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Wie aber schaffte Falkcnberg sich und seinem KönigRath? Indem er die Stadt in Brand steckte.Falkcnberg hatte alles wohl vorbereitet. Das Mittelzum Brande war angelegtes Pulver, seine Werkzeugezur Ausführung ein Theil der Schiffskncchte vomElbufer.
„Es fragt sich nun um das Verhalten Tilly's.Dreimal hatte er die Stadt zur llebergabe aufgefordert,aber umsonst. Am 19. Mai hielt er Kriegsrath. AlleGenerale, besonders Pappenheim, drangen auf Sturmam nächsten Morgen, Tilly gab nach mit Vorbehaltdes Signals. Am andern Morgen schickte Tilly demGrafen von Mansfeld die Nachricht, daß er sich andersbesonnen, das; er mit dem Sturm noch warten wolle.Tilly gab also das verabredete Zeichen nicht, obschon esschon sieben Uhr war, denn er hoffte noch immer, seinTrompeter werde mit der Unterwerfung der Stadt zurück-kehren. Zuletzt verlor Pappenheim die Geduld und ließstürmen auf eigene Faust. Der Sturm gelang und ebensoder Sturm der Mansfelder im Süden. Im Nu warensämmtliche Stadtthore vom Feuer ergriffen, und um Mit-tag brannte die ganze Stadt. Die Sieger aber haustenfürchterlich in der Stadt.
„Aber nicht mit Einwilligung oder gar auf BefehlTilly's! Er suchte vielmehr dem gräßlichen UnglückEinhalt zu thun. Als er die Rauchwolken aufsteigensah, ritt er eilends in die Stadt hinein und kam biszum herrlichen Dome, der ganz von Menschen gefülltwar, namentlich von Frauen. Tilly versprach ihnen, fürihr Leben und ihre Ehre zu sorgen, und verordnete eineTruppe zur Bewachung und zum Schutze des Domes.Dann wandte er sich zum Liebfrauenkloster. Tilly riefdem Abt desselben zu, nicht abzulassen, zu retten undsoviel in's Kloster zu führen, als er könne. Darauf ge-langte er zur Dompropstei, bestimmte dieses Gebäude zurAufnahme flüchtiger Frauen und Kinder. Weiter eilteTilly; überall gab er Befehle, zu retten und zu flüchten;denn das Feuer hatte die ganze Stadt bereits erfaßt.Am Abend hob sich erst recht die ungeheure Glnth, dieganze Stadt war ein Flammenmeer. Aoa omnss, stPiilius, Inor^iriLs tunäelmmus. Wir alle, auch Tilly,vergossen Thränen!"
Das ist also die Darstellung eines Augenzeugen,eines Protestanten» eines Mitgliedes des Rathes derschwer betroffenen Stadt. Es liegt in dem Gesagtennicht allein nicht ein Beweis für die Anklage gegen Tilly,vielmehr das gerade Gegentheil. Auch läßt es sich nach-weisen, daß im 17 . und bis tief in's 18. Jahrhunderthinein eine Anklage gegen Tilly noch nicht bekannt ge-wesen ist; keine der Schriften aus jener Zeit, welche überdie Zerstörung Magdeburgs berichten, macht Tilly fürden Brand Magdeburgs verantwortlich. Erst nach dieserZeit ist die Anklage entstanden und die Sage von Tilly'spersönlicher Grausamkeit erhoben.
Wie hat aber die Sage entstehen können? Warum,von wem ist die Anklage erhoben worden?
