Ausgabe 
(23.10.1897) 62
 
Einzelbild herunterladen

428

erlegt worden sein soll. Zur Lösung dieser Aufgabe zogsich der Deutsche in sein Kämmerlein zurück, um dasBild des Kameels aus den Tiefen seiner Wissenschaftzu schöpfen; der Engländer jedoch eilte zu Schiffe, umdas Kamee! in seiner Heimat!) aufzusuchen. Aehnlichnun wie sein Landsmaim verfuhr Mr. R. L. Garner inBezug auf die Affen. Ausgerüstet mit einem zerleg-baren Käfig aus Stahldraht, der mit grüner Schutzfarbeangestrichen war, begab er sich nach dem innern Afrika ,in den von giftigen Insekten, Schlangen und wildenThieren wimmelnden fieberschwaugern Urwald, um dieSitten und die Sprache der großen Affen in deren Häus-lichkeit zu beobachten. Das Ergebniß machte er der Weltkund in seinem BucheOorillas anä Lbiroxanriaes",aus welchem ein Herr Dr. Th. Beer in dem genanntenFeuilleton das Wesentliche mitgetheilt hat.

Mit einer gewissen Rührung", so schreibtHerr Beer,wird man von den tiefsten Wurzeln unsererSprache, dieser wundervollen Blüthe menschlicher Ent-wicklung lesen und sich des Aufschwunges der Mensch-heit aus so primitiven Anfängen erfreuen. Daß wir unsin kurzer Zeit so hoch erhoben haben, gibt gute Hoffnungauf noch viel herrlichere Entwicklung."

Abgesehen von derkurzen Zeit", die von Darwin und Häckcl auf Hunderte und Tausende von MillionenJahren geschätzt wird, welches sind jenetiefsten Wurzelnunserer Sprache", die Mr. Garuer bei den großen Affendes afrikanischen Urwaldes gefunden haben will? WieHerr vr. Th. Beer mittheilt, hat Mr. Garuer sich be-sonders mit den Schimpansen und Gorillas beschäftigt.Er unterscheidet zwei Arten von Schimpansen, von denender eine Knlu-Kamba, d. h.der Knin sagt", von denEingeborenen geheißen wird.Der Kulu ist intelligenterals sein Vetter und zeigt die Fähigkeit zum Denken fastwie ein menschliches Wesen. Er hat einen großem Reich-thum von stimmlichen Aeußerungen, von denen manche

sanft und musikalisch sind." Leider hat der Bericht-

erstatter von diesen stimmlichen Aeußerungen, die erWorte nennt, und die wohl den nächtlichen Gedanken-tönen des Katers Hidigcigei entsprechen, keine mitgetheilt,und das wäre doch nicht allein wegen einergewissenRührung", sondern mehr noch aus wissenschaftlichenGründen von einem gewissen Interesse gewesen.

Es wird von diesen angeblichenWorten" leidernur bemerkt:Der Affe verwechselt sie nie in ihrerBedcntnng, und wurde umgekehrt ihm in seiner Spracheein Wort mitgetheilt, so verstand er es und handelte

darnach". Diese Entdeckung ist gewiß um so rührender,

als es. alle übrigen Thiere genau gerade so machen.Sie haben seit Uranfang ihre unveränderlichen Laute,welche nicht nur von den Wilden, sondern auch vonEuropas übertiinchter Höflichkeit", z. B. zu Jagdzwcckcn,sogar mit Glück nachgeahmt werden.

Hanptgegcnstand der Beobachtungen vr. Garncr'swar ein junger Schimpanse, der aber kaum ein Jahr altbereits gestorben ist.In der Absicht, die Sprache derMenschenaffen zu stndiren, berichtet vr. Th. Beer, ver-wendete Garuer die größte Aufmerksamkeit auf die vonseinem Pflegling hervorgebrachten Laute."Garuer konntebald fast alle Laute, die das Baby (der junge Affe)hervorbrachte, wiederholen, aber er konnte in der kurzenZeit ihres Zusammenlebens nicht alle deuten. Doch lernteer bald eine Smnmänßernng oder ein Wort, mit demder Schimpanse alles bezeichnete, was ihm vertraut war,«in anderes für Alles, was ihm fremd war. Er hatte

