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lichen General Tilly zerstört worden, und dieser ka-tholische Feldherr habe dabei mit unmenschlicher Grausam-keit verfahren.
Eine Hauptqnelle dieser Geschichtslüge ist der Dichter-Friedrich von Schiller, dem viele Geschichtsdarstcller ge-treulich ihre Geschichte des dreißigjährigen Krieges nach-geschrieben haben, obschon Schiller von sich selber bekennt:„Ich werde immer eine schlechte Quelle für einen künf-tigen Historiker sein, der das Unglück hat, sich an michzu wenden. . .." Und das soll Geschichte zur Belehrungfür die Jugend sein! Kann aus solcher Quelle die„lautere Wahrheit" geschöpft werden? Gewiß nicht.Die ist auch wohl nicht gesucht worden, sondern einePartei-Darstellung. Es war ein wohlberechneter Plan,nach einer Seite den der neuen Lehre zugethanen, ausder Nachbarschaft herübergekonnncnen Schwedenkönig mitdem Glorienschein großherzigen Martyriums für eine heiligeGlanbenssache auszuschmücken, dagegen den glanbenstrenendeutschen General Tilly, weil er katholisch war und diekatholische Sache vertrat, der Verachtung und dem Hassepreiszugeben,. obschon es Thatsache ist, daß dieser dieSache seines Kaisers und Kriegsherrn mit Hingebungund Tapferkeit vertrat, während Gustav Adolf nichts alsein kühner, eroberungssüchtiger Abenteurer war, welcherseine gutgeschulte Armee an der nördlichen Küste Deutsch-lands gelandet hatte mit der Absicht, den Versuch zumachen, von dem zerrissenen, in sich gespaltenen, seit be-reits zwölf Jahren durch eine beutelustige, ob feindliche,ob freundliche Soldateska ansgesogenen Deutschland eingutes, ihm günstig gelegenes Stück an der Ostsee an sichzu reißen.
Ueber 200 Jahre lang hat der Makel, er habe nichtaus taktischer Nothwendigkeit, sondern schier aus Grau-samkeit, ohne Mcnschengesühl die Stadt Magdeburg durchFeuer und Schwert zerstört und die Bewohner grausamhingemordet, auf dem edlen Tilly gelastet. Erst inneuerer Zeit sind Darstellungen zu Tage getreten, welcheden Beweis führen, daß die Anklage ungerecht, eine bös-willig erfundene Verleumdung ist und der Wirklichkeitnicht entspricht. Im Folgenden sott aus denselben eingedrängter Auszug für unsere Leser gegeben werden, daes ja die nächste Aufgabe dieser Blätter ist, der Un-wahrheit entgegenzutreten, um der „Wahrheit" Eingangzu verschaffen.
Nach dem sogenannten Nestitntionscdiktc, welchesKaiser Ferdinand II. erlassen hatte, nachdem der DänenköuigChristian IV. bei Lütter am Barcnberg gründlich geschlagenwar, sollten die Protestanten alle Kirchen und Güter,welche sie dem Vertrage entgegen nach Abschluß desPassaner Vertrags im Jahre 1852 sich zugeeignet hatten,wieder herausgeben. Die Forderung war ohne Zweifelgerecht, doch wäre es klüger gewesen, sie nicht zu stellen.Bon dem Edikte fühlte sich auch die Stadt Magdeburg an der Elbe schwer betroffen, denn sie sollte ihren Erz-bischof wieder annehmen und die Privilegien, in derenBesitz sie gelangt war, wieder verlieren. Der Branden-burger Prinz Christian Wilhelm, welcher sich alsAdministrator des Erzbisthnms in den Besitz der zumErzstifte gehörigen Ländereien gesetzt hatte, wandte sichmit der Stadt an Gustav Adolf um Hilfe gegen Tilly,welcher ihn vertrieben hatte. Gustav Adolf stand mitseinem Heere nur einige Meilen von Magdeburg entfernt.Tilly, mit der Ausführung des Ediktes beauftragt, be-lagerte in Verbindung mit dem General PappenheimMagdeburg. Gustav Adolf, anstatt die Stadt zu ent-
setzen, sandte den Dietrich von Falkenberg, einenerfahrenen Offizier, um die Vertheidigung zu leiten. Esist mit Recht aufgefallen, daß Gustav Adolf nichts weiteresgethan, um der Stadt zu Hilfe zu kommen. Tilly er-oberte schließlich die Stadt und überließ, wie es damalsKriegSbranch war, dieselbe den Eroberern zu einer drei-stündigen Plünderung. Während derselben brach an ver-schiedenen Stellen in der Stadt Feuer aus, welches sichweiter und weiter verbreitete und allmählich die ganzeStadt mit Ausnahme einiger weniger Häuser und desprächtigen Domes in Asche legte.
