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n..c ganz wenig vom Kriege. Der „Rappel" war iinmcrfriedliebend,' ebenso dcmonstrirte eine riesige Arbeiter-versammlung gegen den Krieg. Am Tage der offiziellenKriegserklärung erschoß sich in Washington der fran-zösische Gesandte Prövost-Paradol, da er den Ausgangahnte; ebenso rief Louis Blaue, der die Nachricht mitEmil dc Laveley ein London empfing, ans: „Wir werdenunterliegen!"
Eine weitere Legende des 70er Krieges ist die Be-geisterung der französischen Soldaten für Napoleon .d'Hörisson erzählt,'4 daß der Kaiser im Lager vonEhülons sich von Witzbolden anulken lassen mußte. Alsdie Soldaten an ihm vorbei defilirten, rief ein Spaß-macher: Vivo i'Lwporsur!; dann zählten die andern1, 2, 3 und riefen: N . .. . (ein gemeines Schimpf-wort). Trotzdem schrieb der „Monsieur" unterm 20.August hierüber: „Die Soldaten haben ihn umringt undihn gebeten, sie vorwärts zu führen."
Napoleon III. war es auch, der den vielgcschmähten,von Gambetta moralisch hingeschlachteten Bazaine zumSündenbock seiner Politik machte; er redete ihm in alleshinein, und als feine Rathschläge sich als die denkbarschlechtesten erwiesen, zog er sich nach Chälons zurück,damit Bazaine die furchtbare Last der Verantwortlichkeitallein trage. Vom August 1870 schreibt der patriotischeFranzose d'Hörisson: „Paris hat mehr das Aussehen, alsbereite sich eine Revolution (gegen Napoleon ) vor, nichteine Belagerung." Derselbe schiebt alle. VerantwortungNapoleon III. zu; mit nicht mißzuverstehender Deutlich-keit wirft er auch der Kaiserin Engenie vor, sie habeNapoleon zur Uebernahme der Hcerführnng gedrängt,um während ihres Gemahls Abwesenheit in Paris dieRegentschaft an sich reißen zu können. — Während derPariser Belagerung herrschte die kläglichste Uneinigkeitund Zerfahrenheit unter den leitenden Persönlichkeiten.General Trochn, der Stadtcommandant, hielt, statt dieVertheidigung zu organisircii, lange Reden er besaßeine Virtuosität darin — und nannte sich den „JesusChristus " der Situation, während der verlogene Theater-held Gambetta , der seine Laufbahn damit begonnen hatte,in der Kammer zwei Soldaten der Linie zu vertheidigen,welche in die Correctionstrnppc geschickt wurden, da sieeinem Redner applandirt hatten, welcher die ErmordungNapoleons III. besprach, in den Provinzen sich nmher-trieb und lügenhafte Telegramme über Telegramme allent-halben versandte. Mit rührender Beredsamkeit wußteer auseinanderzusetzen, er habe schon als Kind, jedenfallsin Borausahnuug der kommenden Dinge, sich selbst einAuge ausgestoßen, um nicht Priester werden zu müssen,um besser seinem Vaterland dienen zu können; vielmehrverlor Gambetta sein Auge, als er einem Messerschmiedzuschaute und — als Kind von sechs Jahren — jeden-falls noch keine Nevanchegedauken hegte. Ebenso sicherist, daß die sonst so ehrwürdige Jungfrau von Orlöans,deren Heldengestalt gerade während des 70er Krieges sichwieder zu erheben begann, in ihrer Jugend weder Schafenoch Schweine gehütet hat. Lesigne in „Im Lu ä'uirvlöAanäa" (Paris 1889) hat den ihr anhaftenden roman-tischen Nimbus — bei aller Achtung ihrer wahren, nn-gcheucheltcu Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit — zerstörtund damit dem giftsprüheuden, grünängigen Ungeheuerder Revanche einen seiner gefährlichsten Eckzahne ansge-
brochen. Die Ironie der Weltgeschichte will ja auch, das;das Heldenmädchen nicht gegen die Preußen, sonderngegen den wirklichen Erbfeind der Franzosen , die Eng-länder, kämpfte. Thatsache ist, daß 1870 mehrere hyster-ische Französinnen sich als Nachfolgerinnen der Jungfrauvon Orlöans berufen fühlten und ins Irrenhaus gebrachtwerden mußten.
