Ausgabe 
(23.10.1897) 62
 
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Frauenrechtlerinnen u. s. w.) treibt damit ihren Un-fug .... Waran liegt das 2 Alles echte Wissen hateinen aristokratischen Charakter und kann niemalsin vollem Umfang Besitz der großen Menge werden.Schuld daran kann mir die Nückständigkeit unsererleitenden Kreise sein." Ohne den Widerspruch zumerken, der in einer solchen Beschuldigung der leitendenKreise liegt, kanzelt nun Herr Professor Lehmannn dieKirche, die Regierungen, die Hähern Schulbeamten, dieTheologen, die Juristen, Historiker, Philologen, besondersHrn. Bischof Kornm, die Abgg. Nickert, Rören, v. Eyncrn,Virchow, das ganze preußische Abgeordnetenhaus wegenihrerNnckständigkeit" herunter und empfiehlt ihnenBücher zum Studium.

Ich behaupte, erklärt Herr Lehmann-Hohenberg, die neue Weltanschauung derEntwicklungs-Lehre beherrscht bereits dengrößten Theil der Volksschullehrerschaft."Von denhöheren Erzichungs- und Schulbeamten" habekeiner selbst naturwissenschaftlich gearbeitet". Eine be-sonders große Nntvissenheit habe Bischof Kornm an denTag gelegt in seiner Rede vor dem Katholischen Bezirks-Lehrervercin Trier am 9. Juni l. Js.Die Fragenach der th ierischen Abstammn« g des Menschen-geschlechtes ist wissenschaftlich längst bejahendentschieden," erklärt er dem Bischof-Es nützt unsalles nichts, schreibt Herr Professor, gegen unsere Her-kunft können wir nichts ausrichten, und wir müssen nnsdamit abfinden, daß wir alle ohne Ausnahme au einemOrte geboren wurden, von dem wir nicht gerne sprechen.Intim kaaevZ et urivmm imsciinnr," das sollte unsernHochinnthsdiinkcl mäßigen. Jedes Menschenleben beginntmit der elementarsten Form der organischen Zelle.Embryologie, vergleichende Anatomie, Paläontologieführen zu dem zwingenden Schluß: Menschen nnd Thierebesitzen eine gemeinsame Abstammung."

Andere Leute sind nun aber, wie aus dem Obigensich ergibt, gerade der gegentheiligen Ansicht. Interessantist besonders die Erklärung, daß die neue Weltanschau-ung Lchmann-Hohcnberg'sden größten Theil der Volks-schullehrerschaft beherrscht". Die Gegenüberstellung ihrerSnperiorität gegen die Rückständigkeit der kirchlichen undstaatlichen Behörden, auch derhohem Erziehungs- undSchnlbeamten" ist allerdingseine verkehrte Welt", unddie Art und Weise, ivie Lchniann - Hohenberg sich alscompetenter Vertreter einer materialistischen Weltanschau-ung gebärdet, hat mehr Socialdemokratisches als Aristo-kratisches an sich, und gleicht mehr dem Treiben der-Menge, das von ihm selber alsUnfug" bezeichnetwird. Sollte der Mensch wirklich vom Thier abstammen,so würden weit besser als Schimpanse, Orang-Utan,Gorilla u. s. w. zn Vorfahren des aufrecht gehendennnd sprechenden Menschen sich gualificiren der Tanzbäroder Papagei.

Die deutsch - französischen Allianzen

im 18. und 19. Jahrhundert.

Von V(Fortsetzung.)

So hatte auch vor dem 70er Kriege Victor Hugo auf dem Fncdenscoiigreß von Lausanne gesprochen. Washat er gesprochen? so fragte man in köstlicher Persiflage !seines excentrischen Stils, und weiter:Wer hat 1823 !den spanischen Krieg besungen? Victor Hugo . Wer hat !

1828 die Austerlitzsäule verehrt ? Victor Hugo . Wer-Hai1832 eine Ode auf Napoleon II. gedichtet? Victor Hugo Wer spricht also heute gegen sich selbst? Victor Hugo ."

