem Briefe als sein höchstesIdeal die Versöhnung zwischen Deutschland und Frank-reich bezeichnet hätte, selbst Richard Wagner , der jeden-falls der Pariser Oper und Pariser Einflüssen mehr ver-dankt als mystischem, urgermanischem Götterzauber undden Riesenochsen der Göttin Freya, selbst Richard Wagner pilgerte nach Paris , und lange war er in diesen Venus-berg gebannt. In der Gegenwart sucht umgekehrt dierecht alt gewordene Sarah Bernhardt in Paris ihrenvergilbten Ruhm dadurch wieder aufzufrischen, daß sie,breitspurige chauvinistische Politik treibend, Deutschland meidet, dagegen Rußland mit ihren hysterischen, nn-küustlerischen Fratzen in Entzücken zu versetzen sucht. Esist dies, wie gesagt, kein Symptom der Zeit, sondernnur gewissenloser Gcschästskniff.

Auf diese Art gänzlich isolirt, von Frankreich ge-haßt, von Deutschland beargwohnt, sah Nikolaus I. seineRiesenpläne scheitern, und um das Maß seiner Ent-täuschungen voll zu machen, mußte er noch den Krim-krieg erleben oder vielmehr daran sterben. Ja, Ni-kolaus I. ist ani Krimkrieg und an Napoleon III. ge-storben ! Nicht an Gift oder Dolch oder Arzneien seinLeibarzt von Mandt galt zwar als sein gedungenerMörder nicht an einer unsichtbaren Krankheit, wieman in Rußland meinen sollte, dem klassischen Landeunerklärlicher und seltsamer Todesfälle, wo selbst die festeErde nichts ist als ein beweglicher Theaterboden mit un-sichtbaren Fallthüren, durch die man verschwindet, nein,Nikolaus starb aus Groll über die Niederlage der rus-sischen Waffen.

Der Krimkrieg war aber nicht nur der Nagel zumSarge des Zaren, er war, wie die napolconische Invasion1812 der erste, nun der zweite, erneute Impuls für dieneu erwachende nihilistische Bewegung, die nun keck ihrHaupt erhob. Man kann also die beiden gekröntenNapoleons als die unbewußten Urheber des russischenNihilismus bezeichnen, jener chronischen Krankheit, welcheden russischen, ohnehin von Krcbsgeschwürcn zerfressenenund von tiefgreifenden Leiden durchtobten Riescnleib zuzerfressen droht.

Wer war Napoleon III., der Nikolaus I. zu Fallbrachte? Nach dem Republikaner Victor Hugo , demgroßen Dichter mit den kurzen Sätzen und cnriosen Skd-jektiven, der ein BuchNapoleon der Kleine" schrieb,ein Missethäter der scheußlichsten und niedrigsten Art,der 40,000 Bürger proscribirte, 10,000 dcporlirte,60,000 rninirte, der 25 Millionen aus der Bank stahl,der Meineide schwor, wie ein Gauner sein Mandat er-schlich, das Scrntininm fälschte, der einen mysteriöseilAntheil an einer Goldstangenlotterie hatte, Schacher mitEisenbahnconccssionen t»eb, das Budget durch Ukaseregelte, alle Gesichter schamroth machte, eine knabenhafte,theatralisch eitle Persönlichkeit, ein Hundsf.. ., der sichbenimmt wie eine linkische Somnambules!), ein Enmich,Trödler, mittelmäßiger Flüchtling (sie!), die moralischeCholera, ein kothbeschmntztes Ferkel, der Mann der Fall-stricke, ein Zigeunerkönig." So meint Victor Hugo ; dieWeltgeschichte ist maßvoller, kann aber nicht viel Besseresvon ihm sagen; denn die zweite Hälfte des 19. Jahr-hunderts hat dieser Mann gemacht.

(Fortsetzung folgt.)

Recensionen und Notizen.

Jahrbuch des Historischen Vereins DillingenIX. Jahrgang. 1896.

Das Interesse, das den bisherigenJahresberichten"des Historischen Vereins Dillingen entgegengebracht wurde,wird durch die Publikation vorliegendenJahrbuches"jedenfalls noch gesteigert werden. Ueber 250 Seiten des-selben sind aus historische Aufsätze und die Berichte überprähistorische Funde aus den vom Verein veranstaltetenAusgrabungen verwendet. In denquellenmäßigen Bei-trägen" behandelt Dr. Dürrivächter nach Dilliuger Manu-skripten die Frühzeit des Jcsuitendramas. Mit Rechtbetont der Verfasser, daß es ein Irrthum ist, wenn mandieses Gebiet der Literaturgeschichte, wie es meistens ge-schieht, für öde und unfruchtbar hält. Eine gute Vor-arbeit für eine Geschichte der Universität Dilliugen bietetdie von K. M. Mayer zusammengestellte ssriss rsetorumder Anstalt im ersten Jahrhunderte ihres Bestehens. Indas kunstgeschichtliche Gebiet führt uns A. Wagner inseinem Aus; atze über den Lauinger Maler MathisGernng c. 1500 bis c. 1569 (mit 2 'Bildern desselben inAutotypie und Lichtdruck). Nach Manuskripten derMünchener Staatsbibliothek und der kgl. Bibliothek inStuttgart veröffentlicht M. König die bisher ungedruckte,von Stadtpfarrer Heinrich Lur in Dillingen gehalteneGedächtnißrede auf den Cardinal Peter von Schaumberg .I. Baulicher gibt einen Neberblick über die ehemaligeBenediktinerabtei Echeubrunn. 16721773 war Echen-brunn eine Filiale des Jesuitencollegiums in Dillingen .Dankbar wird von den Historikern der Reformations-Periode begrüßt werden die von Dr. Schröder veranstalteteVeröffentlichung der Correspondenz über die Verkündig-ung der BulleUxnrKs Domino" durch Bischof Christophvon Augsburg. Aus dieser Correspondenz von EndeOktober bis Ende November 1520, die sich im Augsburger Ordiuariatsarchiv befindet, ergibt sich, daß nicht der Bi-schof, wohl aber das Domcapitel, besonders die beidenBrüder Adelmann, principielle Bedenken (Parteinahmefür Luther) gegen die Veröffentlichung der Bulle widerLuther hatten, und daß von letzterer Seite die Verzöger-ung der Publikation, herrührt. Bei Bischof Christoph warfür seine Stellungnahme weder eine Hinneigung zu Luther(Strichele, Roth) noch Eifer für die Reinerhaltung desGlaubens (Veith, Wiedemanu, Haas, Licr) irgendwiemaßgebend; sein Standpunkt war vollständig der einesRealpolitikers. Unter denLlisesllanon" finden sich meistMittheilungen zur Geschichte der Universität Dilliugen.Was die Ausgrabungen betrifft, so tonnten diese, Dankder finanziellen Unterstützung von mehreren Seiten, ingrößerem Umfange als bisher vorgenommen werden undergaben dieselben sowohl auf dem fränkisch-alamanischen

> Gräberfelde bei Schretzheim und in den Hügelgräbern bei

> Kicklingen als auch in der römischen Kolonie zu Faimingen