Ausgabe 
(20.10.1897) 61
 
Einzelbild herunterladen

Apostolische Constitutimr KeinerHeiligkeit Heo's,

durch die göttliche Vorsehung Papstes,über die Wiederherstellung der Einheit des Hrdensder Minderen Ariider.

Leo Bischof.

Diener der Diener Gottes.

Zum ewigen Andenken.

Es ist Unseres Erachten?, durch eins glückliche Fügungund jedenfalls nicht zufällig geschehen, daß Uns einst vonallen Provinzen Italiens gerade Umbrien, die HcirnatbdcS heiligen Franziskns von Assisi, zn Theil ward, umdas bischöfliche Amt zu versehen. Denn durch die Gegendselbst dazu aufgefordert, ergaben Wir Uns einem ein-gehenden Studium über den seraphischen Vater, und daWir so viele Denkzeichen an ihn und gleichsam seine Fuß-stapfen betrachteten, die Uns nicht nur an ihn erinnerten,sondern ihn persönlich Uns vor Augen zu stellen schienen;und nachdem Wir wiederholt die Bergeshöhe von Alverniaerstiegen und die Orte sich Unseren Blicken darboten, woer das Tageslicht erblickt, wo er gelebt und gestorben,von wo aus durch sein Werk soviel des Guten und.Heil-samen in alle Gegenden des Westens und des Ostens sichergossen, da erkannten Wir um so besser und vollständigerdie Größe des Mannes und der ihm von Gott zugewiesenenAufgabe. Wunderbar ergriff Uns Francisci Auftretenund Wirken, und weil Wrr gewahrten, daß die innereKraft seiner Einrichtungen die christliche Gestaltung desLebens gar sehr gefördert hat und auch durch die Längeder Zeit nicht abgeschwächt werden kann, bestrebten WirUns, während Wrr das Bisthnm Perugia innehatten zurMehrung der christlichen Frömmigkeit und zur Erhaltungder guten Sitten im Volke den dritten Orden, dem Wirnun selbst seit 25 Jahren angehören, wiederherzustellenund zn verbreiten. Auch nachdem Wir den apostolischenStuhl bestiegen, behielte» Wir die gleiche Gesinnung und,,Absicht bei. Und da Wir aus diesem Grunde wünschten,daß dieser Orden nicht innerhalb enger Grenzen, sondernallüberall "erblühe und, wie früher, Gutes schaffe, mil-derten Wir, soweit es Uns nothwendig schien, seine Regel-vorschriften. damit solche zeitgemäßere Normirung beimchristlichen Volte allgemeinen Anklang fände. Der Erfolgerfüllte unsere Hoffnung und Erwartung.

Doch Unsere Liebe zum großen heiligen Franzisknsund zu seinen Stiftungen forderte von Uns noch etwasweit Bedeutenderes, und Wir beschlossen auf göttlichenAntrieb dessen Ausführung. Es hat nämlich jetzt dererste FranziSkaner-Orden Unsere Aufmerksamkeit in An-spruch genommen, und es gibt kaum einen zweiten, fin-den Uns eine wachsamere und liebevollere Obsorge zu-stünde. Denn gar ansehnlich und des Wohlwollens undder Zuneigung des apostolischen Stuhles würdig ist die-Ordensfamilie der Minderen Bruder, die zahlreiche undnimmer aussterbende Nachkommenschaft des heiligen F-ran-ziskus. Ihr Vater hat befohlen, daß sie die Regeln undLebensvorschriften, die er gegeben, in der ganzen Folgeder Zeiten aus das Gewissenhafteste befolge, und er hatnicht vergeblich befohlen. Denn es gibt kaum einen an-deren Mcnschenverein, der so viele Tugendhelden, so vielePrediger des Christenthums, so viele Märtyrer Christiso viele Bürger des Himmels hervorgebracht hätte, oderin dem so viele Männer vorhanden gewesen, die durchPflege jener Wissenschaften, die am meisten geschätztwerden, der Christenheit und auch dem bürgerlichen Ge-meinwesen Ruhm und Nutzen gebracht haben.

Zweifellos wäre die Menge dieser Güter größer unddauernder gewesen, wenn das Band engster Einigung undEintracht, wie es in der ersten Seit des Ordens bestand,immerdar geblieben wäre: denn je geeinigter die Kraft ist,desto stärker ist sie; durch Trennung wird sie gemindert(8. Illwm. 2, 2 c>a°, 9. 37, !>. 2, 3). Der vorausblickendcGeist des heiligen Franziskns hat das wohl erkannt unddadurch Vorsorge getroffen, daß er die Gesellschaft derSeinigen als eine unauflöslich verbundene und zusammen-bängende Körperschaft ganz richtig erdachte und gründete.

