Ausgabe 
(20.10.1897) 61
 
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Vollkommenheit, welche beim Ursprung und in der erst mZeit der religiösen Orden so streng zu sein pflegt, allmübi anachläßt und der ursprüngliche Eifer meist mit dem Alterabnimmt. Dieser Ursache des Verfalles, den die Zeit mitsich bringt und der allen menschlichen Vereinen von Naturaus anhaftet, gesellt sich als äußere Ursache feindliche Ge-walt bei. Der gewaltige Sturm, der seit mehr als hundertJahren gegen die katholische Christenheit wüthet, hat inseinem natürlichen Verlaufe auch die Hilfstruppen derKirche. Wir meinen die religiösen Orden, getroffen. Gibtes eine Gegend im Gestade Europas , die nicht ihre Be-raubung. Vertreibung, Verbannung, feindliche Behand-lung gesehen?

Wir müssen uns glücklich schätzen und es dem gött-lichen Beistand zuschreiben, daß wir sie nicht gänzlichvernichtet sehen. Nun aber haben sie aus diesen beidenGründen nicht wenig gelitten; denn die doppelte Bedräng-niß konnte nicht umhin, ihr Gefüge zu lockern, die frühereDisciplin ->u schwächen, wie in einem kranken Körper dasLeben abnimmt.

Daher die Nothwendigkeit einer Erneuerung. Eskehlte auch nicht an religiösen Orden, die aus eigenemAntriebe und mit lobenswcrther Bereitwilligkeit die er-wähnten Wunden zu heilen und zu ihrem früheren Zu-stande zurückzukehren bemüht waren. Obwohl nun dieMinderen Brüder dies sehr wünschen, so können sie esdoch schwer oder gar nicht erreichen, weil bei ihnen dasZusammenwirken vereinter Kräfte vermißt wird. In derThat, das Haupt des Ordens besitzt nicht über alle ein-elnen Zweige eine volle und absolute Gewalt; die bc-onderen Statuten einiger derselben gestatten mancheeiner Anordnungen zurückzuweisen; es ist klar, daß da-durch den; Widerstreit der Meinungen und Gesinnungentets die Thür offen steht. Ueberdies, obschon die ver-chiedenen Gemeinschaften einen Orden ausmachen undgewissermaßen eine Einheit bilden, aber doch den Pro-vinzen nach geschieden sind und je ihre eigenen Noviziatehaben, so geschieht es nur zu leicht, baß jede einzelne sichvon ihrem eigenen Interesse leiten läßt und sich mehrliebt als die Gesammtheit, so daß, da die einzelnen aufsich selbst sehen, die großen Vortheile der Gemeinsamkeitaußer Acht gelassen werden. Schließlich ist es kaum vonNöthen, die Streitigkeiten und Zwistigkeiten zu erwähnen,welche die Verschiedenheit der Ordenszweige, die Mannig-faltigkeit der Statuten, die ungleichen Bestrebungen so ofterzeugt haben, und die sich beim Fortbestände derselbenUrsachen täglich wiederholen können. Was ist aber ver-derblicher als Zwietracht? Hat sich diese einmal fest-gesetzt, so schwächt sie die Hauptlebenskräfte und bringtauch die blühendsten Gemeinschaften den Untergang ent-gegen.

Darum muß der Orden der Minderen Brüder durchBeseitigung der Zersplitterung seiner Kräfte gestärkt undgefestigt werden, umsomehr, als heutzutage die Volks-thümlichkeit eine große Rolle spielt; daher berechtigt eineGenossenschaft von Ordensleuten, die rhrem Ursprünge,ihrer Lebensweise, ihren Einrichtungen nach volksthümlichsind, zu keinen geringen Erwartungen. Denn Jene, diefür volksthümlich gelten, können sich viel leichter an dasVolk wenden und so für das gemeinsame Wohl wirkenund handeln. Wir sind dessen gewiß, daß die MinderenBrüder diese Gelegenheit, sich wohl verdient zu machen,eifrig und erfolgreich benützen werden, wenn sie stark, ge-ordnet, gehörig ausgerüstet dastehen.

(Schluß folgt.)

Heinrich Mehul.

Zu seinem 80jährigen Todestag (18. Okt. 1817)von A. G.