Interessant ist es, zu wissen, daß während desKrieges 1870/71 die einzige französische Zeitung inPetersburg , dasJournal de St.-Petersbourg", ganzunparteiisch und gemäßigt vornehm war. Nur derGolos" und die russische Börsenzeitnng waren deutsch-feindlich, während die russischen Offiziere sich an dendeutschen Siegen begeisterten. Das französischeJournalde St.-Petersbourg" war damals redigirt von demBelgier Victor Capellemans, einem für die Versöhnungzwischen Deutschland nnd Frankreich schwärmenden En-thusiasten. Interessant ist in dieser Beziehung seineBroschüre:6o Hus pourra, otrs una rönnmn xrb-xarakoirs aux clölistaratioim clo l'assemlMo oon-stiknankö cig Kranes?" Der Hochbegabte starb imWahnsinn, von der fixen Idee ergriffen, der erste Tenoristzn sein.

Wenn man heute viel von einer französisch-russischenAllianz spricht, die geschlossen werden soll oder schon ge-schlossen worden ist, je nachdem man darüber etwas znwissen glaubt, so ist nnstreitbar richtig hieran, daß zumersten Male in der Weltgeschichte eine Annäherung zwischendiesen beiden Reichen constatirt werden muß. Diese An-näherung datirt seit dein Berliner Congrcß, also immer-hin geraume Zeit nach dem deutsch -französischen Kriege.Die Slavophilcn und Panslavisten haben hiezu beige-tragen. Als Ursachen des Deutschenhasses in Rußland hat man sogar die deutschen Offiziere im Heere Karls XII. ,die nun schon fast zweihundert Jahre todt sind, bezeichnenzu müssen geglaubt. In Wirklichkeit ist es die nationaleReaktion der Russen gegen den überlegenen deutschen Geist. Es ist unbestritten, daß Rußland nicht nur seineDynastien (Katharina II. war eine Deutsche), ja seineGründer (die Waräger), sondern auch seine Feldherren,Staatsmänner, Generäle nnd Minister zumeist den Deutschen verdankt. Kein modernes Volk hat so bereitwillig fremdenEinflüssen, Namentlich deutschen, sich hingegeben, hat aberauch aus eigenen Kräften so wenig originelle Geister undbedeutende, selbstständige Geister hervorgebracht alsdas heilige Rußland der Slavophilcn, das aber ziemlichunheilig ist, dessen Regierungsprincip die Knute, Sibirien und der Galgen ist. Was hat Rußland , dieses uner-meßliche Völkermeer, im Vergleich zn Deutschland undFrankreich geleistet? Die kolossalsten Weltereignisse sindspurlos an ihm vorübergegangen, so die mongolischeWeltherrschaft, als deren Nachklang nur der durch Bi-zarrerien auffallende Kreml in Moskau anzusehen ist.Ueberhanpt ist Exceutricität das begleitende Merkmal allerbegabten Russen: Iwan der Schreckliche hatte ein Ver-gnügen daran, martervollen Hinrichtungen, wie demSieden eines Menschen in geschmolzenem Blei, beizu-wohnen, und er war kein Regent desfinsteren Mittel-alters" mehr, sondern Zeitgenosse derjungfräulichenKönigin Elisabeth von England"; Peter der Große hatteein Vergnügen am Zähneziehen, Romanzoff ließ die un-glaublichsten Berichte drucken, Potemkin putzte Tage langseine Diamanten, die Dolgorukys können keine Katzenund Aepfel leiden, Nikolaus I. hatte, wie wir sahen, einIdiosynkrasie gegen Paris .

Die meisten bedeutenden Russen aber waren fremd-ländischer Herkunft: die Glinskij's und Kantemir's sindtartarischen Ursprungs, die Oussupow's und Urussow'snogaischcn, die Engalytschew's, Jenikeiew's mordwinischen