Ausgabe 
(16.10.1897) 60
 
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16. Oüt. 18S7.

Aus deu Briefen Jansfens an Pfarrer AndreasSchneider in Berngau .

(Fortsetzung.)

G Die Frucht des" innigen und vertrauten Freund-schaftsverhältnisses zwischen Janssen und Schneider bildeteine größere Anzahl Briefe aus der Feder des Frank-furter Gelehrten mit sehr interessantem, zum Theil werth-vollem Inhalt. Sie gewähren uns einen Einblick inJanssens Schaffen und Dulden, seinen edlen Charakter,seine innige Frömmigkeit und sein nicht zu erschütterndesGottvertranen. Die Ehrfurcht vor diesem großen Manne,das Staunen über seine ungeheure Arbeitskraft wächstmit jeder Zeile, die das Auge mit Neugierde zu ent-ziffern sucht. Die mitunter schwer leserlichen Züge, oftin der Eile geschrieben, enthalten so Lemerkenswerthe Be-lehrungen und Aneifernngen zu historischen Studien undAusarbeitungen für die katholische Presse, scharfe Urtheileund feine Kritiken über kirchliche und politische Borgänge,bittere Klagen über die Leiden der Kirche, daß dieselbenbeim Lesen unwillkürlich das lebhafteste Interesse wach-rufen und man sich nur schwer von ihnen trennen kann.Die wichtigsten Briefe stammen aus den Jahren 1870bis 78, einer sehr bewegten Zeit, der Janssen bei seinerregen Theilnahme für die Tagesfragen selbstverständlichnicht gleichgültig gegenüberstand. So bildeten die Kämpfeauf kirchlichem Gebiete, namentlich die Nnfehlbarkeiis-frage und dann der in Preußen beginnende Cnltnrkampf,den Gegenstand seiner tiefsten Besorgnis; und seinesSchinerzes, der wiederholt in den Briefen an Schneiderzum Ausdruck kommt. Doch immer knüpft er die Hoff-nung daran, daß Gottes Hilfe zur rechten Zeit erscheinenwerde. Sein Vertrauen auf Beistand von oben verließihn nicht.

So schreibt er aus Niederrad am 1. Juni 1870seinem Freund:Auf kirchlichem Gebiete verdunkeln sichdie Dinge immer mehr, wenigstens scheinbar. Die Jour-nalisten hetzen immer stärker hüben und drüben, und sodringen die Streitfragen immer tiefer ins Volk. Ausder Schweiz erhalte ich darüber von verschiedenen, gutunterrichteten Seiten sehr traurige Mittheilungen. Donsxroviäeüit."

Die Unfehlbarkeit hatte eben die Gemüther in ziem-lich heftige Aufregung versetzt. Auch in Janssens Frank-furter Freundeskreisen wurde lebhaft über sie disputirt.Besonders aber gericth durch sie ein gewisser Freund vonihm in Wallung.N.", schreibt Janssen am 9. August1870,ist über die Unfehlbarkeit noch aufgeregter wiejemals, und es ist nicht mehr möglich, mit ihm ruhigdarüber zu sprechen. Die Vorgänge auf kirchlichem Gebietgestalten sich nun so, das; ich wohl nicht mehr als ,Schwarz-sehet gelte, wenn ich von Anfang an diese Unfehlbar-keitsfrage als die unglaublichste bezeichnete, von der dieKirche seit Jahrhunderten heimgesucht worden. Am Rheine insbcsonders gehen die Wogen so hoch, daß das Aergstezn befürchten steht. Gott schütze die Kirche."

Im November desselben Jahres schreibt er:MögeMuth und Gottvertranen in uns immer stärker werden.Wir bedürfen dies in einer kirchlich so traurigen Zeitwie die unsrige ist. Nirgends, wohin unser Blick sichwendet, findet er ordentliche Nuhepnnkte, aber man mußin Demuth vor Gott sich beugen."