Die Zelt, in der wir leben, ist schnelllebcnd, aberauch schell vergessend, nnd doch ist es Pflicht der Nach-welt, eingedenk des Satzes: umwinisso z'nvat, sich derVorwelt zn erinnern, besonders wenn man an den Thatender Verlebten gleichsam noch zehrt, sich ihrer Schöpfungenerfreut, sich an denselben ergötzt. So möge, wenn auchkurz und bündig, Heinrich Mehul's gedacht werden, dessenunsterbliches WerkJoseph und seine Brüder" auch die

Deutschen heute noch begeistert. Er ist eines Mementoswerth nicht nur als Komponist, sondern auch als Mensch.

Heinrich Mehul, einer der größten Musiker Frank-reichs, erblickte das Licht der Welt am 24. Juni 1763zu Givet, einer kleinen Stadt im Departement der Ar-dennen. Arm von Haus aus, ohne Mittel zu seinerAusbildung, mit einer guten Stimme begabt, begeistertschon als Knabe für die Musik, genoß er zuerst denUnterricht eines blinden Organisten, sang auf dem Chorder Franziskanerkirche seiner Vaterstadt und war derenOrganist bereits in einem Alter von zehn Jahren. Eswird seine Kunstfertigkeit auf derKönigin der Instru-mente" damals schon gelobt, und die Franziskanerkirchebezw. das Orgelspiel des Kleinen zog Hunderte aus derHauptkirche dorthin. Der Abt eines nahen Klosters kamauf einer Inspektionsreise auch nach dem Prämonstcatenser-kloster Schussenricd im heutigen Württembergischen Schwaben-laud, allwo jetzt das Kloster in eine Staatsirrenanstaltumgewandelt wurde. Dort war Wilhelm Häuser Chor-regent, der den Abt auf seine inständigen Bitten nachseinem französischen Kloster begleitete, um hier Kirchen-gesang und Kirchenmusik, zu reformiren. Mehul hörtealsbald davon, ließ sich vorstellen, und der Anfang zu seinemGlück, der Anfang zn seinen; Ruhm war gemacht ge-macht durch ein Kloster, durch eine Anstalt also, beideren Nennung heutzutage mancher Deutsche sofort einegewaltige Gänsehaut bekommt! Hanser erkannte alsbalddas Talent des jungen Mehul, der ihn öfters besuchte.Da aber die Abtei ziemlich entfernt war, da der Knabebezw. dessen Eltern die Mittel nicht hatten, ihn alsPensionär im Kloster unterzubringen, so nahm letzteresdenselben gratis auf, und in dem Kloster und dessenherrlicher Umgebung erlebte er, wie er selbst gestand,die schönsten Tage seines Lebens. Mehul war aber auchdankbar, dankbar durch seinen Fleiß und sein stetes rast-loses Streben, dankbar dadurch, daß er im Kloster zweiJahre lang den Organistenpostcn versah. Wenig hättegefehlt, er wäre stets im Kloster geblieben als Ordens-mann. Der Oberst eines in der Nähe garnisonirendenRegiments trug die äußere Schuld, daß es anders kam.Derselbe, ein vortrefflicher Kenner der Musik, hatte auchMehnls großes Talent erkannt, er schlug ihm vor, ihnnach Paris mitzunehmen, dem Mittelpunkt des musikal-ischen Treibens von ganz Europa, und ihn dort vollendsausbilden zu lassen, und Mehul schlug ein. Dorthin zoger, sechzehn Jahre alt, im Jahre 1778.Bei der erstenAufführung von Glucks ,Jphigenic in Tauris' konnte erZeuge sein der großen Aufregung, welche der Wettstreitzwischen der italienischen und deutschen Musik hervor-gerufen hatte, nnd in dem Erfolg der letzteren einenmächtigen Antrieb zu eigenem Schaffen gewinnen," wieMendel sagt.

Mehnls Eifer in seiner Forivnonng, weicyc von oenbesten Meistern betrieben wurde, war ungemein groß,und bald erschienen die ersten Erzeugnisse seines Wissensund Könnens, nämlich mehrere Klaviersonaten, gewidmetseinem Lehrer, dem Componisten Edelmann. Diese Er-zeugnisse bewiesen aber dem Componisten selbst, daß ersozusagen für die Instrumentalmusik nicht geboren sei,und in Erkenntniß hievon wandte er sich mit nochgrößerem Eifer der Vocalmnsik, besonders dem drama-tischen Stile, zu seinem Felde. Sehr zn statten kamdamals dem jugendlichen Mehul die Zuneigung nndLiebe des Meisters Gluck, der die französische Oper re-gencrirt hatte.