Ausgabe 
(16.10.1897) 60
 
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die Straßen. Sogar die Nachbarorte waren von der all-gemeinen Panik ergriffen, und die Eisenbcchnschaffnerstreuten die schauerliche Märe von dem höllischen Besuchnach allen Windrichtungen. Ich schämte mich, von solchemUnsinn öffentlich auf der Kanzel Notiz zu nehmen, in denSchulen geschah alles Mögliche zur Aufklärung allesumsonst. Erst nach 810 Tagen endete die Wahnperiodc.Es war wie eine geistig moralische Pest, gegen die es keinMittel gibt. Da bekämpfe einmal Einer das Angstgefühleines Nervenkranken mit Vernunftgründen! Uebrigensist Thatsache , daß auch die Ungläubigen nicht frei vonAberglauben sind; sie haben ihre Wahrsagerinnen, ihreKlopfgeister, vor allem ihrer: Spiritismus mit Geister-citationen, das genügt. Wären Deine theologischer: Fach-männer gegen den dummer: Teufel Bitru rechtzeitig, d. i.vor dessen Entlarvung und Errvürgnng durch den fran-zösischer: Erzgauner Taxil, zu Feld gezogen, so hätte ihrVorgehen ja einer: Sinn gehabt; aber jetzt hintcnnacheiner: todten Teufel noch einmal toötzuschlager: und dieschreckhafte Leiche den geistlicher: Arutsbrüderr: an dieRockschöße zu hängen, das ist lächerlich. Ich kam: leiderDeinen theologischen Cclcbritäter: den Vorwurf nicht er-sparen, durch ihre Streitschriften die gebildete katholischeLaienwelt vor: der katholischen Kirche mehr oder wenigerabgedrängt und sonach das Gegentheil von demerreicht zu haben, was sie vorgeblich wollten.Sie Haber: die verleumderische Anklage, welche die ver-einigten Gegner uns Katholikei: schon seit langem insGesicht schleudern, daß wir nämlich eine minder-werthrge Klasse von Staatsbürgern seien undin dem modernen Cultur-staat e:ncn Platz gar-nicht verdienten, als katholisch-theologische Fach-männer vor aller Welt sozusagen bekräftigt und dadurchbewirkt, daß sich jetzt die edelsten und gebildetster: unterdcn katholischen Laien schämen, katholisch zu sein.Du selbst bist mir ja ein Beweis für diese Behauptung.

Aber sollte dein: an den: Vorwurf der Minderwcrthig-keit der Katholiken nicht doch etwas Wahres sein?Warum stellen die Katholiken nicht das entsprechendeEoutiugent zu den Gelehrteucollegien unsererUniversitäten? Gestatte mir, lieber Freund, dieseFrage an Dich zu richten: Warum erzieht ihr ge-bildete Katholrken denn eure Söhne nicht so, daßsie später, zu Aemtern und Würden gelangt, ihrer Kircheund Religion zur Ehre und zum Vortheil gereichen? Ja,warum denn nicht? Das katholische Volk und der Klerusthun ihre Schuldigkeit; die katholischen Seelsorger in Stadtund Land führen durch Ertheilnng von Privatunterrichtden höheren Bildungsanstalten eine erhebliche Anzahlvon Jünglingen zu und haben durchaus nichts dagegen,wenn ihre Zöglinge etwas anderes Tüchtiges werden alsPriester: aber sollen sie denn den Bauern und Hand-werkern befehlen, ihre Söhne v o:: vornherein einemanderen Stand als den: geistlichen zu widmen? Wie sollman denn die Sache da anfassen? Da scheint mir derVorschlag im bäuerischen Reichsrath, für katholische Ge-lehrte Privatdvcentcnstelleu zu gründen, viel'praktischer.Schafft nur einmal die erforderlichen Pferde herbes dieReiter werden dann fchon von selber kommen! Aber gelbstdavon dürfen wir heute nicht zu viel erwarten. Manvergesse doch nicht, daß die katholische Kirche als schärfsteVorkämpfern: der christlichen Welta n s ch auun g mitder atheistischen Auffassung, die leider in denKreisen der Gebildeten bereits stark überwiegt, zur Zeitim heftigsten Kampfe liegt und von: Gegner allgemein alsVerd u m m ungsanstalt ausgeschrieen wird. Man kannaber auf gebildete Katholiken erfahrungsgemäß keinentieferen Eindruck machen, als mit dem spöttischen Hinweis:ihr vertretet einen längst überwundenen Standpunkt, eineVerlorne, gehaltlose Sache, die Sache der Dummheit.Das ist das grobe Geschütz, womit die Vorkämpfer desAtheismus fortwährend Bresche schießen in unsere Reihen.Es gehört für einen gebildeten Katholiken mehr Muthdazu, vor solchem Geschütz Stand zu halten, als vor demmodernen Schnellfeuer eines feindlichen Armeecorps. EinHeld ist Jeder gern, aber keindummer Junge".

