Ausgabe 
(23.10.1897) 62
 
Einzelbild herunterladen

429

Garner im tropischen Urwald Afrikas war also verloreneLiebesmühe. Viel naher hätte das Gute für seinephilologischen Forschungen in einem Affentheater gelegen.Freilich Pflegen dort keine sogenannten Anthropoiden,keine von ihren Freunden als menschenähnlich bezeichneteAffen aufzutreten. Schon die verschiedenartigsten Mit-glieder des Thierreiches haben ihre Künste zum Bestengegeben, aber ein Schimpanse, ein Orang-Utan, einGorilla ist auf den Brettern, welche die Welt bedeutenund gerade einem Anthropoiden zur Entfaltung des affen-mäßigen Nachahmungstriebes Raum geboten hätten, nochnicht erschienen. Auch für Mr. Garner's Affenbaby wares ein rechtes Glück, daß es alsgescheidtes Kind" nichtalt geworden ist. Denn Virchow sagte in seiner Redeauf dem Anthropologen-Congreß zu Speyer 1896 (Cor-respondenzbl. 9 rc. S. 82):Wir wissen schon langeZeit, daß die größte Aehnlichkeit mit dem Menschen nichtbei den großen ausgewachsenen Exemplaren besteht, sonderngerade bei den kleinen; die jungen Orang-Utans undGorillas sind dem Menschen sehr veil ähnlicher, als ihremehr entwickelten Formen. Darum habe ich vor vielenJahren die These aufgestellt, daß, je mehr der Affe sichentwickelt, er um so mehr sich vom Menschen entfernt."Je weiter der Affe kommt, um so thierischer wird er."

Vor einigen Jahren entdeckte der holländische ArztEngen Dnbois fast in der Mitte der Insel Java, wieVirchow erzählt (I. v. 81), eine Stelle, von der es, weilvulkanische Produkte in großer Mächtigkeit mit sedimentärenAblagerungen gemischt sind, heute noch nicht klar sei,welcher geologischen Zeit sie angehört. Dort hatte einFluß ein tiefes Bett mit steilen Abhängen gerissen, undin einer tiefen Schichte um das Flußbett fand Dnboisunter anderen Knochenresten der jüngsten Tertiärzeit einSchädeldach, zwei Zähne und einen Ober-schenkel, und zwar in verschiedenen Jahren und inverschiedener Entfernung bis zu 15 Meter von einander.Man konnte mancherlei Zweifel darüber hegen, sagtVirchow, ob sie überhaupt zusammengehörten. Dnboisnahm jedoch an, daß sie zusammengehören, undaufGrund von vier Stücken, den einzigen dieser Art, die erfand, schlug er vor, das Individuum, dem sie angehörten,mit dem Namen Pithekantropus (Affenmensch) zu belegenund dasselbe als eine Uebergangsform zwischen dem Affenund dem Menschen anzuerkennen".

Wir haben seiner Zeit in der Berliner anthropo-logischen Gesellschaft eine ganze Reihe von Sitzungendiesen Dingen gewidmet, Herr Dnbois ist in Person zuuns gekommen, und wir haben eine ganze Sitzung nurüber diesen Gegenstand gehandelt, ohne daß wir zu einervollkommenen Verständigung gekommen sind."Ichhabe dann gefunden, und darin stimme ich mit HerrnDnbois überein, daß unter den bekannten lebendenanthropoiden Affen einer ist, der in der That in vielenDingen mit dem Pithekanthropns übereinkommt; das istder Gibbon, oder, wie er zoologisch genannt wird, derHylobates."

Ich habe durch meinen sehr geübten Zeichner einegenaue, ganz speciell controlirte geometrische Zeichnungmachen lassen vom Gibbonschädel, habe dann diese ver-größern lassen, soweit, daß sie in der linearen Grund-lage mit dem Schädel des Pithekanthropns übereinstimmt,und dann habe ich beide in einander zeichnen lassen. Eshat sich eine so große Uebereinstimmung ergeben, daßdamals wenigstens alle Anwesenden sie anerkannten. AuchZweifler sagten: ja, es muß doch dieselbe Thicrart sein.

