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Wen Literatur. Der ebenso regsame und gründliche,wie unbefangene und einsichtsvolle Historiker OnnoKlopp hat in verschiedenen Schriften die Tillysagegründlich behandelt. Daß die Darstellung Schiller's überLilly falsch und unwahr sei, ist darnach nicht zu be-zweifeln. Ferner: der bekannte geschätzte Geschichts-schreiber Nanke, ein Protestant, erklärt es in seiner imJahre 1872 erschienenen „Geschichte Wallcnsteins" als„sehr wahrscheinlich, daß zu dem Brande von Magde-burg von dem militärischen Befehlshaber, einem Deutschenin schwedischem Dienst (Falkenberg), und selbst von denentschiedenen Mitgliedern des Staatsrathcs eine eventuelleVeranstaltung im voraus getroffen war. . ." Ncberallbat die Ueberzeugung, daß nicht Lilly den Brand vonÜllagdebnrg hervorgerufen, sondern daß er durch dieSchweden bewirkt und durch eigene Bürger der Stadtgefördert worden sei, so ziemlich allgemein Aufnahmegefunden, seitdem Albert Heifing in seiner Schrift„Magdeburg nicht durch Lilly zerstört" für diese seineBehauptung ein überreiches Material herbeigeschafft undKarl Wittig in dem Qnellenwerke „Magdeburg ,Gustav Adolf und Lilly" nach reiflicher Prüfung allerDarlegungen und Berichte von Augenzeugen die Ueber-zeugung ausgesprochen hat, daß . . . Lilly „nicht dergrausame Wütherich gewesen, als welcher er zwei Jahr-hunderte hindurch in der Tradition gelebt" hat.
Das Resultat unserer Untersuchung wäre also, daßMagdebnrg nicht durch Lilly, sondern anf VeranstaltungGustav Adolf's zerstört worden ist.
Dr. H. Meurer.
Die deutsch - französischen Allianzen
im 18. und 19. Jahrhundert.
Von V(Fortsetzung.)
Frei von den Bizarrerien seines Oheims, aber auchohne dessen Energie und Kraft, war Napoleon III. einplanloser, ziel- und charakterloser Mensch, jeder feinerenMoral bar. Die Hauptschuld des Unglückskrieges 1870trägt er. Der einzige planvolle und hochbegabte Minister,den er hatte, Drouyn de Lhuys , wurde oft durch Eigen-mächtigkeiten, die Napoleon hinter seinem Rücken vornahm,aus das empfindlichste desavouirt. Oft erließ der Kaiser Manifeste, von denen die Ministerien erst aus den Zeit-ungen erfuhren. *2) Noch 1867 war er daran, eineAllianz mit Preußen abzuschließen, nachdem er 1864Englands Hilfe gegen dieses Land abgewiesen hatte.Nur Thiers verhinderte oft die ganz verblüffenden Zick-zackkurse der kaiserlichen Politik. 1868 noch konnte derChef des Ministeriums, Emil Ollivier , eine Rede halten,worin er der Allianz zwischen Deutschland und Frank-reich auf das wärmste das Wort redete, und kurze Zeitdarnach spielten sich die skandalösen Manöverinsulten ab.Kurz vorher hatte man auch Rußland durch den strengenProzeß gegen Berezowsky geschmeichelt, welcher 1867 inParis anf den Zaren geschossen hatte. So irrte dieserpolitische Uhu planlos im Dunkel der Nacht umher, undseine Politik vermochte nur kleine Mäuse und Wiesel zufangen, aber keinen greifbaren Erfolg auszuweisen. Ja,
2) Leipzig , Dunckcr und Hnmblot, 1872 Anst. 3 S. 148und 149.