Was wollte er anders, was that er anders, als er eineeinzige Lebensrcgel vorlegte, die Alle ohne jede Ausnahmeder Zeit und des Ortes befolgen sollten, oder als er an-ordnete, daß Alle der Gewalt eines einzigen höchsten Vor-stehers unterworfen sein und gehorchen sollten? Daß dieBewahrung dieser Eintracht sein vorzüglichstes und be-ständiges Streben gewesen, bestätigt klar und deutlich seinJünger Thomas von Celano , indem er sagt:Er hatteden beständigen Wunsch und ein wachsames Streben, dasBand des Friedens unter den Brudern zn bewahren, damitDiejenigen, die ein Geist herbeigezogen, ein Vater ge-zeugt batte, im Schooße einer Mutter friedlich ver-sammelt waren." (Vita saemuls, p. 3, v. 21.)

Doch hinlänglich bekannt sind die späteren Ereignisse.Mag es an der Unbeständigkeit des menschlichen Willens,oder an der Verschiedenheit der Geister in einer so zahl-reichen Gesellschaft, oder an der allmäblig verändertenRichtung des allgemeinen Laufes der Zeit liegen: kurz.unter den Franziskanern griffen verschiedene Auffassungenüber die Einrichtung des gemeinsamen Lebens Platz. Jenevollständige Eintracht, die Franziskns im Auge hatte undanstrebte, und deren gewissenhafte Bewahrung von Seitender Seinen er wollte, umfaßte hauptsächlich zwei Punkte:die Liebe zur freiwilligen Armuth und die Nachahmungseines Beispieles in der Uebung der übrigen Tugenden.Das ist die Devise des Ordensinstitutes der Franziskaner, das die Grundlage seines unversehrten Bestandes. In-dessen einige seiner Jünger wünschten zwar ganz dieselbeäußerste Armuth an Allem, die der Heilige in seinemganzen Leben so hochgehalten: Andere aber, denen diesezu schwer schien, zogen eine gemilderte Lebensweise vor.So erfolgte eine Trennung, und es entstanden einerseitsdie Observanten, andererseits die Conventualen.

Ebenso wollten Einige jene strengste Enthaltsamkeitund die erhabenen Tugenden, durch die Franziskns sowunderbar geleuchtet, in großherziger Strenge, Ändere inmilderer Weise nachahmen. Nachdem aus den ersteren dieOrdensfamilie der Capuziner sich gebildet hatte, wareine Dreitheilung erfolgt. Doch darob schwand der Ordenkeineswegs dahin: denn es ist allbekannt, daß die Mit-glieder der einzelnen erwähnten Ordenszweige durchherrliche Verdienste um die Kirche und Tugendrnhmhervorragen.

Bezüglich der Orden der Capuziner und der Con-ventnalen haben Wir durchaus keine neue Bestimmunggetroffen. Beide mögen ihre rechtmäßige Verfassung undEinrichtung, wie bisher, auch in Zukunft besitzen. DiesesUnser Schreiben betrifft nur Diejenigen, die durch Ver-leihung des apostolischen Stuhles vor den übrigen denVorrang haben und den reinen, von Leo X . (Oon3(. ,,Us6t V 03 " IV. Lsl. lau. 1S17) erhaltenen NamenMindereBruder" festhalten. Auch ihre Lebensweise ist nicht allent-halben die nämliche, da sie zwar die Bestimmungen dergemeinsamen Regel zu beobachten trachten, doch die einemehr, die andere weniger strenge. Dieser Umstand hatbekanntlich vier Kategorien hervorgebracht: die Obser-vanten, die Reformaten, die Excalceaten oderAlcantariner, die Recol lecten; doch wurde die Ge-meinsamkeit nicht gänzlich aufgehoben. Denn obschon dieeinzelnen Ordensfamilicn in Privilegien, Statuten undLebensweise sich unterschieden und jede ihre eigenen Pro-vinzen und Noviziate hatte, so hielten doch stets, damitdas Princip der ursprünglichen Einigung nicht verlorenginge, alle an dem Gehorsam gegen einen und denselbenVorsteher fest, den sie mit RechtGeneralministcr des ge-summten Ordens der Minderen Brüder" nennen (Ueon X.vo»8t. oit.Its et vos'-). Mochte diese Vertheilung Vor-theils,after erscheinen als die vollkommene Gemeinschaftoder nicht: sie hat den -Orden zwar gespalten, aber nicht.gebrochen. Ja, da seine einzelnen Zweige seeleneifrige unddurch Tugend und Weisheit hervorragende Stifter undMitglieder hatten, wurden sie des Wohlwollens und derGunst der römischen Päpste für würdig erachtet. Indieser Beziehung gewannen sie Kraft und Fruchtbarkeitund erwiesen sich mächtig in Hervorbringnng heilsamerWirkungen und in Erneuerung der Tugendmuster deralten Franziskaner. Doch, welche menschliche Einrichtungkann sich denr Einflüsse des Alters entziehen?

Jedenfalls lehrt die Erfahrung, daß das Streben nach