ein Wort für Hunger, Nahrung, Essen rc., ein anderesfür Wohlbefinden, ein anderes für das Gegentheil da-von."Der Schimpanse gebraucht ein bestimmtes Wort,wenn er seinesgleichen zu sich rufen will. Eingeboreneversichern, daß eine Mutter immer mit diesem Wort ihrJunges ruft." Allerdings, wir gestehen es,mit einergewissen Rührung" lasen wir von diesentiefsten Wurzelnunserer Sprache", über welche Mr. Garuer bei denWilden eine Belehrung sammelte, die er viel wohlfeilerzu Hanse im ersten besten Hühnerhof hätte finden können,wo jede Henne mit dem altenGluk, Gluk, Gluk" ihreKüchlein unter ihre Flügel ruft.

Garner versuchte auch, das Baby einigemenschliche Worte sprechen zu lernen. Esdauerte lange, bis der Schimpanse begriff, um was essich handelte; aber nach einigen Wochen unermüdlicherVersuche seines geduldigen Lehrers und bei der An-eiferung mit Corued Bcef wofür er eine besondereSchwäche hatte, begann er schließlich zu begreifen,um was es sich handelte; er beobachtete Garner's Lippenund bemühte sich, deren Bewegungen nachzumachen. Dasfranzösische Wortkou", das deutschewie" brachte erverständlich zusammen, und Garner meint, daß der Schim-panse, wenn er länger gelebt hätte, diese und andereWorte vollkommen zu meistern gelernt hätte."

Noch rührender! Mr. Garner zeigte sich ja wettgeschickter in Erlernung der Stimmänßerungen seinesAffeubabys als dieses in Erlernung menschlicher Worte!Welche Snperiorität!Daß wir uns in kurzer Zeit sohoch erhoben haben, gibt gute Hoffnung auf noch vielhöhere Entwicklung", meint Herr Beer; der Verfasserdes Aufsatzes in Beilage Nr. 57 derPostzeitung" je-doch bemerkt, auf Grund der Verschiedenheiten zwischenMensch und Affe liege weit näher der andere Schluß,daß nicht der Mensch vom Affen, sondern der Affe vomMenschen abstamme und eine durch fortgesetzte Verwahr-losung bis zur äußerstenJnferiorität" herabgekommeneMcnschen-Abart sei. Denn Thiere wie Pflanzen Pflegennach der allgemeinen Erfahrung von selbst nicht sich zuveredeln, sondern immer zu verwildern. Und wenn I. Rankesagt, die sogenannten Menschenaffen,die Anthropoidenwerden in Beziehung auf den aufrechten Gang vomTanzbär weit übertroffen", so muß Mr. Garner'sSchimpanse vor dem Staar derschönen Müllerin",vor Lebrccht Hühnchens RabenHopdiquax" und vorjedem Papagei ob seiner abgründigenJnferiorität" indie innerste Seele hinein sich schämen.

Und gar erst noch der Gorilla!Garner hältden Gorilla, schreibt Beer, für den schweigsamstenAffen; er konnte von wilden und zahmen nicht mehr alsvier Laute lernen, von denen nur zwei verdienen, Wortegenannt zu werden. Aber sein nächtliches, meilenweithörbares Gebrüll, das am ehesten an Eselsgcschrei erinnert,soll schauderhaft sein." Darum tief, meerestief mag dieRührung sein, wenn so einEdclmensch", wie HerrProfessor Lchmanu-Hohenberg auf dem Hamburger Lehrer-tag sich und seine Zuhörer titulirt hat, wenn so einEdelmensch" liest, was vor ihm derintelligente" Kulu-Kampa sanft musikalisch oder der Schweiger Gorillanächtlich esclslaut in Tönen gedacht, und wie dann wires so herrlich weit gebracht, ans soprimitiven Anfängen"zu sowundervoller Blüthe menschlicher Entwicklung",wie z. B. zu so einer Edelmensch-Ncde vomerhöhtenStandort" an denGsistesadcl der deutschen Nation".

Der grün angestrichene Stahldrahtkäfig des Mr.