Aber sind denn die Katholiken nicht wenigstens in:Geschäftsleben hinter den Protestanten und Judenzurück, fragst Du weiter? Die Juden laß nur gleichaus dem Spiele; ihre geschäftliche Snpcriorität ist eineRassenfrage, die nnt der Religion wenig zu thun hat.Was dagegen die Protestanten betrifft, so genießen

sie augenblicklich noch in der Welt Schonzeit, solange sienämlich sich von den Vorkämpfern der atheistischen Welt-anschauung als Hilfstruppen gegen den Katholizismusgebrauchen lassen: sie gehören sonach zur Zeit noch zurbevorzugten, herrschenden Kaste im Lande, während dieKatholiken im Allgemeinen als die Parias gelten. Wen::daher die Katholiken wirthschaftlich nicht so emporkommenwie die Protestanten, so ist das vielfach die Folge plan-mäßiger socialer Zurückdrängung des kathol-ischen Elements, nicht aber ang eborner oder un-erzogner Minderw erthigkeit desselben.

Freilich sollte man an manchen Orten von den Ka-tholiken mehr Intelligenz, Gemeinsinn und Geschäfts-energie erwarten, als man thatsächlich findet. Allein dasprechen eben die mannigfaltigen Eigenthümlichkeiten desVolkscharaktcrs, natürliche Anlagen, örtliche Verhältnissen. dgl. auch ein entscheidendes Wort nnt. Welche Summevon Intelligenz, Gcschäftstüchtigkeit, materiellem Wohl-stand herrscht nicht unter den Katholiken der Rhcinlande,Belgiens, Hollands n. s. w.? In: Jahre 1870 iah ich zuFnlda eine Schaar vornehmer, katholischer Industriellervon: Rhein in Prozession, den Rosenkranz in der Hand,laut betend zum Grabe des hl. Bonisazius wallen.Die katholische Religion hindert wahrlich nicht, intelligent,geschäftsgewandt und wohlhabend zu sein. Damit will:ch nicht gesagt haben, daß die Katholiken überall auf derHöhe stehen, auf der sie stehen sollten und könnten, son-dern nur soviel, daß der Protestantismus dieMenschen nicht gescheidter und der Katholi-zismus nicht dümmer macht als sie ohnedieswären.

Eines aber muß ich zugeben, und das ist von e:n-schncidender Bedeutung, daß nämlich die Katholiken insogenannten kathol. Ländern, wo der JosepHinismusoder das Staatskirchenthum herrscht, hinter denKatholiken anderer, selbst protestantischer, Länder sowohlim religiös-kirchlichen wie wirthschastlichen Leben auf-fallend zurückstehen. Merke wohl: ich bringe hier nichtKatholiken mit Protestanten, sondern Katho-liken nnt Katholiken in Vergleich. Es scheint da mitdem kathol. Volke ganz dieselbe Wandlung vorgegangenzu sein, wie nnt den mittelalterlichen katholischen Gottes-häusern in den letzten dreihundert Jahren. Wie nämlichdiese monumentalen Kirchen in den Händen der Pro-testanten, die ja bekanntlich keine kirchliche Kunst unddaher auch keine Knnstverirrnng auf diesen: Gebietehaben, ihren ursprünglichen Stil und Charakter unver-sehrt beibehielten, in den Händen der Katholiken da-gegen während der Renaissanccperiodc oft bis zur Un-kenntlichkeit verzopft wnrdcn, so hat auch das katholischeVolk unter der Herrschaft des protestantischen Staates,seine ursprüngliche Glaubens- und Lebenscnergie in derRegel viel besser bewahrt, als unter der Herrschaft des.vsogenannten katholischen Staates,wo das josephin-»ischc Regime den katholischen Volkscharakter-oft bis zur link enntlichke it zu entstellen mußte.'Vergleiche nur einmal das katholische Volk in solchen,joscphinisch regierten katholischen Ländern Du brauchst.'ja nicht weit zu reisen nnt den: in: protestantischenPreußen, besonders am Rhein und in Ländern nnt reli--.giöser Freiheit; hier ernste Kirchenzncht, die sich be-'sonders in den Gotteshäusern so wohlthuend benicrkbarmacht, dgrt Disciplin losigkeit und Mißachtung dergeisttichen Autorität; hier alle Stände, höhere und niedere,wie aus einem Guß, eins und einig in Bethätigungdes katholischen Glaubens und der Liebe, dort Kirchen-flncht der höheren Stände einerseits und.religiösesFormelwesen, nennen wir's Sakramentalismns, derniederen Stände anderseits: hier ächter, katholischer Ge-m ein sinn und brüderliches Zusammenhalten auf allenGebieten, dort vielfach jämmerliche Zerfahrenheit undVerrath an der eigenen katholischen Sache; hierfestgcschlossene, innerlich gesunde Kirchengemeinden-in welchen die abgestandenen Katholiken weder Platz habennoch solchen verlangen, dort offenstehende, innerlichzersetzte Gemeinden, in welchen die abgestandenen Ka-thoftken in: Leben und in: Tode trotz entgegenstehenderkirchlicher Satzungen als vollberechtigte Mitgfteder geltenund den kirchlich-socialen Organismus vollends vergiften ;hier überall gemeinsame Bildung und Bildüngs-trieb mit wwthschastlichen: Emporblühen, dort vielfachin den unteren Schichten Mangel an bernfs»