Seitdem hat einer meiner Collegen, Professor WilhelmKrause, ein sehr geübter und erfahrener Anatom, sich überdie Gibbonskelette hergemacht und ist genau zu demselbenResultate gekommen. Ich kann daher nicht umhin, zuerklären, daß für mich der Pithekanthropns ein demgegenwärtigen Gibbon außerordentlich nahe verwandtesWesen gewesen ist, und ich finde in mir wenigstens keineSchwierigkeit, mir vorzustellen, daß neben den Gibbonsder Gegenwart es einen riesigen Gibbon der Vergangen-heit gegeben hat, wie das in der Paläontologie so oftvorkommt."

Allein während Dnbois, der Entdecker jener vierKnochenstücke, noch zurückhaltend ist und blos zu beweisenversuchte, daß dieselben durch wesentliche Merkmale nichtallein von andern Affen, sondern auch vom Menschen sichunterscheiden, um so sein Uebergangsgeschöpf herauszu-bringen, ist nach Virchow's Worten (i. o. 83)in denReihen derer, welche den menschlichen Charakter dieserjavanischen Reste betont haben, die Kühnheit immergrößer geworden, bis kürzlich Herr HonzL den komoxrimiKknius llavanensis constrnirte".

Unter den zwei Zähnen, die da gefunden wurden,ist einer, der eine weit auseinanderstehende Wurzel hatte,so weit, daß man nicht recht begriff, wie sie in einemmenschlichen Kiefer hätte Platz finden können. Der Kieferist nicht gefunden worden; davon weiß man nichts, manweiß nur, daß einen solchen Riescnzahn kaum ein Menschhat. Jetzt hat Herr Houzä nach langer, anstrengenderArbeit entdeckt, daß es einen solchen Zahn vom Menschengibt; einen hatte er aufgefunden mit Hilfe aller seinerFreunde."Herr Honza nimmt einen Zahn von Java,der dem Pithekanthropns angehört haben soll, und einen,glaube ich. aus Australien, diese zwei stellt er zusammenund schließt daraus, daß der Pithekanthropns der Ur-mensch war. Das ist das ganze Material, auf Grunddessen er die so schwierige Frage entscheiden will."

Diese Methode ist nicht ganz neu auf dem Gebieteder Paläontologie. Die Paläontologen haben es mirfrüher schon übel genommen, daß ich darauf hingewiesenhabe, daß es eine ungenügende Methode ist,aus einem einzigen Knochen eine entscheidendeSchlußfolgerung zu ziehen."Wer sich dannberufen fühlt, auf Grund eines einzigen, vielleicht nichteinmal vollständigen Stückes ein definitives Urtheil überdas ganze Geschöpf, ja sogar endgültige Erklärungenüber die höchsten Probleme, welche die Geschichte derMenschheit überhaupt betreffen, abzugeben, der ist gewißein sehr tapferer und entschlossener Mann (Enthusiastenhat Virchow solche Leute vorher genannt), aber ob erebenso klug wie entschlossen ist, das muß erst die Zukunftlehren."

Ein so tapferer und entschlossener Mann scheint nunProfessor Lehmann-Hohenberg zu sein. Als solcher be-währte er sich schon in der vorjährigen Hamburger RedeüberVolkserziehnng nach entwicklnngsgcschichtlichen Grund-sätzen als Staatskunst der Zukunft", die er nach eigenerErklärung (Volkserzieher" Nr. 2)in einer außer-ordentlich stark besuchten Vorversammlnng des DeutschenLchrertages hielt, und die mit großem Beifall auf-genommen wurde". Emporgeschwungen auf dener-höhten Standort der Betrachtung" läßt er im Vollgefühleseiner Snpcriorität mit gewaltigem Flügelschlagen seinestimmlichen Aeußerungen ertönen:Leben wir in einerverkehrten Welt? Die Wissenschaften werden auf denGassen verkündet, und die Menge (Socialdemokraten,