In einem denkwürdigen Briefe vom 23. Juli 1871

aus Niederrad heißt es über die kirchenfeindlichen Be-strebungen Preußens , welches damals die Altkatholiken zurGründung einer deutschen Nationalkirche verwenden wollte:

Seitdem ich, aus den vielerlei Störungen und An-forderungen des Frankfurter Lebens heilsam befreit, Zeitzur ruhigen Arbeit habe und meine Gedanken aus-dcnken kann, fühle ich mich auch geistig erfrischt und trotzoder vielmehr wegen all der furchtbaren Angriffe gegenunsere heilige Kirche voll gehobenen Glanbensnmthes undgrößter Glanbcnsfrendigkeit, als ich seit lange gehabt.Preußen spielt ein verwegenes Spiel, das schließlich znseinem Verderben ausschlagcn muß. Der Bischof vonMainz hat es doch seit Jahren richtig vorausgesagt, daßvon Preußen aus der eigentliche Kirchenstreit, gegen dendie Wirren von 1837 nur als Kinderspiel anzusehen,werde heraufbeschworen werden. Aber nicht Preußen hatVerheißung, nur die Kirche allein besitzt dieselbe, und deralte Gott lebt noch und läßt sie nicht im Stiche. Mögejeder nur auf seinem Posten stehen, furchtlos, Wennsnoth thut, deu Kampf aufnehmen, aber ihn im rechtenGeiste führen, ihn nur als Mittel betrachten, ugr denFrieden wiederznerriugen. In Frankfurt gehen diekirchlichen Dinge immer krauser, und man hetzt jetzt sogarvon Negicrungswcgen znm förmlichsten Kirchenconflikt.Lvaugelirmutur paupsres. Die weder arm im Geistenoch reich am Guten sind, wollen nichts mehr vomEvangelium hören. Der vierte Stand ist gegenwärtigdas eigentlichste Arbeitsfeld für die Kirche."

Am 30. April 1871 klagt er in einem Briefe:

Wie gerne würde ich andere Arbeiten vornehmen(als die Reichscorrespondenz, die ihm viel Arbeit undSchwierigkeit bereitete), die auch dem Gemüthe Nahrunggeben, wozu ich in dieser in kirchlicher Beziehung soschweren nnd drückenden Zeit tiesinnerstes Bedürfnißfühle. Wie traurig sicht's in dem theologischen Bajn-waricn aus, wo nun allmählich alle Welt, wie ehemalsim scl. byzantinischen Reich, im Glauben Geschäfte machtund man an den vielen neuen Kirchenlichtern, diesbesonders unter den Vatern der Städte, die Wahrheit,daß den Bajuwaren ,gleich nach den; Biere die Religionkommt', von neuem bestätigt findet. Ich galt bei meinenFreunden seit dem Beginn des Concils als Schwarzseher,und nun kommen die Dinge doch noch schlimmer als ichgefürchtet. Gottlob nur, daß kein Bischof brüchig ge-worden, aber die Autorität der Bischöfe hat doch betallen furchtbar gelitten."

Doch Janssens Muth wuchs, als er erkannte, daßdie Gegner mit ihren feindseligen Plänen zur Gründungeiner mit Spreewasser durchsäuerten Nationalkirche schlechteGeschäfte machten und alle Machinationen au der Einheitund Treue der Katholiken einen starken Hemmschuh fanden.Voll Freude schreibt er am 23. Dezember 1871 seinemFreunde Schneider:

Was sagen Sie dazu, daß ich, der so schwarz indie Zukunft gesehen, halber Optimist geworden bin be-züglich der kirchlichen Dinge, trotzdem ich überzeugt bin,es kommt noch Schlimmeres gegen die Kirche alsbisher. Mein Optimismus, wenn ich ihn so nennen soll,gründet sich daraus, daß Episkopat und Klerus und Volkso einheitlich zusammenstehen, wie meiner Meinung nochnie in der Kirchengeschichte. Ich habe besonders die Gütedes bayerischen Klerus sehr unterschätzt. Daß es doch,trotzdem die Regierung den Abfall begonnen, stützt und