Aus der Eroberung und der Weise, wie sie aus-geführt worden, ist nun eine Anklage gegen Tilly er-hoben, welche, wie gesagt, Jahrhunderte lang in pro-testantischen Geschichtsbüchern verbellet und beim Unterrichtin protestantischen Schulen ausgenutzt wird, um Haß gegenKatholisches zu schüren. Daß die Anschuldigung einespätere Erfindung ist und keineswegs aus der Zeit, inwelcher das Ereignis; statt hatte, stammt, ergibt sich auseiner Schrift Otto's von Gnerike, des berühmtenErfinders der Luftpumpe, welcher zur Zeit der Kata-strophe in Magdeburg Nathsherr war und später daselbstals Bürgermeister an der Spitze der Stadt stand. Der-selbe schreibt in seiner „Chronik der Stadt Magdeburg von der letzten Zerstörung der Stadt vom Jahre 1629bis 1631":')
„.Am 18. Mai 1631 sandte Tilly zum
dritten Male einen Trompeter mit der Aufforderungder Kapitulation in die Stadt. Da man aber alleStunden und Augenblicke die Hilfe des Schwcdenkönigserwartete, lehnte man alle Verhandlungen ab. AberGnerike legte die Fortschritte Pappenheims an dem Boll-werke bei der Neustadt als so gefährlich dar, daß manjede Stunde überfallen werden könnte. Darum entsendeteder Rath Gnerike an Falkenberg mit dem Auftrage, dieseskund zu thun. Dies geschah am 19. Mai. Falkenbcrgließ nun den Bürgermeister ersuchen, daß sich der Ratham folgenden Tage, am 20. Mai, morgens um 4 Uhrversammlc, um einen Entschluß zu fassen.
„So geschah es. Der Rath sandte drei Mitglieder,unter diesen Gnerike, zu Falkenbcrg, der in einer be-sonderen Stube des Nathhanses weilte, um mit ihm dieBedingungen zu vereinbaren und mit dein TrompeterTilly's Gesandte hinansznschi'ckcn. Aber Falkenberg fingan zu reden, sagte, daß jeden Augenblick Gustav Adolfvor der Stadt erscheinen konnte, redete weiter und immerweiter, eine ganze Stunde lang, bis der RathsherrGnerike, den die Ungeduld hiuausgetrieben hatte, mit derMeldung zurückkehrte, das; bereits Pappenheims Soldatenin der Fischergasse seien. Falkenberg stürzte hinaus, stiegzu Pferde und eilte in den Kampf, wo er von einerKugel getödtct wurde.
„Falkenbcrg hatte offenbar die Rathsherren irrege-leitet. Denn er wußte wohl, daß Gustav Adolf nichtzur Hilfe käme, da ihm der Schwede am 27. April ge-schrieben hatte: .Wir hoffen, das; ihr Gelegenheit habenwerdet, euch selbst in etwas Rath zu schaffen?
') Bedauerlicher Weise ist die Chronik erst 1860 be-kannt geworden und gedruckt. Der.Herausgeber Hosfmanufand die Chronik in Magdeburg . Später fand sich auchin Berlin ein Exemplar, welches sich jedoch durch größereVollständigkeit von dem ersten Exemplare unterscheidet.In der Magdeburger Ausgabe sind nämlich verschiedeneStellen durchstrichen, welche der Chronist unterdrückt hatte,aus Furcht vor den Schweden , welchen darin die Schuldder Zerstörung zugeschrieben wurde. ..