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Aich die Freundschaft zwischen Deutschland und Rußland nicht allzu intim war, beweist, daß 1862 die nihilistischeZeitschrift des L. v. Blümner in Berlin geduldet wurde.Selbst in den Zeiten der scheinbar engsten Verbrüderungschien ein feindseliges Moment sich störend einzudrängen.So bezeichnet das berühmte „Lustlager zu Kalisch' (11.bis 22. September 1835) den Höhepunkt der AnnäherungRußlands an Preußen , das preußisch-russische Aranjucz,wo die Fürsten bei einem großen Manöver zusammen-kamen. Die Preußen glaubten von der Aufnahme ent-zückt sein zu dürfen; aber man braucht nur Tscherny-schew's, eines russischen Lieutenants, Schmähgedicht aufden Preußcnkönig zu lesen, um die russische Vcrstellnngs-knnst als unerhört zu verachten. Das Machwerk, wegendessen der Autor zum Flügeladjutanten ernannt wurde,schildert die Fürsten folgendermaßen:
Den Zaren:
„Wie vom Morgenroth geboren.
Wie vom Himmel selbst erkoren."
Den „deutschen Zaren" dagegen:
„Plump und häßlich, grau von Haaren,
Rotbe Nase, gelb Gesicht,
Riesenmaul und dünne Arme,
Beine, daß sich Gott erbarme,
Schmächt'ge Brust und hohle Backen rc(Fortsetzung folgt.)
Offenes Antwortschreiben eines katholischen Seel-sorgers an einen katholischen, aber wankendgewordenen Freund aus dem Beamtenstande.
Du wirfst in Deinem letzten Brief dem katholischenSeelsorgeklerns — ehrenwerthe Ausnahmen willst Dn jagelten lassen — Förderung des Aberglaubens undder Volksverdummung, Mangel an wissen-schaftlichem Streben und konfessionelle Hetzegegen Protestanten vor, machst die Jesuiten füraltes Unheil verantwortlich wegen ihrer angeblicheinseitigen Theologie und fortschrittsfeindlichen Tendenzen,und meinst geradezu, man müsse sich unter solchen Ver-hältnissen schämen, katholisch zusein; dabei berufstDu Dich auf das Urtheil hervorragender katholischerTheologen, die dasselbe behaupteten und als Fachmännerdoch das alles wissen müßten.
Urtheile nun selber, ob Du recht hast mit solchenVorwürfen! — Um gleich mit den Jesuiten anzufangen,so sind gerade sie es, welche nicht bloß auf theologischemGebiete, sondern in allen Fächern des Wissens mit an derSpitze marschiren. Vergleiche nur deren „Stimmen ausMaria-Laach" über ihre wissenschaftliche Thätigkeit inallernenester Zeit: über Naturwissenschaft und Physik(L. Dressel , Neueste Messung der Gravitalionsconstante),über Erd- und Völkerkunde und Nationalökonomie (?.Schwarz, Der Werth Afrika's, Concurrenz im Welt-handel), über Gesetzkunde und verschiedene Rechtsproblemc(L. Cathrein, Rechtspositivismus u. Socialdemokratie),über Astronomie (?. Müller, Die Sonnenflecken im Zu-sammenhang mit dem Copernikauischen Weltsystem) usw.Und wer hat das Sonnenspektrum erfunden, womit manjetzt die physikalische Beschaffenheit des Sonnenkörperserforscht? Der Jesuit L. S ecchi. Neuestens lese ich. daßdie Jesuiten in Valkenburg (Holland ) für ihre Stern-warte einen Refraktor sich angeschafft, der dein der Ber-liner Sternwarte an Größe nicht nachsteht, an Construktionaber (aus Aluminium) jenen noch übertrifft: sogar in derElektrotechnik zeigen sie sich als Meister. Wie sollte alsoeine Gesellschaft, die so rastlos für allgemeine Bil-dung und Wissenschaft wirkt, die Geister für eineeinseitige theologische Richtung gefangen nehmenwollen und rückschrittliche Tendenzen verfolgen?Das reimt sich doch schlecht zusammen.
