Ausgabe 
(30.10.1897) 63
 
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Anschwellungen erweiterte, sicher irgend eine Micania,zog sich durch die Laubfülle; Schlingpflanzen mit ge-drehtem Stamm stiegen nach aufwärts in das Blätter-dach des Urwaldes, nnd eine Bauhinia, .lubuti-mutä,-mutü, hatte ihren merkwürdig flachen, starkgewcllten Stammmindestens ein halb Dutzend Male nebeneinander hinaufund hinab geschlungen und gehangen. Die Lianen- undLuftwurzeldraperie des Urwaldes war dermaßen ineinander-gesponnen, daß, als das störrische Maulthier meiner Reise-gefährtin einen Sprung in das Dickicht wagte, sie wiedas Thier, aus der sie augenblicklich einschnürendenPflauzenumstrickung, erst durch die hilfreichen Bnschmefferder zwei Führer wieder befreit werden konnten.

Auch an farbenprächtigen Blüthen fehlte es heutenicht im Urwald, und es berührte uns eigenthümlich,manche unserer Gartenpflanzen hier in wildem Zustandewiederzufinden. Die rosablühende LoZonia angulurioLaäckiO) gedieh am Rande der Picada, Rittcrsterne(^inarMis I,.), von denen die meisten nur eine Blüthetrugen,') leuchteten feurig roth im Dunkel des Waldesauf. Die kavonia multiüora L. flnss., ^) eine strauch-förmige Malvacee, unterbrach mit ihren ebenfalls rothenBlüthen das ewige Grün der Pflanzenwände. Bignonienrangen im allgemeinen Streben nach pflanzenwllrdigemDasein um ihre Existenz, und Greisenbärte (IManäsiuU8N6oick68 I>.) hingen ihr silberweißes Geflecht von denBaumästeu herab.

Eine Araponga (6Im8worz'NLiiu8 nuäieoUis VieiU.),einer jener schneeweißen, scheuen Vogel, welche die höchstenNeste der Riesenbäume aufsuchen und den Urwald mitihren Glockentönen erfüllen, ließ sich vor uns auf denWeg herab, floh aber erschreckt vor den Hufen der Maul-thiere. Hübsche Pfefferfrcsser mit ganz gelbem Leib undschwärzlichen Flügeln, vermuthlich ^näi^ena bailloniVioiU.,b) wetzten ihre charakteristischen Riesenschnäbcl amdichten Geäst. An einer lichteren Stelle zogen einige dergroßen, grünflügeligen Araras (^ra astloroMrg. (7. L.6r.) kreischend über uns hinweg. Später ritten wirdurch Capoeira-Vcgetation an einem hohen Strauch vor-bei, welcher von oben bis unten mit grünen, orange-stirnigen Periquitos (Oonurus auraus 6in.) besetzt war,welche rastlos durcheinander kletterten.

Unser Saumpfad war über alle Beschreibung schlecht.Wieder hatten wir viel Piloes, solch lehmige, wie durcheinen Pflug gerissene Erdtreppen zu passiren, in derenLöcher unsere Thiere tief einsanken. Dann ging es wiederso steil bergauf und bergab, daß wir uns bald an dieMähne unserer Mulas klammern, bald nach dem Schweif-riemen zurücklangen mußten, um nicht aus dem Sattelzu gleiten. Von Zeit zu Zeit führte unser Weg anAnsiedelungen vorbei, welche ganz vereinzelt auf einerRodung inmitten des Waldes lagen und von Anus(tlrotopstuga Lni I,.) heimgesucht waren. Wir fandenhier, mit Ausnahme eines Preußen, nur Brasilianer als

") Daselbst in mein Herbarium gesammelt.

') Welche Species es war, ist nicht zu ergründen, daes mehrere ein- bis zweiblüthige, rothblühende Species indiesen Theilen Brasiliens gibt.

6) Daselbst in mein Herbarium gesammelt.

°) Die Schattirung des Gelbs der gesehenen Tukanehabe ich in meinen Reisenotizen nicht genauer angegeben.Gelben Leib, aber Heller schattirt als H.. bailloui, habenauch die in den Küstcnwäldern gemeinen LtsroAlossu8vvisäi Sturm, doch da ich keine rothe Bauchbinde notirthabe, dürfte letztgenannte Species in diesem Falle wohlausgeschlossen fein, ich müßte denn in Folge des Dickichtsdie rothe Bauchbinde nicht bemerkt haben.

