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Drei Erstlingsopern hielt er selbst der Aufführungnicht würdig, eine vierte „^lonxo st Oors.«, reichte erbei der Großen Oper ein, und nach vollen sechs Jahrenwurde dieselbe endlich aufgeführt. Auch die KomischeOper brachte Werke des Meisters theils mit mehr, theilsmit weniger Erfolg, die Franzosen waren, >vie sie nochsind, mitunter zu verwöhnt, mitunter zu wetterwendisch.Das aber steht fest: Mehul zeigte sich als Meister haupt-sächlich in der Jnstrumentirung. Es folgte Werk aufWerk, Mehul stieg im Ansehen als Komponist — dieWerke einzeln aufzuführen, würde den uns zugewiesenen,Raum weit überschreiten — er war aber auch ein vor-züglicher Lehrer und leistete als einer der Jnspectorendes Konservatoriums Großes und Bedeutendes, benutzteaber diese seine Ehrenstelle zugleich stets dazu, seineeigene musikalische Bildung noch zu vervollkommnen.Wenig Glück hatte er in den ersten Jahren unseresJahrhunderts mit verschiedenen Nachahmungen der italien-ischen Opera bulla, welche alle Sujets ziemlich leichterbis sehr leichter Art zur Grundlage haben.
Zwei neue Sterne ersten Ranges stiegen am musikal-ischen Himmel auf, Cherubim und Spontini; erstererfeierte mit seiner „Faniskä", letzterer mit der „Bestalln"geradezu riesige Triumphe. Mehul mußte in das Lobnolsns völsus einstimmen, er that es, zugleich aber warf ersich wieder auf das eifrigste Studium besonders des Kontra-punkts und der Fuge, und die Frucht des Studiums warzunächst die Oper „Joseph in Egypten", welche erstmalsvor 90 Jahren, am 17. Februar 1807, in Paris auf-geführt wurde. Sie gefiel, aber nicht so, wie der Kom-ponist es hoffte. Da gerade diese Oper alsbald auch aufdem deutschen Theater Eingang fand und bis heute nochin Deutschland gern gehört wird, so mögen über diesesWerk speciell einige Kritiken von Kennern hier einenPlatz finden.
Der vielfach von Komponisten gefurchtste Musik-kritiker Hanslick-Wien schreibt: ,Joseph und seine Brüder'hat den Ruhm des Meisters für immer besiegelt. MehulsGrundsätze in der dramatischen Komposition waren imgroßen und ganzen die Glucks, nur modificirt, ivenn manwill gemildert durch die Verschiedenheit des Temperaments,der Nationalität, des Alters. Als oberstes Gebot be-trachtet er die Uebereinstimmung der Musik mit dem Wort,dem Charakter, der Scene. Die dramatische Wahrheitist ihm die oberste, aber nicht die einzige Forderung;den Reiz der Melodie, die Kraft der musikalischen Er-findung will er nirgends missen. „Du hast", schrieb erau Verton nach der Aufführung von dessen komischen Oper„I-s ostsvalisr ciss LäiMASk", „mit ausgesuchtem Ge-schmack den Punkt erfaßt, bei dem man einhalten muß,um nicht melodiös nur zu deklamiren, um nicht un-dramatisch bloß zn singen." Am reinsten und schlichtestenfinden wir diesen Grundsatz in Mehuls „Joseph" ver-körpert." Und Freiherr v. Biedenfeld sagt in dem Werke„Die komische Over": „Mehuls Meisterwerk ,Joseph undseine Brüder' wird stets Beifall finden und stets als einin sich vollendetes Kunstwerk tiefster nnd blühendsterInnigkeit, lebensvoller Melodie und erhabener Schön-heit, einfacher Harmonie erscheinen." Da Mehul mitden Erfolgen, die sein „Joseph" in Paris erzielte, beiweitem nicht zufrieden war, wurde er mißmuthig undwandte sich einerseits der „Balletmusik" zu, anderseitsder Komposition von Symphonien, hatte aber hierkeine Lorbeeren zu erringen. Er hatte sich bei denletztgenannten Kompositionen Haydu als bestes Vor-
bild genommen, blieb aber weit hinter diesemzurück.