etwas Lichtscheues, Eulenartiges klebt Napoleons III.Politik an; er will nicht einmal offen und ehrlich er-scheinen, wie sein großer Gegner Bismarck, der durchraffinirte Ehrlichkeit zu täuschen wußte; seine verschleierten,nicht zu enträthselnden Augen sind das einzige Wahrean ihm. — Noch Mitte September 1869 schien derFriede so gesichert, daß die meisten Regimenter nach Auf-hebung des Lagers von Chnlons nach dem Westen ver-legt wurden. Die Kaiserin reiste damals nach Kou-stantinopel und besichtigte den Harem: in Paris sprachman 4 Wochen lang nur von dem bestialischen sieben-fachen Raubmörder Tropmann; für neue Sensation sorgteder Tod des Sonderlings Saint-Beuve , der in Wuthgerieth, wenn ernnr das Wort „Cultus" oder „Kirche"hörte. Niemand ahnte den nahenden Krieg. Nur dieZeitung „Patric" zeigte sich 1869 prcußcnfcindfich; imselben Jahre wurde unter lebhafter Betheiligung vonFranzosen ein Ncchtshilfsverein für unbemittelte Deutschegegründet. Nur über die Anmaßung evangelischerdeutscher Pastoren, welche mitten in Paris die französischeSprache als unevangelisch und dem Geiste Luthers wider-sprechend in den Schulen ausmerzen wollten, eine aller-dings große Unverfrorenheit, die auch durch plumpe Be-kehrungsvcrsuche sich verhaßt machten, führte Gaidoz imMärz 1870 in der „Ikovuocl'instruetion pndligus" Klage.Wie wenig übrigens heute, noch in jüngster Zeit, dieseArt Arroganz in Paris Anklang findet, bewies voreinigen Jahren der Beschluß fast sämmtlicher Pariser Künstler, zum Acrger der protestantischen Pastoren dieBartholomäusnacht alljährlich in Paris festlich zu be-gehen. Doch wollen wir die Schatten des Krieges von1870, die wir schon heraufbeschworen haben, noch zurück-drängen, um dessen Vorläufer, den dänischen Krieg, inseinen Wechselwirkungen anf Deutschland, Frankreich undRußland zu betrachten. Nur unbedeutende französische Schriftsteller wie de Bouillß, de Bourgoing und Desprczinteressirtcn sich für die dänische Frage; auch waren 1864die größten Pariser Zeitungen: „Le Constitutionel", „LeTemps", dessen Redacteur der Elsässer Ncfftzer war,deutschfreundlich. Auch die Snbscription zu Gunsten derDänen, die 1867 in Paris abgehalten wurde, hatte nichtviel Erfolg; man wußte, wie perfid sich Dänemark gcgcvNapoleon I. bewiesen hatte.
In den Jahren 1860 — 1870 war die StimmungRußlands sehr wenig auf Seite Frankreichs . 1864 anf65 wurde als das offiziöse Organ in St. Petersbnrgsogar die deutsche „Petersburger Zeitung " des verdienst-vollen Mcycr-Waldeck gewählt, nachdem das französische„Journal de St.-Petcrsbourg" fast keine Leser mehrhatte. Eine ergötzliche Geschichte weiß über diese Prcß-vcrhältnisse derselbe Meyer-Waldeck zu erzählen:
Es brach damals in Schweden eine Hungersnothaus, so daß man Brod aus Baumrinde aß. Artikelhierüber kamen auch in russische Zeitungen; der Censor,Herr v. Pencker, beanstandete nicht das Geringste; nurmußte, statt „Schweden", „Frankreich " geschrieben werden.„Denn", so begründete er dies wörtlich, „mit Schweden stehen wir gut; dagegen über Frankreich dürfen wiralles sagen." Als Meyer ein andermal Napoleon III.den Fiebcrstoff im Blut Europa's nannte (politischerBrandstifter wäre der richtigere Ausdruck gewesen), wurdeer zwar dafür gescholten, doch durfte der betreffende Ar-tikel gedruckt werden. Diese und ähnliche Censorenstückchenerinnern an die nikolaitische Zeit 1831, wo das Wort„Polen " nicht gedruckt werden durfte. Daß übrigens