Neuere Geschichtsforscher machen Falkenberg, denVertreter Gustav Adolf's in Magdeburg, dafür verant-wortlich und behaupten, derselbe habe auf Anweisungseines Herrn das Feuer angelegt und die Einäscherungder Stadt betrieben. Das Verhalten Falkenberg's scheintAllerdings, auch nach der Erzählung Otto's von Guerike,als räthselhaft und unverständlich; ebenso unfaßlich ist es,daß Gustav Adolf der bedrängten Stadt keinerlei Hilfegebracht^Hat.^Wcnn wir aber nach der Darstellung deZ
Geschichtsschreibers Drohsen annehmen, daß das eroberteMagdeburg für Tilly's Plan von großer Bedeutung war,sobald er es möglichst unversehrt in seine Hände bekam,damit es ihm als Stützpunkt für seine weiteren Opera-tionen diene, daß also Gustav Adolf dahin trachtenmutzte, dieses zu verhüten, so liegt es nahe, daß er sichentschließen konnte, die Stadt, deren Eroberung durchTilly er nicht mehr verhüten konnte, lieber selbst zu zer-stören, als in ihr dem Feinde eine wichtige Operations-basis zu überlassen. In solcher Weise sind auch dieWorte verständlich, welche, wie Otto von Guerike be-richtet, Gustav Adolf unter dem 27. April an Falkenberggeschrieben hat: „Wir hoffen, daß ihr Gelegenheit habenwerdet, euch selbst in etwas Rath zu schaffen."Falkenberg hatte alles vorbereitet für die Zerstörung derStadt, dadurch schaffte er Rath. Dasselbe geht auseinem Schreiben hervor, welches der Reichskanzler Oxen-stierna einige Wochen nach der Zerstörung aus Hamburg geschrieben hat, „weil Gustav Adolf die Stadt ohneFeldschlacht nicht entsetzen konnte, hätte er gern gesehen,daß Falkenberg sie in Brand gesteckt habe".
Allerdings durften die unglücklichen Betroffenen keineAhnung davon erhalten, daß sie das Unheil, welches siebetroffen, ihrem Verbündeten, von welchen! sie vielmehrHilfe und Rettung erhofft hatten, verdankten. Darumist vom Anfange an alles angewendet, um den Verdachtvon den Schweden abzulenken. Dazu mußte ihm ins-besondere die Presse dienen, und zugleich, um Tilly fürdie Magdeburger Greuel verantwortlich zu machen undum unliebsamen Enthüllungen zuvorzukommen, wurde derProfessor Sp anheim in Genf mit dem Material zuden gewünschten Berichten versehen. So entstand 1633in französischer (!) Sprache die Schrift: „Der schwed-ische Soldat," worin unter anderem gesagt wird:„Man bemerkt, daß Tilly seit den Magdeburger Greuelnin seiner Unternehmung wenig glücklich war. Und gewiß,wenn das, was man beharrlich von ihm er-zählt, sich bewahrheitet, so darf man sich darübernicht Wundern. Denn bei der Plünderung zeigte er einTigerherz. Als die Seinigcn die außerordentlichen Grau-samkeiten gemeldet hatten, welche verübt wurden, damiter ein Ende mache, antwortete er kalt, man solle nocheine Stunde gewähren lassen, dann solle man wiederkommen. Aber auch nach einer Stunde zeigte er sichnoch immer taub und gebraucht Ausflüchte, bevor er zumRückzüge blasen ließ."
„Wenn das, was man beharrlich darüber erzählt,sich bewahrheitet?" Aber, es ist eben nicht ivahr, daßvon Tilly derartiges beharrlich erzählt sei. Diese Wortedeuten vielmehr an, daß Spanheim, der Genfer Bericht-erstatter, kaum selbst an die Wahrheit geglaubt undseinerseits Bedenken getragen habe, solche Beschuldigungzu verbreiten. Er hatte nur auf seinen AuftraggeberRücksicht zu nehmen. Gleichviel! Im Laufe der Zeitist der verleumderische Bericht Spanheim's als der Wahr-heit entsprechend in die läufigen Geschichtsbücher über-gegangen und durch diese verbreitet worden. Sonderbarnur, daß deutsche Schriften aus jener und späterer Zeit,auch solche von protestantischen Verfassern, über einesolche Tillysage nicht mehr zn berichten wissen. FürDeutschland blieb Schiller Jahrzehnte hindurch die Haupt-quelle und ist es für nicht wenige, welchen sie in dieserForm eben paßt, noch jetzt.
Solche beweisen freilich eine traurige Unkcnntniß deranerkannt gründlichen Erzeugnisse der neueren gcschicht-