Kolonisten. Mit jedem Reisetag landeinwärts nahmendie bebauten und bewohnten Strecken sichtlicher ab, undimmer mehr trat der jungfräuliche Wald in seine nochunbestrittenen Rechte. Man konnte deutlich ersehen, loievon der Küste her die Cultur Schritt für Schritt in dieUrwaldwildniß vordrang.

Wir berührten die Ufer eines von Süd nach Norddem Nio Doce zuströmenden Flusses, der den NamenSanta Maria trägt, wie der Flußlauf, welchen wir vonVictoria aus zu Canon aufwärts verfolgt hatten. Dieurwaldbedeckten Ufer des Flusses, welche streckenweise dieeines Waldsees vortäuschten, waren anmuthig, aber anUeppigkeit nicht zu vergleichen mit den Seeufern in derAmazonasniederuug. Ueberhaupt blieb die Vegetations-fülle des hiesigen Nuto vir^oru hinter derjenigen derHylaea zurück. Namentlich fehlte die strebepfeilerartige,überwältigende Entwicklung der Bombaceenstämme und-Wurzeln; Tafelwurzelbildnngen waren nur in be-scheidener Weise vertreten. Terrestrische und epiphytischeBromeliaceen, einige mit rothem Blütheustand, schmücktendas Waldinnere. Riesige lanzettliche und herzförmigeAraceenblätter, wohl Blätter von Anthurien und Ca-ladien, überkleideten den Boden. Bambusgräscr standenzu Dickichten zusammen. Ueber die Wipfel einigerBäume hatten Schlinggewächse ihren farbigen Blüthen-mantel geworfen.

Unser Weg führte nun über einen Berg, welchemnoch höhere, uns als Serra da Desgra^a bezeichneteBerge zur Linken blieben. Von unserem erhöhten Stand-punkt aus, hatten wir einen schönen Blick hinab in einweites, urwaldbedecktes, vom Rio Doce durchströmtesThal. In der Mitte des Thales erhob sich ein konischerHügel, jenseits wurde dasselbe von einem bewaldetenHöhenzug begrenzt.

Den ersten kurzen Aufenthalt nach sechsstündigemRitt nahmen wir bei einer von Wälschtirolern bewohntenHütte, wo uns die sympathischen Laute der italienischenSprache fast wie Heimathklänge begrüßten. Doch erstnach einer weiteren halben Stunde Reitens wurde Mit-tagsrast gehalten, und zwar waren es wieder Südtiroler,welche uns gastlich aufnahmen. Wir theilten ihr natio-nales Mahl, Risotto und Polenta, welche uns weit bessermundeten, als die meist mangelhaften brasilianischen Ge-richte. Es war hier eine größere Ansiedlung mit Mais-,Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen und schönem, großemHornvieh. Daß der zu cultivirende Boden noch erweitertwerden sollte, bewies uns ein zu Roduugszwecken ange-zündeter naher Waldstreifen, welcher prasselnd nndknisternd in sich zusammenstürzte.

Da wir hier einige frische Maulthiere eintauschenmußten, wurde unser Aufenthalt wider Willen auf etlicheStunden ausgedehnt. Obwohl es schon im Schatten29,5 ° 6. hatte, es war Nachmittags 2 Uhr, be-nutzte ich nichtsdestoweniger die aufgezwungcne Pause,um auf dem sonnigen Wiesenhang nach Schmetterlingenzu jagen. Da gab es solche, welche ganz roth zu seinschienen und wohl der in Brasilien durch mehrere Artenvertretenen Gattung Dioue zugehört haben dürften. Da-neben flatterten intensiv blau schillernde Theclen, vielleichtMrövla kubriola Lrum. Und dort gaukelten zwischenden farbenprächtigeren Brüdern Danainen mit florartigdurchsichtigen und solche mit braungelb, schwarz nnd weißschmal gestreiften und gefleckten Flügeln. Doch all diesegelang es mir nicht, mit dem Netz zu erhäschen. MeinJagdergebniß war eine OaUieors 6rarn., eine