Betrübt durch solche Mißerfolge, ein Brnstleidcnmit sich herumtragend, lebte er still für sich und seineLieblinge, die Blumen, in einem abgelegenen Häuscheneiner der Pariser Vorstädte. Noch einmal raffte er Geistund Körper zusammen, indem er die Oper „I-a, sournssaux avsnturss" zur Aufführung einreichte. Sie wurdemit Beifall aufgenommen — enthält auch schöne Pieren —,aber der Beifall galt mehr dem Manne, der viel geleistetund jetzt krank war, er galt seinem „Schwannengesaug".Die körperlichen Leiden nahmen zu, der Aufenthalt ineiner milderen Gegend wirkte wohlthuend, aber dasHeimweh trieb den Kranken wieder nach Paris zurück,wo er am 18. Oktober 1817 im Alter von 54 Jahrenmit Tod abging — nach dem Tode mehr geschätzt undgeehrt, als im Leben, wie es so manchem Sterblichengegangen ist, geht und gehen wird.
Mehul hat viel geleistet, am Ende zu viel, nnddarum nicht immer Hervorragendes. Als Mann war ervon strengster Rechtlichkeit, größter Uneigennützigkeit undEinfachheit, in den Sitten. Gern half er, wo er konnte»nnd er war ein väterlicher Freund seiner Schüler. Glückhatte er nicht viel, und manche Mißerfolge waren schuldig,daß er erbittert wurde und überall Feinde zu habenglaubte, besonders in den letzten Jahren seines Lebensund Wirkens, als bereits der Körper krank wurde —sein Geist blieb klar und hell, bis er starb. Auf ma-terielle Vortheile war der von Haus aus arme Meisternie erpicht. Zum Beweise hiefür mag schließlich nocheine Episode aus seinem Leben angeführt werden. AlsKaiser Napoleon I. ihm die erledigte Kapellmeisterstclleanbot, machte Mehul demselben den Vorschlag, sie zwischenihm und Cherubim zu theilen. Dieser collegialische schönePlan wurde freilich durch Napoleon vereitelt, der Cherubimnicht hold war. „As ms parlsx xas äs sst stsrnmsIL!" war die Antwort des Kaisers, und die Stelle er-hielt ein Dritter. Deßgleichen wollte Mehul den Kaiserbestimmen, Cherubin! den Orden der Ehrenlegion zuverleihen, den er selbst besaß; sein Bestreben war ver-gebens, aber Mehuls Eintreten für Cherubim zeigt klarsein gutes Herz, Cherubim war ja sein Rivale.
Die deutsch - französischen Allianzen
im 18. und 19. Jahrhundert.
Von V(Fortsetzung.)
Nach dieser Abschweifung wird es am Platze sein,jetzt den 70er Krieg mit seinem ganzen Jammer undElend und mit seiner Fülle tragischer Mißverständnissevorüberziehen zu lassen. Viel ist über diesen welthistorischenKrieg geschrieben worden, in Gedichten und Prosa; wollteman diese Ergüsse alle zählen, sie erreichen fast die Zahlder französischen Kriegsentschädigungssumme, ohne jedochauch nur annähernd den klingenden Werth derselben zubesitzen. Zunächst war die äußere Veranlassung PrinzLeopold von Hohenzolleru; wenige werden wissen, daßdieser zweifach (durch Mnrat und Beanharnais) mitNapoleon III. verwandt war. Ebenso ist es durchausirrig, zu glauben, die Kriegsbegeisteruug sei in Paris eine allgemeine gewesen. Noch im September 1870stritt man sich in der Pariser Akademie, ob mau — dasGrab der Makkabäer ankaufen solle; man sprach von derSensation erregenden Polka „Colibri" des Pianisten H.»