^ Und was das wissenschaftliche Vorwärtsstrebeu desWeltklerns betrifft, so ist noch nie soviel für Geschichts-forschung, Literatur, christliche Knust, überhaupt auch für
allgemeine Volksbildung geschehen, wie gerade jetzt. Icherinnere nur au die epochemachenden Werke geistlicherHistoriker wie Janssen, Pastor, des EulturhlstorikersGrupp rc. rc., dann an die uns näher liegenden Special-werke über Diöcesangeschichte, in Franken von Stäm-miger, Braun. Amrhein, in Augsburg vonSteichele usw., au das Kirchenlexikou von Wetzer undWelte, eine wahre Encyklopädie der Theologie und ihrerHilfswissenschaften, das Staatslexikou von katholischenJuristen der Görresgesellschaft, ein Werk, um das unssämmtliche Gegner beneiden. Was ferner die katholischenGelehrten-Congreffe der Gegenwart für alle Zweige derWissenschaft, die socialen Eurse katholischer Priester zurLösung der socialen Frage, die pädagogischen Eurse fürdas christliche Schul- und Erziehnngswcsen. die geistlichenPräsides in den katholischen Gesellen-, Arbeiter-, Lehrlinas-vereinen für allgemeine christliche Bildung und socialenFortschritt leisten, ivird Dir doch bisher mcht entgangensein, sofern Du Dich um diese Dinge kümmertest.
Noch unbegründeter ist der Vorwurf konfessionellerHetze. Wie froh wären wir katholische Geistliche, wennunsere konfessionellen Gegner uns nur überall in Friedenlassen wollten! Wo bringt eine Katholikenversammlungje etwas Verletzendes gegen Andersgläubige? Dagegenkann z. B. der „Evangelische Bund" oder „Gustav Adolf-Verein" kaum ein Fest abhalten, ohne gegen Rom, Papis-mus, Jesuitismus, Meß- und Ablaßkram u. dgl. loszu-ziehen. Es ist der reinste Verfolgungswahn, der anfdiesen Versammlungen manchmal zum Ausdruck kommt;sogar in Berlin , der Hochburg des Protestantismus,fühlen sich die Rufer ini Streite nicht mehr sicher vor denangeblichen Ansprüchen Roms, des Gefangenen im Vati-kan . Sollen denn wir kathol. Seelsorger die Grundsätzeüber die gemischten Ehen heute ganz verschweigen,damit hiutennach unglücklich gewordene katholische Ehe-leute uns für ihr Unglück verantwortlich machen und,wie schon oft geschehen, uns zurufen: warum habt ihruns nicht rechtzeitig hierüber aufgeklärt und gewärmt?Sollen wir das katholische Volk in dem von den Pro-testanten genährten Wahne belassen, als ob zwischenkatholisch und protestantisch kein wesentlicherUnterschiedsei? Was wäre dann die Folge? Daßdie Katholiken, besonders die gebildeten, sich allmähligdem Protestantismus als der leichteren und bevorzugterenReligion zuwende». Der gegen uns Seelsorger aus demeigenen Lager gerichtete Vorwurf konfessioneller Hetzekommt mir im Augenblicke vor wie der Versuch, bei einerausgebrochenen Revolution die könig streuen Be-satzungstruppen zu entwaffnen und in denKasernen zu consigniren.
Nicht urinder unrecht thut mau dem Klerus, wennman ihm Förderung des Aberglaubens vorwirft. Mandarf doch die Ueberspanntheiten einiger französischerKleriker nicht der ganzen Geistlichkeit znr Lastlegen! Die Dämonologie (Lehre vom Dasein und schäd-lichen Wirken böser Geister) ist biblisch begründet undauch von den Protestanten angenommen; der Teufels -mahn jedoch, der überall Teufeleien wittert, hat seinenSitz weder in der Bibel noch in der kathol. Religion,sondern in dem natürlichen Hang kleiner und großerKinder zum Geheimnißvollen, Schauerlichen oderauch Abenteuerlichen. Der Miß-Vaughan-Schwindelund der Schwindel mit dem „verkappten Erzherzog" zuAachen stammen aus einer Quelle. Es sind nicht immerdie Dümmsten, die bei solchen Wahnperioden „einfallen",freilich auch mcht gerade die Gescheitesten. So kam voreinigen Jahren auch über meine Pfarrgemeinde eine der-artige Wahnperiode. Die Nachtwächter sahen nämlichum die Carnevalszeit eine weiße Frau über die Brückeschleichen, und am anderen Morgen hieß es in der ganzenStadt: ein schreckliches Gespenst geht hier um! JederTag brachte entsetzlichere Gerüchte: Bürger Hans be-hauptete steif und fest, der Bürger Kunz habe das feuer-speiende, nach Schwefel riechende grauenhafte Ungethümdurch das Grabengäßchen schweben sehen und sei vorSchrecken fast gestorben. Die Kinder waren bei derDämmerung nicht mehr aus dein Hanse zu bringen undim Hause nicht mehr in das anstoßende Zimmer. DieErwachsenen, selbst die verrufensten Nachtschwärmer,gingen nicht mehr allein, sondern nur in Haufen Abendsaus und eilten, wie ich mit eigenen Augen sah, flucht-ähulich. wie voir einer unsichtbaren Geivalt gejagt, durch