Noch einige Worte über den sonderbaren PatriotenThiers, den liböratour tlo territoire. Was es mitletzterem Beinamen für eine Bewandtnis; hat, ist wirklichkostbar. Die „Befreiung des Territoriums", die von denFranzosen so heiß ersehnte, hatte nämlich Bismarck demehemaligen Finanzminister Pouyer-Quertier schon bewilligt,Thiers aber, um selbst das Verdienst zu haben, ignorirtedies; denn, sagte er, sonst würde ich der uasomklösgegenüber die Rolle einer vioillo könne spielen. Sokam es, daß Bismarck einmal ein besserer französischerPatriot war, als der eitle Thiers, der .Hohepriester desPatriotismus. Derselbe Thiers verstand es, nach demFriedensschlüsse durch die vielen Büttel seiner diplomat-ischen Hausapotheke einige russische Emigranten, die sichin das politische Lazarett, Paris geflüchtet hatten, an sichzu locken, so die Prinzessin Lisa Trnbetzkoi, welche mitfranzösischem Gelde 1872 in Petersburg ein französisch-russisches Journal (In blorva.) gründete, das jedoch baldeinging. Die Prinzessin verfeindete sich später mit Mac-Mahon und starb in Vergessenheit. 1874 reiste der Zarnach England, ohne Frankreich zu berühren. Eine En-tente schien also in weiter Ferne, so sehr auch der Duodez-Catilina Henri Rochefort , der politische Klopffechter, undder pompöse Odenfabrikant Victor Hugo ihre Künstespielen ließen.
(Fortsetzung folgt.)
Recensionen und Notizen.
Huck Chr., Dogmenhistorischer Beitrag zur Geschichteder Waldenser, nach den Quellen bearbeitet. 8'.pp. II 83. Freiburg i. Br., Herder 1897. M. 2,00.
§ Die Geschichte der Waldenser wurde seit Flacius Jllyricus von den protestantischen Kirchenhtstorikern ausbegreiflichen Gründen immer mit besonderer Vorliebe be-handelt. Nur wurden dabei die ältesten und zuverlässigstenQuellen, sofern sie katholischer Herkunft sind, über Gebührvernachlässigt, um eben das Bild zu gewinnen, das manwünschte. Der Verfasser des Buches rit der erste, der aufkatholischer Seite es unternimmt, die dogmengeschichtlicheEntwickelung des Waldenserthums einer quellenmäßigenDarstellung zu unterziehen und sein Verhältniß zum Pro-testantismus klarznlegen. So füllt das Buch eine Lückein unserer Literatur aus und ist als eine verdienstliche,werthvolle Gabe zu begrüßen.
Leb recht Jo h., Geistliches Brennglas, oder: Eine Rom »reise mit nützlichen Abstechern. Ein Büchlein fürArbeiter. 8", 92 SS- Freiburg i. Br., Herder l897.M. 0,50 gebd.
-- Unterhaltliche und lehrreiche Plaudereien in frischemTon gehalten, dem mau nur ein bischen die Absicht an-merkt, ein berühmtes Muster zu erreichen. Der Titel istganz verunglückt nnd von ausgesuchter Geschmacklosigkeit.Das Büchlein bietet im Rahmen einer Reise eine für dasVerständniß des Volkes berechnete Vertheidigung kathol-ischer Einrichtungen und Bräuche, die so gelegentlich zurBesprechung kommen und zwar mit eurem großen Auf-wand von Begeisterung. Auch einige Bilder schmückendas Buch, welches gewiß nicht ungern gelesen wird undin den Kreisen, für die es geschrieben ist, sicher Guteswirken kaun.